Urlaub für Blinde, Sehbehinderte – und Sehende
Gemeinsam Grenzen überwinden

Pater Wilrfried Lutz, wie ihn viele in Erinnerung haben: fröhlich und gut gelaunt.
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Seit mehr als 50 Jahren ermöglichen die „Blindenfreizeiten Pater Lutz“ Urlaube und Freizeitangebote für blinde und sehbehinderte Menschen. Und sie beweisen damit: Wer meint, dass Wandern, Bergsteigen, Langlaufen, Tandem fahren und Kunstschätze entdecken nur für sehende Menschen möglich ist, der irrt.

Respekt und Sympathie für einen Geistlichen und sein Herzensprojekt schwingen unüberhörbar mit, wenn Christl Raggl von Pater Wilfried Lutz erzählt: „Empathisch war er. Zudem weitsichtig, weltoffen und fröhlich. Er war bekannt für seinen unerschütterlichen Humor, sein Markenzeichen war sein ,Jodler‘. Und sich der Anliegen von Blinden, Sehbehinderten und Taubblinden anzunehmen, war ihm enorm wichtig.“

Lange habe der in Tirol geborene Kamillianerpater in der Diözese Linz gearbeitet und sei dort auch Gründer des Blindenapostolates gewesen. „Er hat dort die verschiedensten Angebote für sehbehinderte und blinde Menschen entwickelt. Alles in eine Zeit hinein, in der blinde, sehbehinderte und taubblinde Menschen hauptsächlich zu Hause gesessen sind. Es gab für sie einfach kaum Freizeitangebote. Pater Lutz wollte diesen Menschen eine Möglichkeit geben, auch mal ,rauszukommen‘.“

Das Lebensmotto des Kamillianerpaters sei sein Leben lang gewesen, seine eigene Freude in der Freude des anderen zu finden.

Urlaub für alle

1971 schließlich entwickelt er zusätzlich zu allen anderen Angeboten des Blindenapostolates auch noch die „Blindenfreizeiten“ – gemeinsame Urlaubswochen von Blinden, Sehbehinderten und Sehenden. Und begeistert unter anderem auch Christl Raggl und ihre Familie davon. Nach und nach kamen immer mehr dazu und im Laufe der Jahre übernahmen Begeisterte auch die Verantwortung für eigene Veranstaltungen.

Unzählige Male begleiteten auch Christl Raggl und ihre Familie die Blindenfreizeiten. Bis heute koordiniert sie die Aktivitäten. „Das Konzept dieser Urlaubswochen war von Anfang an ganz klar und hat sich auch nicht geändert“, erzählt Christl Raggl heute, knapp nachdem die „Blindenfreizeiten“ ihren 50. Geburtstag gefeiert haben: „Es sollte Urlaub für alle sein, alle sollten Freude haben, und alle sollten sich erholen können.

Wir Sehenden waren und sind damit keine Betreuerinnen und Betreuer im eigentlichen Sinn, aber durch uns hatten und haben die blinden und sehbehinderten Menschen Möglichkeiten, die sie ohne uns nicht hätten.

Es war ein Geben und Nehmen. Immer!
Und umgekehrt erfahren wir von den Blinden und Sehbehinderten Dinge, die wir ohne sie nicht erfahren würden. Es klingt jetzt vielleicht ein bisschen kitschig, aber es war ein Geben und Nehmen. Immer. Und ich für mich kann auch sagen: Ich habe anders sehen gelernt, z. B. durch das Ertasten der Blumen, der Felsen, das Beschreiben der Umgebung, das Lauschen auf den Wasserfall, die Vögel, das Pfeifen der Murmeltiere, das Läuten der Glocken.

Nicht zuletzt hatten alle dabei immer einen unheimlichen Spaß, es war und ist immer eine tolle Gemeinschaft. Die ,Blindenfreizeiten‘ sind einfach etwas Besonderes.“ Bis heute stehe bei allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Freizeiten nicht die sportliche Leistung im Vordergrund, sondern das Gemeinschafts- und Naturerlebnis.

