Liebe ohne Wenn und Aber
Kinder: Geschenke zum Loslassen

Es ist wichtig, Kindern zu vermitteln, dass niemand perfekt ist und dass man Fehler verzeihen kann. „In unserer Familie entschuldigen wir uns und sagen, dass wir uns dann nichts mehr nachtragen. Als Ritual machen wir dabei eine Handbewegung – als würde man eine Tafel löschen. (Claudia Umschaden)
  • Es ist wichtig, Kindern zu vermitteln, dass niemand perfekt ist und dass man Fehler verzeihen kann. „In unserer Familie entschuldigen wir uns und sagen, dass wir uns dann nichts mehr nachtragen. Als Ritual machen wir dabei eine Handbewegung – als würde man eine Tafel löschen. (Claudia Umschaden)
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In der Beziehung von Eltern zu ihren Kindern braucht es vor allem Liebe ohne Wenn und Aber. Auch, oder gerade dann, wenn die Noten schlecht sind, die Kinder in Dauerschleife streiten oder der Becher Saft bereits zum dritten Mal umkippt.

Es sollte eine kleine Genusszeit am Nachmittag werden. Claudia Umschaden hat sich dafür ein Stück Mehlspeise beim Bäcker gekauft. Daheim will sie in aller Ruhe eine Tasse Kaffee dazu trinken.

Doch ihre innere Entspannung verabschiedet sich schlagartig, als sie zu Hause einen Test ihres Sohnes aus der Schule sieht. Das Ergebnis ist alles andere als zufriedenstellend. „Oh mein Gott! habe ich gedacht. Im ersten Moment wollte ich ihn sofort rufen und ihn fragen, warum er nichts gelernt hat. Das habe ich dann aber nicht gemacht.“

Umschaden atmet tief durch, macht sich einen Kaffee und isst drei Bissen ihres Kuchens. Ihr Ärger legt sich. „Erst dann habe ich meinen Sohn gerufen. ‚Ist blöd gelaufen, oder?‘ habe ich zu ihm gesagt. Und dann noch: ‚Ist passiert, Schwamm drüber.“

In Situationen wie diesen einen Schritt zurücktreten, warten bis der größte Zorn verflogen ist und dem eigenen Kind immer mit Wohlwollen begegnen – Claudia Umschaden, Mutter von fünf Kindern zwischen fünf und siebzehn, weiß, dass das nicht immer einfach ist. „Es ist leicht, sein Kind zu lieben, wenn alles passt“, sagt Umschaden, die als Familientrainerin Eltern in Erziehungsfragen berät (www.familientrainerin.com).

„Besonders spürt das Kind die Liebe aber dann, wenn es schlecht drauf ist, gerade einen Wutanfall hat und ich es trotzdem in den Arm nehme und sage, dass ich es ganz fest lieb habe.“ Oder eben wenn Eltern auch bei schlechten Noten ihre Zuneigung ausdrücken und keinen Zweifel aufkommen lassen, dass sie ihr Kind bedingungslos lieben.

Um Verzeihung bitten
So ähnlich sei das ja auch mit dem lieben Gott, sagt die gläubige Katholikin Claudia Umschaden. „Gott liebt uns ohne Wenn und Aber. Das Schönste ist: Er macht kein Drama daraus, wenn wir Fehler machen, und wir können jeden Tag wieder neu beginnen.“ Es sei wichtig, Kindern zu vermitteln, dass niemand perfekt ist und dass man Fehler verzeihen kann, sagt die Wienerin. „In unserer Familie entschuldigen wir uns und sagen, dass wir uns dann nichts mehr nachtragen. Als Ritual machen wir dabei eine Handbewegung – als würde man eine Tafel löschen.“

Auch Eltern sollten sich ihre Fehler ehrlich eingestehen und ihr Kind, wenn nötig, um Verzeihung bitten. Es sei zwar nachvollziehbar, dass der elterliche Geduldsfaden reißt, wenn beim Mittagessen zum dritten Mal der Saftbecher kippt oder die Kinder sich in Dauerschleife streiten. Für überschießende Reaktionen sei jedoch eine Entschuldigung angebracht, sagt Umschaden. „Ich kann zum Beispiel sagen: Es war nicht in Ordnung, dass ich dich angeschrien habe. Entschuldige bitte!“

Kindern ins Leben helfen
Von einer derart gleichwürdigen Beziehung zwischen Eltern und ihren Kindern, in der auf Augenhöhe miteinander kommuniziert wird, kann zu biblischen Zeiten keine Rede sein. „In der antiken Welt“, sagt Martin Stowasser, Professor für Neues Testament an der Universität Wien, „haben Kinder eine niedrige gesellschaftliche Stellung eingenommen. Kinder hatten keine großen Rechte und lebten in einem hierarchischen Verhältnis vor allem dem Vater gegenüber. Das hat sich erst mit der Aufklärung geändert.“ Es sei deshalb problematisch, biblische Texte mit ihren Aussagen zu Erziehung, aus einer modernen Perspektive zu beurteilen.

