Sind in vielen Haushalten zu finden
Herrgottswinkel zeugen vom Glauben

Erna Haidl aus Speisendorf mit Pfarrer Josef Pichler und Pfarrkirchenrätin Aloisia Kainz.
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  • Erna Haidl aus Speisendorf mit Pfarrer Josef Pichler und Pfarrkirchenrätin Aloisia Kainz.
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In christlichen Haushalten in unserer Diözese finden sich Herrgottswinkel, die zeigen, wie tief verwurzelt Glaube und Kirche sind. Diese Zeichen der Frömmigkeit haben meist in der Stube oder in der Küche einen unübersehbaren und zentralen Platz bei den Familien. Viele sind sehr persönlich gestaltet.

"Unsere Gottesmutter bekommt immer frische und bunte Blumen“, erzählt Erna Haidl aus der Pfarre Speisendorf. Liebevoll hat sie den Herrgottswinkel hergerichtet. Dieser ist bei der Familie Haidl an einem zentralen Platz: nämlich in der Küche. Anderswo ist es das Wohnzimmer oder die Stube. Als begeisterte Wallfahrerin hat Frau Haidl die Marienstatue aus Lourdes mitgebracht. Die Pfarrkirchenrätin aus Speisendorf, Gemeinde Raabs/Thaya, hat auch ein Kreuz von ihrer Enkelin dazugehängt, das diese zur Erstkommunion bekommen hat.

Enthalten oft Persönliches

Herrgottswinkel sind also oft indidviduell gestaltet und geben preis, was den Familien besonders wichtig ist. Ähnlich ist es bei Karoline Lang aus der Pfarre Tulln-St. Stephan. In ihrer Wohnküche haben sie und ihr Mann ein gesegnetes Wandkreuz hängen. Je nach Stand im Kirchenjahr wird es mit Tannenzweigen, Palmkätzchen oder gesegneten Kräutern geschmückt. „Wir haben diese Tradition immer gelebt, auch als unsere Kinder noch klein und daheim waren. Die Kinder haben jetzt in ihren Wohnungen ein Kreuz hängen“, betont Frau Lang gegenüber „Kirche bunt“. Auch in ihrem Arbeitszimmer hat sie einen kleinen Gebetsort eingerichtet, „weil ich dort öfter und ungestörter bin“.

Die Pielachtaler Familie Triml hält ebenfalls den Herrgottswinkel mit persönlichen Gegenständen in Ehren. Dazu zählen eine orthodoxe Ikone, ein modernes Kreuz, eine Darstellung des heiligen Franz von Assisi und Erinnerungen an Jerusalem.

Mittelpunkt in Haushalten

Der Herrgottswinkel ist in christlichen Häusern ungefähr seit dem 16. Jahrhundert in Europa verbreitet. Als ge­sichert gilt, dass diese tiefreligiöse Raumgestaltung ab ca. 1700 Einzug in die Bauernhöfe, aber auch Wirtshäuser Österreichs hielt. Maßgeblich geprägt hat den Begriff der steirische Schriftsteller Peter Rosegger (1843-1918). In vielen Haushalten war und ist der Herrgottswinkel der selbstverständliche Mittelpunkt der Familien.

Auch für die Familie Schlöglhofer aus Aschbach ist der Stubentisch mit dem Herrgottswinkel der zentrale Aufenthaltsort im Haus, dort kommen sie zusammen, um zu essen, zu feiern und zu beten. Die Bilder neben dem Kreuz sind über hundert Jahre alt und wurden immer in Ehren gehalten.

In strengen Wintern waren die Bauernhöfe früher nicht selten eingeschneit, sodass der Weg zur Kirche unmöglich war. Daher hielt man die Andacht als würdigen Ersatz zuhause unter dem Herrgottswinkel ab. Der Herrgottswinkel ist seit Jahrhunderten in katholischen Häusern integriert und ist noch in vielen Wohnstuben zu finden. Meist in der Zimmerecke an der Fensterseite am Ende des langen Familientisches ist das Kreuz aufgestellt, umgeben von Mariendarstellungen, von Heiligenbildern oder auch von Bildern verstorbener Angehöriger.

