Interview mit Bischof Dr. Alois Schwarz
„Die Bewahrung der Schöpfung gehört zum Kern unseres Glaubens“

Bischof Dr. Alois Schwarz ist in der Österreichischen Bischofskonferenz u. a. auch für die Agenden Umwelt und Landwirtschaft zuständig. | Foto: Diözese St. Pölten/Moritz Schell
  • Bischof Dr. Alois Schwarz ist in der Österreichischen Bischofskonferenz u. a. auch für die Agenden Umwelt und Landwirtschaft zuständig.
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Der Weltgebetstag zur Bewahrung der Schöpfung am 1. September rückt die Verantwortung des Menschen für Umwelt, Klima und natürliche Lebensgrundlagen in den Mittelpunkt. Angesichts zunehmender Wetterextreme, Trockenperioden und wachsender gesellschaftlicher Herausforderungen spricht Bischof Dr. Alois Schwarz, der in der Österreichischen Bischofskonferenz für Umwelt- und Landwirtschaftsthemen zuständig ist, über die Bedeutung der Schöpfungsverantwortung, die Sorgen der Menschen und die Rolle von Kirche, Politik und Gesellschaft für eine lebenswerte Zukunft.

Welche Bedeutung hat der Weltgebetstag zur Bewahrung der Schöpfung heute angesichts der zunehmenden Klima- und Umweltkrisen?

Bischof Dr. Alois Schwarz: Der Tag der Schöpfung erinnert uns daran, dass die Welt nicht einfach unser Besitz ist. Sie ist uns anvertraut. Gerade angesichts von Hitze, Trockenheit, Unwettern und dem Verlust von Lebensräumen bekommt diese christliche Grundhaltung eine besondere Dringlichkeit. Wir dürfen die Schöpfung dankbar genießen, aber wir tragen zugleich Verantwortung dafür, sie auch kommenden Generationen als lebenswerten Ort zu hinterlassen.

Was bedeutet der Auftrag, die Schöpfung zu bewahren, konkret für Christinnen und Christen im Jahr 2026?
Bischof Schwarz:
Schöpfungsverantwortung beginnt im Alltag: bei unserem Umgang mit Lebensmitteln und Energie, bei Mobilität und Konsum sowie bei der Frage, wie achtsam wir mit Ressourcen umgehen. Christlicher Glaube erschöpft sich nicht im Gebet, sondern zeigt sich auch darin, wie wir handeln. Gleichzeitig dürfen wir die Verantwortung nicht allein beim Einzelnen abladen. Es braucht ebenso wirtschaftliche und politische Rahmenbedingungen, die nachhaltiges Handeln ermöglichen.

Hat sich Ihr Verständnis von Schöpfungsverantwortung in den vergangenen Jahren verändert?

Bischof Schwarz: Vielleicht ist mir noch deutlicher geworden, wie eng ökologische und soziale Fragen miteinander verbunden sind. Wenn sich das Klima verändert, trifft das nicht alle Menschen gleichermaßen. Wer wenig Geld hat, wer krank oder pflegebedürftig ist oder wer wirtschaftlich unmittelbar von der Natur lebt, spürt die Folgen oft zuerst. Die Sorge um die Schöpfung ist deshalb immer auch Sorge um den Menschen.

Welche Sorgen hören Sie derzeit besonders häufig von den Menschen?
Bischof Schwarz:
Viele Menschen beschäftigt die Frage, wie sich ihre unmittelbare Lebenswelt verändert. Landwirtinnen und Landwirte sorgen sich um Ernten und die Zukunft ihrer Betriebe. Ältere Menschen leiden unter langen Hitzeperioden. Familien fragen sich, welche Welt ihre Kinder einmal vorfinden werden. Gleichzeitig nehme ich auch eine gewisse Erschöpfung wahr: Viele Krisen treffen gleichzeitig aufeinander. Deshalb brauchen Menschen nicht nur Warnungen, sondern auch Zuversicht und konkrete Perspektiven.

Sie haben es angesprochen: Extreme Hitze betrifft vor allem ältere Menschen, Kranke, sozial Schwächere ... Wie kann die Kirche hier konkret helfen?
Bischof Schwar
z: Kirche ist in vielen Gemeinden sehr nahe bei den Menschen. Pfarren, Caritas, Besuchsdienste und ehrenamtlich Engagierte können gerade in Hitzeperioden aufmerksam sein: Wer lebt allein? Wer braucht Unterstützung? Wer benötigt einen kühlen Ort oder Hilfe bei alltäglichen Erledigungen? Unsere Kirchen sind vielerorts zudem Orte, die auch an heißen Tagen Abkühlung und Ruhe bieten. Entscheidend ist eine Kultur des Hinschauens und der Nachbarschaftshilfe.

Erleben wir Ihrer Meinung nach eine neue Realität, an die sich Gesellschaft und Politik dauerhaft anpassen müssen?

Bischof Schwarz: Wir sehen jedenfalls Veränderungen, die wir ernst nehmen müssen. Wetterextreme stellen Landwirtschaft, Gemeinden, Gesundheitswesen und Infrastruktur vor neue Herausforderungen. Vorsorge und Anpassung sind daher ebenso notwendig wie konsequenter Klimaschutz. Dabei dürfen wir nicht nur von Verzicht sprechen. Es geht auch um Innovation, neue Technologien und die Chance, unsere Lebens- und Wirtschaftsweise zukunftsfähiger zu gestalten.

