Familie
Zum Glück scheitern

Schlechte Noten, ein verlorenes Spiel, das Ende einer Beziehung – jeder Mensch ist schon einmal gescheitert. Lebensberaterin Karin Grössenbrunner findet in den kleineren oder größeren Katastrophen auch „neue Strophen“.

Es sind nur ein paar Worte, doch die tun weh: „Leider, der andere Bewerber hat uns mehr überzeugt.“ Die Chefin zuckt bedauernd mit den Achseln. Das war’s dann mit dem Traumjob. Oder mit der erhofften Note, mit dem Traumpartner, dem ambitionierten Vorhaben. Dazu kommen Selbstzweifel: Bin ich nicht gut genug? Die Niederlage hat viele Gesichter.
„Wir scheitern öfter, als dass uns etwas gelingt“, meint Karin Grössenbrunner, lang­jährige Pastoralassistentin in der Diözese St. Pölten und nunmehr Lebensberaterin in Oberösterreich. Ein Beispiel: Ein Kind fällt beim Gehenlernen oft nieder, bis es endlich den ersten Schritt tut. „Doch wenn ein Kind etwas gelernt hat, dann sollte es das auch können – Fehler machen ist oft unerwünscht.“ Dabei seien es häufig gerade die Misserfolge, die neue Wege erschließen, ist Grössenbrunner überzeugt: „Wenn wir die Situation wagen zu gestalten, kann uns die Katastrophe zu neuen Strophen, zu einem freud- und vertrauensvollen Leben führen.“
Karin Grössenbrunner gibt Klavierunterricht und fordert ihre Schüler hin und wieder auf, möglichst falsch zu spielen. Sie tut das, um ihnen die Angst vor Fehlern zu nehmen – denn die Angst vor dem Misserfolg führt erst recht zu Missgeschicken. Außerdem sollen die Schüler sich zuerst selbst an einem neuen Musikstück versuchen, bevor die Lehrerin ihnen zeigt, wie es klingen sollte. „Die Kinder dürfen entspannt etwas Neues ausprobieren“, sagt die Musikpädagogin, „ohne dass ihre Fehler gleich korrigiert werden.“

Chance, neu anzufangen

Niemand spricht gerne über seine Misserfolge. Politiker schieben eher anderen die Schuld in die Schuhe als für ihre Irrtümer geradezustehen. Ein abgebrochenes Studium oder ein verlorener Job – schnell gilt man als „Verlierer“. In den USA wird berufliches Scheitern positiver gesehen: als wertvolles Erfahrungswissen. Besser etwas versucht haben und gescheitert sein, als nur die Hände in den Schoß zu legen. Der US-Automobilhersteller Henry Ford erkannte schon vor Jahrzehnten: „Ein Misserfolg ist einfach nur die Chance, neu anzufangen – aber diesmal intelligenter.“
Wie jemand mit Niederlagen umgeht, hängt auch von seiner Persönlichkeit ab. Manche ziehen sich in eine Opferrolle zurück, so Grössenbrunner: „Ich kann nichts dafür, andere sind schuld an der Misere.“ Andere ziehen sich zurück nach dem Motto: „Das gebe ich mir nicht mehr.“ Wieder andere nehmen gleich das nächste Projekt in Angriff, um sich durch Aktivität von Gefühlen wie Scham oder Trauer abzulenken. „Jede Strategie ist okay“, meint die Lebensberaterin, „aber nicht im Übermaß und nicht, wenn es nur dabei bleibt.“
Den ersten Schritt, mit einer Niederlage klarzukommen, sieht Grössenbrunner darin, sich selbst überhaupt einmal wahrzunehmen: Was spüre ich an Gefühlen, was spüre ich körperlich? Aus dieser Wahrnehmung könne man dann seine Lehren ziehen. Eine Erkenntnis könnte beispielsweise sein: Ich habe es nun fünf Mal auf diese Weise versucht, jetzt probiere ich es einmal anders.
Viktor Frankl spricht von „Selbstdistanzierung“. Damit sei nicht gemeint, so die in Logotherapie ausgebildete Lebensberaterin, sich selbst zu verlassen, sondern von der Situation Abstand zu nehmen, vielleicht räumlich, aber vor allem innerlich. Eine Krise bringe es häufig mit sich, dass man „aus dem Häuschen“ ist – und durch die Distanz könne man wieder zur eigenen Mitte finden. Wenn man darauf zurückgreift, was einen stärkt, schöpft man neue Kraft. „Wir können darauf vertrauen, dass alles da ist, was wir brauchen“, sagt Karin Grössenbrunner. „Aus dem innersten Kern jedes Menschen wirken Mut, Liebe, Intuition, Urvertrauen, Kreativität …“ Diese Kräfte lassen den Menschen nach dem Scheitern immer wieder aufstehen und weiter gehen.

Zur Person

Karin Grössenbrunner war 13 Jahre lang Pas­toralassistentin in der Diözese St. Pölten. Heute hält sie als Dipl. Lebensberaterin und Dipl. Imaginations-Begleiterin Vorträge (u. a. „Der Krise eine Krone aufsetzen“) und Seminare (u. a. „Zum Glück scheitern – statt der Katastrophe eine neue Strophe“).
Im Bildungshaus St. Hippolyt in St. Pölten bietet Karin Grössenbrunner ein Seminar über Freiheit und Leichtigkeit an: „Ich will nach meiner Pfeife tanzen … aus Freude am Leben“. Von 25. 9., 17 Uhr, bis 26. 9., 18 Uhr. www.hiphaus.at, Tel. 02742/352104.

Autor:

Patricia Harant-Schagerl aus Niederösterreich | Kirche bunt

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