Glauben verstehen - von Dr. Piotr Kubasiak
Beten zu Weihnachten? Ein Kind stellt alles auf den Kopf

„Herr, lehre uns beten“ (Lk 11,1) – die Bitte, welche die Apostel an Jesus gerichtet haben, drängt sich auch vielen von uns auf die Lippen.  | Foto: Victoria - stock.adobe.com
  • „Herr, lehre uns beten“ (Lk 11,1) – die Bitte, welche die Apostel an Jesus gerichtet haben, drängt sich auch vielen von uns auf die Lippen.
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„Herr, lehre uns beten“ (Lk 11,1) – die Bitte, welche die Apostel an Jesus gerichtet haben, drängt sich auch vielen von uns auf die Lippen. Man kann sich mit dem Beten oft allein gelassen fühlen – in Zeiten von Corona wird das sichtbarer denn je. Das Beten ist aber auch grundsätzlich nicht einfach: Man findet oft nicht viele Menschen im Freundeskreis, mit denen man sich zu diesem Thema austauschen kann. Wenn man über das Gebet nachdenkt, kommen Zweifel: Ist das wirklich ein Dialog oder rede ich nur vor mich hin? Handelt Gott, wenn ich ihn bitte? Interessieren Gott meine Kleinigkeiten?

Zu Weihnachten ist man mit vielen Gebetsbeispielen konfrontiert: die Christmette, die persönliche An­betung des kleinen Jesus in der Krippe, Szenen wie die knienden Maria und Josef, das ‚Gloria in excelsis Deo‘ der Engel, die Hirten an der Krippe, die Anbetung durch die Drei Könige. Was aber können uns die Geschichten über das Beten
lehren?

Der Innsbrucker Theologe Reinhard Meßner prägte den Satz: „Im Gebet geschieht nicht Information, sondern Transformation (des Menschen)“. Am Beispiel von Weihnachten könnte dies heißen, dass die Anbetung des Kindes unser Gottesbild verändert: Der Schöpfer und Befreier ist einer von uns geworden. Es ist also kein ferner Gott, sondern „Gott unter uns“.

Nicht einer, der uns nur durch seine Allwissenheit verstehen kann, sondern einer, der das Leben aus Erfahrung kennt. Kälte, Hunger, Tränen und Dunkelheit hat er selbst erfahren. Gleichzeitig verändert die Anbetung uns selbst, sagt uns, wer wir sind: Menschen, die nicht in der Luft hängen. Wir verdanken unser Kommen in die Welt nicht uns selbst; viele Situationen liegen nicht in unseren Händen; wir befinden uns in einer Abhängigkeit – von Gott und den Mitmenschen. Kälte, Hunger, Tränen und Dunkelheit treffen auch uns.

Indem uns die Anbetung verändert, eröffnet sich ein weiterer Aspekt des Gebets: Indem ich weiß, wer das Kind ist und wer ich bin, kann ich die biblische Geschichte mit meiner Lebensgeschichte verbinden. Sein Kommen zeigt unsere Gemeinsamkeiten auf, kann aber gleichzeitig etwas verändern: Sein Licht kann meine Dunkelheit er­hellen. Diese Hoffnung eröffnet die Möglichkeit des Bittgebets (auch des Dankes, des Lobes oder der Kla­ge): Gott möge sich meiner Kälte, Hunger, Tränen und Dunkelheit annehmen.

Nach der Anbetung des Kindes werden meine Bitten vielleicht nicht erhört, aber meine Welt wird heller, indem die Geschichte Jesu zu meiner Geschichte wird und ich merke, dass unsere Geschichten zusammengehören. Ein Kind stellt alles auf den Kopf – auch das Beten.

Eine Reihe von „Kirche bunt“ in Zusammenarbeit mit den THEOLOGISCHEN KURSEN der Erzdiözese Wien und der Österreichischen Bischofskonferenz

Autor:

Kirche bunt Redaktion aus Niederösterreich | Kirche bunt

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