Die Landwirtschaft war heuer besonders stark von Hitze und Trockenheit betroffen, und viele landwirtschaftliche Betriebe stehen wirtschaftlich unter Druck. Wie können sie in dieser Situation Hoffnung und Perspektiven bewahren?

Bischof Schwarz: Zunächst müssen wir ihre Sorgen ernst nehmen. Hinter Meldungen über Niederschlagsmengen, ausgetrocknete Böden und Ernteausfälle stehen Menschen und Familien, die um ihre wirtschaftliche Existenz ringen. Gleichzeitig sehe ich viele Bäuerinnen und Bauern, die mit großem Wissen und enormem Einsatz ihre Betriebe weiterentwickeln und sich an veränderte Bedingungen anpassen. Diese Menschen verdienen nicht nur unsere Anerkennung, sondern verlässliche Rahmenbedingungen und konkrete Unterstützung. Hoffnung entsteht dort, wo jemand weiß: Ich bin mit meiner Sorge nicht allein.

Welche Verantwortung trägt die Gesellschaft gegenüber jenen, die unsere Lebensmittel produzieren?

Bischof Schwarz: Eine sehr große. Wir dürfen Lebensmittel nicht als etwas Selbstverständliches betrachten, das einfach im Supermarktregal entsteht. Unsere Bäuerinnen und Bauern sorgen für hochwertige Lebensmittel, pflegen unsere Kulturlandschaft und übernehmen Verantwortung für Böden, Wälder und Lebensräume. Wer regionale Lebensmittel kauft und bereit ist, für Qualität einen fairen Preis zu bezahlen, stärkt diese Betriebe. Wertschätzung muss sich auch wirtschaftlich zeigen.

Welche politischen Maßnahmen halten Sie angesichts zunehmender Wetterextreme für besonders dringend?

Bischof Schwarz: Als Bischof möchte ich der Politik keine detaillierten Maßnahmenkataloge vorgeben. Aber ich wünsche mir langfristige und verlässliche Rahmenbedingungen. Dazu gehören der Schutz von Böden und Wasser, eine widerstandsfähige Land- und Forstwirtschaft, Vorsorge gegen Naturgefahren sowie Investitionen in klimafreundliche Energie und Infrastruktur. Besonders wichtig ist mir, dass notwendige Veränderungen sozial ausgewogen gestaltet werden und Menschen mit geringeren Einkommen nicht überfordern.

Die Diskussion um Klimaschutz ist oft polarisiert. Wie kann ein konstruktiver Dialog gelingen?

Bischof Schwarz: Indem wir einander wieder besser zuhören. Es hilft niemandem, Menschen pauschal als Klimaleugner oder umgekehrt als Klimahysteriker abzustempeln. Wir müssen Sorgen ernst nehmen und zugleich wissenschaftliche Erkenntnisse respektieren. Gerade bei der Landwirtschaft sollten wir nicht über die Bäuerinnen und Bauern reden, sondern mit ihnen. Eine Gesellschaft findet tragfähige Lösungen nicht durch gegenseitige Beschimpfungen, sondern durch Dialog und die Bereitschaft, voneinander zu lernen.

Welche Rolle sollte die Kirche in der Klima- und Umweltdiskussion einnehmen?

Bischof Schwarz: Die Kirche sollte erinnern, ermutigen und selbst handeln. Wir erinnern daran, dass Schöpfungsverantwortung zum Kern unseres Glaubens gehört. Wir können Menschen zusammenbringen, die unterschiedliche Perspektiven haben. Und wir müssen auch unsere eigenen Gebäude, Flächen, Beschaffungswege und unseren Energieverbrauch kritisch betrachten. Glaubwürdig sind wir dann, wenn wir nicht nur Forderungen an andere stellen.

Gibt es ein persönliches Erlebnis in diesem Sommer, das Sie besonders bewegt hat?

Bischof Schwarz:
Mich haben Begegnungen mit Menschen aus der Landwirtschaft besonders beschäftigt. Wenn man auf einem Feld steht und sieht, wie sehr ein Boden unter fehlendem Niederschlag leidet, bekommt Trockenheit plötzlich ein anderes Gesicht. Hinter jedem Feld steht jemand, der gesät, gearbeitet und gehofft hat. Das bewegt mich. Deshalb habe ich auch unsere Pfarren zum Gebet für die Bäuerinnen und Bauern und alle Menschen in der Land- und Forstwirtschaft aufgerufen.

Wenn Sie einen Wunsch für die Zukunft unserer Umwelt und Landwirtschaft frei hätten: Welcher wäre das?

Bischof Schwarz: Ich wünsche mir, dass wir wieder stärker verstehen, dass Mensch und Natur keine Gegensätze sind. Dass die nächsten Generationen in einer Welt leben können, in der fruchtbare Böden, sauberes Wasser, gesunde Wälder und eine vielfältige Landwirtschaft selbstverständlich sind. Und ich wünsche mir eine Gesellschaft, die jenen Menschen dankbar und respektvoll begegnet, die täglich dafür arbeiten. Bewahrung der Schöpfung bedeutet für mich letztlich, das Leben zu schützen – aus Dankbarkeit für das, was uns geschenkt wurde, und aus Verantwortung für jene, die nach uns kommen. Interview: Sonja Planitzer

Autor:

Kirche bunt Redaktion aus Niederösterreich | Kirche bunt

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