Der Eintritt ins Heiligste
- Das von göttlicher Hand gemalte Bild des Weltherrschers Christus.
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Unweit der Lateranbasilika, deren Weihetag die ganze Kirche am 9. November feiert, befindet sich eine kleines Heiligtum, das selbst die hochmittelalterlichen Päpste nur mit goßer Demut betraten.
Hätte Indiana Jones einmal ein Abenteuer in Rom erlebt, es hätte sich mit ziemlicher Sicherheit um einen ganz bestimmten Ort gedreht: Die „Sancta Sanctorum“ nämlich, ein kaum 50 Quadratmeter großer Raum voll unglaublicher und vor allem überirdischer Schätze. Einst die Privatkapelle der Päpste, kann sie heute von Pilgern besucht werden, um dort einen der bedeutendsten Reliquienschätze der katholischen Kirche zu verehren.
Die erste Erwähnung des Oratoriums findet sich in der Zeit Papst Stephans III. (Pontifikat 768-772). Bis ins späte 20. Jahrhundert durften nur die römischen Bischöfe, ihre engsten Vertrauten und Mitarbeiter in diesen Raum. Wenn man weiß, was sich darin befindet, wird einem klar, warum man so bedacht darauf war, die Kapelle nur einem kleinen Kreis von Personen zu öffnen: Die Schädel der heiligen Petrus und Paulus, die Bank, auf der Christus beim letzten Abendmahl gesessen haben soll, Jesu Sandalen, seine Nabelschnur und sogar seine Vorhaut sollen sich in dem Schrein aus Zypressenholz befinden.
Unglaubliche Schätze, die das Göttliche ganz nah werden lassen. Beim Betreten der Kapelle beteten die Päpste immer dieses Gebet, um sich möglichst gut auf das vorzubereiten, was sie erwartete: „Nimm hinweg von uns, wir bitten Dich, Herr, unsere Missetaten,
damit wir mit reinen Herzen in das Heiligste eintreten dürfen.“
Der Evangelist Lukas soll das Bild begonnen haben –
vollendet aber hat es ein Engel.
Ein Teil der Reliquien wurde in andere Kirchen Roms gebracht, doch der größte Schatz ist bis heute in dieser kleinen, von mittelalterlichen Fresken gezierten Kapelle: Eine Ikone Jesu Christi, die nicht von Menschenhand, sondern von Gott selbst gemalt worden sein soll. Der Legende nach soll der Evangelist Lukas – den man als Maler auch anderer berühmter Ikonen annimmt – das Bild begonnen haben, aber vollendet wurde es durch einen Engel. So nennt man es bis heute „Acheropsita“, was so viel bedeutet wie „nicht von menschlicher Hand gemacht“. Schon früh erfuhr das Bild eine hingebungsvolle Verehrung durch die römische Bevölkerung. Papst Stephan II. (Pontifikat 752-757) trug das Bild in einer Prozession durch die Stadt, um Rom vor den einfallenden Langobarden zu bewahren. Seitdem verbindet sich mit dem Bild ein eigener Kult, der von eigens dafür eingerichteten Bruderschaften und Orden gepflegt und gefördert wurde. Jedes Jahr zu Mariä Himmelfahrt wuschen sie die Füße des Bildes mit Rosenwasser und trugen es durch die Stadt, zu anderen Kirchen, um Christus die dort befindlichen Ikonen der Heiligsten Gottesmutter quasi „besuchen zu lassen“. Am Ostersonntag kümmerte sich der Papst höchstpersönlich um das Bild und vollführte in der Lateranbasilika eine Art Nachstellung der Auferstehung, an dessen Ende er die Füße Jesu küsste.
Da das Bild durch die Jahrhunderte andauernde Verehrung – göttlicher Ursprung hin oder her – nicht mehr in dem allerbesten Zustand war, ließ Papst Innozenz III. (Pontifikat 1198-1216) das Bild umfangreich restaurieren und silberne, reich verzierte Platten darauf montieren, die das Bild vor dem weiteren Verfall schützen sollten. Nur das Gesicht ist heute noch zu sehen und eine kleine Tür am unteren Ende des Bildes macht den Weg frei zu Christi Füßen.
Das Allerheiligste, ganz nah
„Sancta Sanctorum“ – das kann man auch mit „Allerheiligstes“ übersetzen, einem Begriff, der Katholiken als Bezeichnung für die konsekrierte Hostie, also den Leib Christi, geläufig ist. Diese Ähnlichkeit in der Nomenklatur legt nahe, dass dieser, in prachtvollen Gefäßen aufbewahrte Reliquienschatz in Wahrheit eine ähnliche Funktion verfolgt, die in der Eucharistie wesenhaft ist: Gott zu vergegenwärtigen.
In der außerordentlichen Form des römischen Ritus, also jener Messform, die vor dem Zweiten Vaticanum die gängige war, spricht der Priester, während er zum Altar hinaufgeht, eben jene Worte, die die Päpste beim Eintritt in das „Sancta Sanctorum“ sprachen: „... damit wir mit reinen Herzen in das Heiligste eintreten dürfen.“ Hier wird deutlich, dass das vollkommene Heilige, die sakramentale Gegenwart Christi, die Vergegenwärtigung seines Todes und seiner Auferstehung, in der Eucharistie präsent ist. So wertvoll und großartig der Reliquienschatz am Lateran auch ist: Der allerheiligste Gott ist ganz in der Eucharistie gegenwärtig, die in der Kapelle „Sancta Sanctorum“, der Lateranbasilika, auch „Mutter und Haupt aller Kirchen“ genannt, und in jeder „einfachen“ Pfarrkirche gefeiert wird.
Autor:Matthias Wunder aus Niederösterreich | Kirche bunt |
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