Fußwallfahrt nach Mariazell
Wenn der Weg zur Heimat wurde

Viele Wallfahrergruppen führte der Grazer Rudolf Graffy schon nach Mariazell – diesmal ging er selbst zum 150. Mal – beim Start begleitet vom SONNTAGSBLATT (oben). – Bild links: Von der Basilika Mariatrost startete die kleine Wallfahrergruppe um Rudolf Graffy (2. v. r.) pünktlich um 15 Uhr in Richtung Mariazell.
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  • Viele Wallfahrergruppen führte der Grazer Rudolf Graffy schon nach Mariazell – diesmal ging er selbst zum 150. Mal – beim Start begleitet vom SONNTAGSBLATT (oben). – Bild links: Von der Basilika Mariatrost startete die kleine Wallfahrergruppe um Rudolf Graffy (2. v. r.) pünktlich um 15 Uhr in Richtung Mariazell.
  • Foto: Neuhold
  • hochgeladen von SONNTAGSBLATT Redaktion

Über das Wallfahren lässt sich am besten im Gehen reden – das SONNTAGSBLATT begleitete Rudolf Graffy und seine Pilgergruppe beim Start seiner 150. Fußwallfahrt nach Mariazell.

Katharina Grager

An einem Freitagnachmittag im Juli sind wir in Graz-Mariatrost vor der Basilika verabredet. Dort startet eine kleine Pilgergruppe ihre Fußwallfahrt nach Mariazell. So wie dieser Tage und in den letzten Wochen wohl schon viele Gruppen und Grüppchen – corona-bedingt auch eher kleiner als groß – an verschiedensten Orten in der Steiermark und darüber hinaus losgegangen sind, um ein paar Tage später in diesem weit über Österreichs Grenzen hinaus beliebten Wallfahrtsort anzukommen.
Doch zuerst muss man einmal losgehen, um irgendwo ankommen zu können. Pünktlich um 15 Uhr starten acht Personen, Freundinnen, Freunde und Verwandte und Rudolf „Rudi“ Graffy – oder auch Rudi Carrell – wie der Stroßeggwirt ihn immer genannt hat.
Rudolf Graffy geht, wie die Vermutung bereits naheliegt, nicht zum ersten Mal. Diese Wallfahrt ist eine besondere – er „feiert“ gehend sein Jubiläum von 150 Mal Graz – Mariazell per pedes, also zu Fuß.
Diese unglaubliche Zahl lässt grundsätzlich jede und jeden erstmal ehrfürchtig verstummen – jene, die noch nie zu Fuß nach Mariazell gegangen sind, genauso wie jene, die es schon einmal oder oft und öfter erlebt haben. „Wann muss man damit begonnen haben?“ frage ich aus meinem ersten Impuls heraus. 1990 lautet die Antwort. Seit meinem Geburtsjahr geht er also schon, denke ich und schweige wieder.

Beim Gehen übers Gehen reden

Weil die Gruppe pünktlich losgehen will, entscheiden mein Kollege, unser SONNTAGSBLATT-Fotograf Gerd Neuhold, und ich uns spontan, die Wallfahrer ein Stück zu Fuß zu begleiten. Kann ja nicht schaden, dachte ich, und so gehen wir mit. Als ich bemerke, was für ein Tempo vorgelegt wird, bereue ich meinen Entschluss fast schon. Aber die netten Gespräche und auch der schöne Weg durch den naturnahen Stadtrand von Graz lassen mich bald vergessen. Wallfahrer haben eben etwas zu erzählen.
Beim Wetterturm in Schaftalberg machen wir schließlich kehrt. Mit guten Wünschen verabschieden wir die Gruppe, und mit Fotos sowie Gesprächsstoff beschenkt pilgern Gerd und ich die zurückgelegten vier Kilometer wieder zurück zur Basilika Mariatrost. Der Marsch steckte mir jedenfalls am nächsten Morgen noch etwas in den Beinen.

Sucht oder Medizin?
Ein paar Tage nach der wohlbehaltenen Rückkehr von der Wallfahrt sitzt der Jubliar bei mir im Büro, um mir Rede und Antwort zu stehen. Seine erste Fußwallfahrt hat Rudolf Graffy geprägt. Gemeinsam mit einer Gruppe rund um den Religionsprofessor und Priester Gottfried Heinzel ist er zu Pfingsten 1990 losgezogen. „Beim ersten Mal dachte ich noch: Krass, wie kann man so oft nach Mariazell gehen? Das ist doch eine Sucht! Und jetzt: Schauen Sie mich an!“, erzählt Graffy mit einem Schmunzeln.
Ja, es ist eine Sucht, bestätigt er heute – aber eine positive. Denn das Wallfahren habe ihn trotz aller Strapazen immer an Körper und Seele gestärkt. „Im Grunde war das Gehen für mich in meinem Beruf eine Burnout-Prävention, heute würde man sagen, es stärkte meine Resilienz“, erklärt der pensionierte Bank-Manager.
Und das will er auch an jüngere Generationen weitergeben. Die persönlichen Erlebnisse und Begegnungen beim gemeinsamen Gehen, vom Sonnenaufgang bis in die Nacht, bei jeder Jahreszeit und jedem Wetter, und das Gefühl, wenn sich aus einem Haufen von Individualisten ein starkes Team bildet, das einen bei gelegentlicher Schwäche „mitträgt“ – solche Erfahrungen sind einfach mit nichts vergleichbar. Auf meine Nachfrage, ob nicht auch Bewegung im Fitness-Center helfen könnte, lacht Graffy trocken. Bevor er sich freiwillig in Räume mit schlechter Luft begibt, gehe er nochmal 150 Mal nach Mariazell, gibt er mir zu verstehen.

Warum gerade Mariazell?

Viele Gruppen hat er schon über die unterschiedlichsten Routen nach Mariazell geleitet: „Irgendwann kennt man jeden Stein und hat eine Beziehung zum Weg“, beschreibt der passionierte Fußwallfahrer. „Warum gerade Mariazell?“ frage ich, und die Antwort gibt mir Einblicke in die weit durch Europa verzweigte Familiengeschichte des Wallfahrers. Sein Fazit: „Mariazell mit der Magna Mater Austriae ist ein religiöser Dreh- und Angelpunkt für ganz Mitteleuropa, und ich bin glühender Mitteleuropäer.“
Aber er gehe nicht ausschließlich nur nach Mariazell – auch nach Maria Luschari in Italien oder nach Tschenstochau in Polen haben ihn seine Füße schon getragen. Und es gäbe noch so viele andere Orte zu „erpil-
gern“.

Steirische Pilgerwege (Videos)

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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