Im Laufe der Jahre seien viele Freundschaften entstanden, sogar viele Ehen. „Von anfangs einer Bergwanderwoche sind wir inzwischen auch zum Langlaufen, Schwimmen und Tandemfahren unterwegs. Meistens acht Wochen im Jahr.“

Wie man sich als Sehender so eine Urlaubswoche für sehbehinderte, blinde und sehende Menschen vorstellen kann, fragen wir Christl Raggl. „Ganz normal. Urlaub eben“, lacht sie. Natürlich müsse man einige „Kniffe“ kennen, damit auch Menschen, die sehr schlecht oder gar nichts sehen, das Unternehmen genießen können.

„Nehmen wir als Beispiel eine Bergwanderung: Wir haben uns vor einer Tour den Weg immer genau angeschaut – das ist schon wichtig, damit man sich sicher fühlt. In meiner Nähe wohnt eine Späterblindete, mit der bin ich viele Wege ,vorgegangen‘, um zu schauen, ob das passt.“

Manche Touren gehe man dann nebeneinander. „Da hält man sich dann am kleinen Finger oder wenn der Führer einen Stock hat, dann geht man nach Gehör. Ich hatte einen blinden Teilnehmer aus Wien, der ist oft auch schwierigere Wege nach dem Gehör gegangen.“

Manche Touren gehe man hintereinander. „Bei den ,Hintereinanderwegen‘ halten sich die blinden oder sehbehinderten Menschen meistens an einer Reepschnur am Rucksack eines Sehenden an oder sie legen die Hand auf den Rucksack und gehen dann hinten nach. Wir Sehenden sagen es dann nur, wenn wir irgendwo drübersteigen müssen. Je nach Tour ist manchmal mehr, manchmal weniger zu sagen.“

Grenzen habe man sich in den 50 Jahren der „Blindenfreizeit“ so wenig wie möglich gesetzt, sagt Christl Raggl: „Wir waren auch auf 3000ern – also wir sind zum Beispiel mit dem Pitzexpress auf 2600 Meter gefahren und dann noch auf den Mittagskogel hinaufgegangen. Und wir waren mit einer kleinen Gruppe am Dachstein.“

Ganz wichtig ist bei den „Blindenfreizeiten“ natürlich das gegenseitige Vertrauen – der Blinde muss dem Sehenden vertrauen und umgekehrt. „Ich habe mich immer wohl gefühlt, wenn ich mit Blinden gegangen bin. Angst hatte ich fast nie und die Verantwortung, die man da natürlich hat, die hab ich nie als Belastung empfunden.“

2008 verstarb Pater Wilfried Lutz. Die „Blindenfreizeiten“ werden aber in seinem Namen als Privatinitiative weitergeführt. Viele Wegbegleiter sind diesen ganz besonderen Urlaubswochen über die Jahre und auch über den Tod des Gründers hinaus treu geblieben. Darunter auch Sr. Bertholda Maria Laherstorfer von den Franziskusschwestern, die früher als Köchin mit war und bis heute bei der einen oder anderen Urlaubswoche dabei ist.

Schauen, was geht

Für das kommende Jahr sind wieder einige Urlaubswochen geplant – unter anderem etwa eine Langlaufwoche in St. Martin am Tennengebirge, eine Almenwanderwoche im Nationalpark Hohe Tauern, eine Urlaubswoche in Graz und Umgebung, eine Wanderwoche am Weißensee in Kärnten, eine Tandemwoche in Ohlsdorf in Oberösterreich und vieles mehr.

„Im Hinblick auf Corona muss man sagen: wie es dann wirklich gehen kann, müssen wir schauen. Aber nichts zu tun geht ja auch nicht – man muss ja irgendwie eine Lösung finden, wie man etwas unternehmen kann“, sagt Christl Raggl: „Wir sind auf alle Fälle motiviert und freuen uns.“

Die „Blindenfreizeiten Pater Lutz“ sind mit den Blindenapostolaten in den Diözesen verbunden und Teil der kategorialen Seelsorge.

Die verschiedenen Angebote sind im jährlich erscheinenden Freizeitheft zusammengefasst. Nähere Infos: raggl@aon.at oder 05412/ 63166.

Das aktuelle Jahresprogramm: blindenfreizeiten.at

Angebote des Blindenapostolates der Diözesen:
blindenapostolat.at

Autor:

Andrea Harringer aus Wien & NÖ-Ost | Der SONNTAG

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