Bibelstellen, in denen von der Züchtigung des Kindes die Rede ist, müssten in ihrem historischen Kontext betrachtet werden. „Das Züchtigen, darunter auch das Schlagen, entspricht der antiken Erziehungspraxis und wurde als etwas Positives gesehen. Dahinter steckte aber weniger eine bloße Prügelpädagogik, sondern auch der Gedanke der Verantwortung, die Eltern ihren Kindern gegenüber haben.

Es ging dabei darum, die Kinder auf den richtigen Weg zu weisen, ihnen ins Leben zu helfen, sodass sie in der Welt bestehen können.“ Und das sei durchaus etwas, was auch moderne Eltern – wenn auch mit gänzlich anderen Mitteln – anstreben.

Zwei Bibelstellen im Kolosserbrief (Kapitel 3) und im Epheserbrief (Kapitel 6), die die damalige Haus- und Gesellschaftsordnung beschreiben, zeigen, welch große Bedeutung trotz klarer Hierarchie die Förderung der eigenen Kinder hat. „Die Kinder werden dort zwar zum Gehorsam aufgerufen. Aber es heißt auch, dass die Väter ihre Kinder nicht einschüchtern sollen, damit diese nicht mutlos werden, und dass die Väter die Kinder nicht zum Zorn reizen sollen.“ Das große Ziel dabei sei – so würden wir es heute ausdrücken - den Kindern zu einem glücklichen, gelingenden Leben verhelfen.

Welche Talente hat mein Kind?

Wie dieses Leben im Detail aussieht, sei nicht allein Entscheidung der Eltern, betont Claudia Umschaden. Diese sollten ihre eigenen Wünsche und Träume nicht in ihr Kind hinein projizieren. Ein klassisches Beispiel: „Will ich, dass mein Kind Schwimmer wird, weil ich es auch war und es gut für mich war? Oder schaue ich, welche Begabungen und Wünsche mein Kind hat und fördere es in diese Richtung?“

Auch Claudia Umschaden musste diesbezüglich über ihren Schatten springen: „Ich wollte nie, dass meine Kinder Fußballer werden. Aber jetzt sehe ich, wie viel Freude sie dabei haben und wie sehr sie beim Spielen aufblühen. Deshalb unterstütze ich sie.“

Damit ein Kind seinen Weg finden und entdecken kann, welche Talente Gott ihm geschenkt hat, brauche es die Freiheit, um in altersgerechtem Maß selbst Entscheidungen zu treffen. Rote oder blaue Hose – das könne der Dreijährige selbst entscheiden. Die Elfjährige könne im Austausch mit ihren Eltern den passenden Schulzweig für sich wählen.

Neben der Freiheit brauche es viel Vertrauen: „Ich merke, dass Eltern ihrem Kind oft nicht vertrauen. Was ich immer wieder erlebe: Sie glauben ihm nicht, dass es weiß, was es als Hausübung machen muss. Eher glauben sie den Eltern der Klassenkameraden – die sich in der Klassen-Chat-Gruppe zu Wort melden - als dem eigenen Kind.“ Eltern, so Umschaden, dürften nie vergessen, dass ihr Kind ein ihnen anvertrautes Geschenk ist – das sie Stück für Stück loslassen müssten, bis sie ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr verantwortlich sind.

„Irgendwann kann ich mein Kind dann nur noch im Gebet begleiten oder ihm, wenn es das möchte, mit meinen Ratschlägen zur Seite stehen.“

Was Claudia Umschaden beim Loslassen hilft: „Je älter meine Kinder werden, desto mehr Sorgen mache ich mir. Aber ich weiß, dass ich nicht das letzte Glied in der Kette bin. Da ist jemand, der über mir ist und der seine Hand über meine Kinder hält."

Autor:

Sandra Lobnig aus Wien & NÖ-Ost | Der SONNTAG

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