Beim Tischgebet oder in einer Minute des Nachdenkens, der Klage oder Bitte wendet sich die Aufmerksamkeit dem Herrgottswinkel zu, im Vertrauen, dass der Gekreuzigte oder einer seiner Heiligen helfend präsent ist. Jesus blickt dabei vom Kreuz auf die Familie, wenn diese sich bekreuzigt und das Tischgebet spricht. Nach Möglichkeit ist der Herrgottswinkel nach Osten ausgerichtet. In der christlichen Tradition steht der Sonnenaufgang symbolisch für die Auferstehung.

Im „Winkel“ direkt unter Zimmerdecke hängt das Kreuz, hinter das auch der Palmbuschen gesteckt wird. Darunter auf einem Eckpodestchen oder auf dem Dreieckspodest der Eckbank hat oft die Muttergottes mit einigen dazu passenden Ziergegenständen oder einer Pflanze ihren Ehrenplatz. Vielfach liegt der Herrgottswinkel in einer Zimmerecke gegenüber dem Ofen.
Am Palmsonntag werden in der Kirche Palmzweige geweiht, die hinter die Kreuze gesteckt werden. Im Sommer wird das Kreuz gern zusätzlich mit frischen Blumen geschmückt. Sind die Kinder älter und erfahren beispielsweise zur Verhüllung des Kreuzes in der Passionszeit etwas im Kommunionunterricht, kann man diesen Brauch zu Hause nachvollziehen.

In alten, über Jahrhunderte nicht veränderten Stuben von Bauernhäusern gibt es noch ganz besondere Herrgottswinkel. Unter dem Kreuz befindet sich ein in das Holztäfer der Wand in­tegriertes Kästchen mit einem Glastürchen. In dieser Vitrine ist eine religiöse Szene mit in edlen Stoff gekleideten Figuren dargestellt.

Kreuze statt Herrgottswinkel

Erfahrene Seelsorger wie der Purgstaller Pfarrer Franz Kronister sagen, dass die Herrgottswinkel in den bäuerlichen Haushalten noch oft anzutreffen seien, in den Neubauten dafür weniger. Aber: Vielen Familien sind Kreuze in der Wohnung sehr wichtig. Ähnlich sieht es auch der Pfarrer von Gmünd-St. Stephan, Rudolf Wagner. In Familien mit älteren Personen seien die Herrgottswinkel noch gute Tradition, in neueren Häusern finde man sie dagegen weniger, wenngleich manche Jungfamilien sie mitnehmen. Auf Haussegnungen oder Kreuze legen noch viele großen Wert.

Kreuze hängen in zahlreichen christlichen Haushalten über der Eingangstür, in der Küche oder in den Kinderzimmern. Manche Familien gestalten diese heute aus Holz und Ton oder mittels Mosaiktechnik selbst.
Erzdechant Wilhelm Schuh, Pfarrer von Maria Anzbach, sagt, es hänge bei jungen Familien davon ab, ob sie aus gläubigen Elternhäusern kommen – dann nehmen sie ihre Traditionen mit. Ausschmückungen mit Marien- und Jesusbildern sehe er kaum noch, Kreuze jedoch schon. Manchmal nimmt Pfarrer Schuh diese zu Haussegnungen mit, meist erhalten junge Familien diese Kreuze aber bei der Hochzeit oder von ihren Eltern geschenkt.

Der Pfarrer von Mautern, Dechant P. Clemens Reischl, weiß aus seiner pas­toralen Erfahrung, dass der klassische Herrgottswinkel noch vereinzelt in Häusern und Wohnungen zu finden sei. Öfters entdecke P. Clemens „Plätze in Wohnungen, wo Familien ein Kreuz oder ein Marienbild der Vorfahren haben, aber verbunden mit Fotos von der Familie, Bildern von Verstorbenen und auch kleine Dinge, wie Steine und immer auch Kerzen oder Teelichter“. Da sei zu spüren, was Menschen heilig ist.

Autor:

Wolfgang Zarl aus Niederösterreich | Kirche bunt

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