2. Sonntag im Jahreskreis | 18. Jänner 2026
Meditation
- Foto: CC BY-SA 3.0 /McKarry Wikipedia
- hochgeladen von Florian Heckel
Ganz in Weiß
Wenn Wald und Wiesen weiß geworden, steigt Friede in mir auf. So auch vor vielen Jahren, auf einer ausgedehnten Zugfahrt entlang von Landschaft, die tags davor noch grün war. Ich hatte mich früh aufgemacht und war am Weg zu der Beerdigung eines lieben, viel zu früh gegangenen Menschens. An meine lange Bahnfahrt erinnere ich mich noch genau. Im Zug wars kalt, doch schon der erste Blick durchs Fenster lenkte vom Unbehagen ab. Draußen bedeckte Neuschnee alles Freiliegende, und rückblickend kommt es mir so vor, als legte sich das kalte Weiß damals auch auf meine aufgewühlte Seele.
„Schnee ist flüchtig und ein stiller Luxus“, lese ich in einem Text im Internet, im wohlig beheizten Zimmer und bei einem Häferl Tee, das zusätzlich noch wärmt. Auch wenn ich nicht alles glaube, was in der Zeitschrift steht – der Artikel beschreibt, was ich in schneeverschneiten Wintern fühle. „Schnee erlaubt uns, für einen Moment innezuhalten, weniger zu funktionieren und wieder mehr wahrzunehmen“, steht da. „Er zwingt uns nicht zur Freude, aber er schafft Bedingungen, unter denen das Wohlbefinden gestärkt wird.“
Zwar weiß das einstige Landschulkind in mir, das viele Winter durch kniehohen Schnee gestapft war, auch um die unbequeme Seite des verklärten Weiß’. Schuhetrocknen am Kachelofen im kleinen Klassenzimmer, stundenlange Stromausfälle, mitunter auch kleine Lawinen: Die schneereichen Winter meiner Kindheit flößten mir stets Ehrfurcht ein. Zugleich vermittelt Schneefall aber, dass die Welt in Ordnung ist. Wenn Straßen leiser werden, Licht anders reflektiert und sich Bewegungen verlangsamen, dann weiß ich: Schnee kann Räume, Geräusche und sogar Routinen ändern. „Selbst hektische Städte wirken für einen Moment wie aus dem Takt gefallen“, und wohl auch darin liegt des Schnees positive Wirkung auf die Psyche: Er „unterbricht den Normalbetrieb und schafft Raum für Wahrnehmung“.
Genug gelesen. Ich trinke meine Tasse leer, zieh Mantel an und Schaffellstiefel und gehe raus. Die Luft ist klar, die Sonne sanft. Unter mir knirscht alles wie in Kindertagen. Vor mir: ein Funkeln, ganz in Weiß. In mir macht sich der Friede breit.
Anna Maria Steiner
Autor:SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT |
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