Wettermessstation im Stift Zwettl
Die uralte Frage nach dem Wetter

Stiftsarchivar Andreas Gamerith und Abt Johannes Maria Szypulski vor der Messstation im Konventgarten von Stift Zwettl.
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  • Stiftsarchivar Andreas Gamerith und Abt Johannes Maria Szypulski vor der Messstation im Konventgarten von Stift Zwettl.
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Im Zisterzienserstift Zwettl befindet sich eine der ältesten Wettermessstationen Österreichs. Dort wurde am 11. Februar 1929 die österreichweit tiefste, je in einer bewohnten Region gemessene Temperatur aufgezeichnet: Minus 36,6 Grad.

Im Jahr 1744 konnten die Handwerker, die das Heilige Grab von Stift Zwettl ausgemalt hatten, zunächst nicht in ihre Heimat zurückkehren, da die Donau Hochwasser führte. Das berichtet die Chronik des Zisterzienserstiftes. Seit dem 12. Jahrhundert befassen sich die Ordensleute mit den Wetterphänomenen, seit einigen Jahren werden die Daten von der Messstation automatisch zur Zent-ralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) nach Wien übermittelt. Früher waren die Aufzeichnungen noch „eher ungenau“, man verzeichnete, dass es kalt oder heiß war, berichtet Stiftsarchivar und Historiker Andreas Gamerith. Im Mai 1451 wird z. B. von einem „starken Hagel“ berichtet.

Stiftsarchivar Andreas Gamerith und Abt Johannes Maria Szypulski präsentieren historische Aufzeichnungen.
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„Wetterbeobachtungen gehören seit jeher zu den Interessensgebieten der Mönche. Vor allem Extreme wurden in Chroniken, in diversen Tagebüchern der Äbte oder von Patres vermerkt. Und das, bevor es regelmäßige Aufzeichnungen gab“, wie Gamerith erläutert. Als im Jahre 2002 das Hochwasser weite Teile des Waldviertels heimsuchte, sei die Frage aufgetaucht, wann zum letzten Mal in der Vergangenheit solch eine Katastrophe zu bewältigen war. In der Handschrift 84 der Stiftsbibliothek findet Gamerith Hinweise darauf: 1744. Im Schreibkalender des Abtes Melchior von Zaunagg wird auch ein Eisstoß beschrieben, der im März 1744 große Schäden im Meierhof anrichtete, sodass man sich gezwungen sah, den Viehbestand zu evakuieren.
Eindringlich berichtet der spätere Abt Julius Hörweg (1784-1847) aus dem Jahr 1816 vom „Jahr ohne Sommer“. Das Jahr war unfruchtbar und im Sommer regnete es andauernd und es war kalt, sodass es in Teilen Europas zu einer Hungernot kam. Als Hauptursache wird heute der Ausbruch des indonesischen Vulkans Tambora im April 1815 angesehen.

Die Mönche des Stifts Zwettl im 19. Jahrhundert waren sehr interessiert am wissenschaftlichen Forschen, wie Gamerith berichtet: Das reicht vom Wetter über Baumveredelungen bis hin zu Gesteinssammlungen.
Es gibt Aufzeichnungen seit dem 12. Jahrhundert, die zeigen, dass man sich schon viele Jahrhunderte in Zwettl mit dem Wetter befasste. Systematische und standardisierte Klimabeobachtungen und -messungen gibt es ab Ende des 19. Jahrhunderts. Das Archivinventar führt dazu Tabellen und Aufzeichnungen an. Im Laufe der Jahre wurden die Methoden der Beobachtungen immer feiner. Diese wurden aufgrund von Interesse gemacht, an eine Systematisierung, um etwa die Landwirtschaft zu unterstützen, habe man damals noch nicht gedacht.

Alt und kalt

Seit 1883 sind der ZAMG die Temperaturaufzeichnungen in Zwettl bekannt, ab den 1930er-Jahren wurden andere Werte wie etwa Niederschläge notiert; manche Informtionen wurden während des Zweiten Weltkrieges zerstört. Zwettl gilt als eine der ältesten der 280 österreichweiten Messstationen. Die älteste ist ebenfalls in einem Stift, nämlich in Kremsmünster. Das Stift Zwettl kann mit einem Rekord aufwarten: Am 11. Februar 1929 wurde im Konventgarten die tiefste, je in einer österreichischen bewohnten Region gemessene Temperatur aufgezeichnet: Minus 36,6 Grad! Die Gründe für die kalten Werte: erstens die allgemeine Wetterlage im Waldviertel und zweitens die Lage der Wetterstation in einer Mulde, die noch dazu von der Klostermauer umgeben ist.
Österreichweit wurde bislang nur am Sonnblick mit -37,4 Grad ein kälterer Wert gemessen, aber die Messstation liegt auf 3.106 Meter Seehöhe.

Dass sie in einem Kältepol leben, dürften auch die Mönche im 18. Jahrhundert gewusst haben: Erst kürzlich wurde die barocke Fußbodenheizung des Refektoriums entdeckt. Sie beheizten den Fußboden des Speisesaals über eine sogenannte Warmluftheizung im Stock darunter.

Die Wetterstation von Stift Zwettl ist Teil des Messnetzwerkes ZAMG. Bis 1994 lasen die Zisterzienser drei Mal täglich die Werte ab und gaben diese telefonisch nach Wien durch. Seit 1994 läuft dies automatisch, alle zehn Minuten weden die Daten zur ZAMG-Zentrale auf die Hohe Warte geschickt: Temperaturen, Luftfeuchte, Sonnenscheindauer, Globalstrahlung und Windgeschwindigkeit. 2007 wurde die Zwettler Station auf den neuesten Stand gebracht. Hochensensible automatische Messgeräte liefern heute die Daten an die Wetterzentralanstalt. Dennoch bleiben für einen Wetterbeobachter vor Ort noch einige Phänomene mit dem Auge zu eruieren: die Bewölkung und ihre Dichte, die Sichtweite, Gewittertätigkeit oder optische Wetterphänomene. Diese werden monatlich mittels Formular an die Klimaabteilung gemeldet.

Die Messstation steht im Konventgarten, Windmast und Sonnenmessgeräte befinden sich auf dem Klosterdach. An die Anbringung des Windmastes kann sich ZAMG-Wetterexperte Roland Potzmann noch gut erinnern: Gleich fünf LKWs sowie zwei Kräne waren notwendig, um diesen anzubringen. Was eine lange Tradition hat und viel Aufwand bedeutete, kann heute von jedem Interessierten leicht im Internet abgelesen werden: das Wetter in Zwettl. W. Zarl

Autor:

Wolfgang Zarl aus Niederösterreich | Kirche bunt

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