Memoiren eines unbeugsamen Christen, Folge 4
Abbé Pierre

Welches war die erste Familie, für die ich eine Unterkunft baute? Eines Tages kommt eine Mutter mit drei Kindern, einem Großvater und – zwei Papas! Sie erklären mir, dass sie aus ihrer leer stehenden Wohnung geworfen wurden, wo sie bislang als Hausbesetzer in ständiger Unsicherheit gelebt hatten. Provisorisch brachte ich sie in meinem großen Haus unter, das ich in eine Jugendherberge verwandelt hatte. Es waren Weihnachtsferien und es schneite. Die Herberge war voller Deutscher, Engländer, Franzosen usw. Kein Platz für eine siebenköpfige Familie.

Da ich keine andere Lösung fand, nahm ich kurzerhand das heilige Sak­rament aus meiner Kapelle, trug es in einen sauberen Winkel in unserem Speicher und brachte die seltsame Familie in meinem Kirchenraum unter. Zuweilen sage ich mir, dass der Grund unseres Erfolges im Kampf für Obdachlose darin zu suchen ist, dass Jesus in seiner sak­ramentalen Gegenwart der Erste war, der seinen Wohn­raum einer obdachlosen Familie überlassen musste. Einige Ta­ge, nachdem sie sich mit Matratzen und Kleiderbündeln in der Kapelle eingerichtet haben, kommt der rechtmäßige Vater des ältes­ten Kindes und sagt mir etwas verlegen: „Père, ich muss Ihnen etwas erklären. Ich hoffe, Sie werden uns nicht richten oder verdammen. Während des Krieges war ich in Deutschland gefangen und als ich hierher zurückkehrte, lebte meine Frau mit diesem anderen. Ich hatte mein Kind, und jetzt sind zwei weitere da. Was sollen wir da machen? Soll ich mich aus dem Staub machen? Das war eine Ver­suchung. Doch die drei Kinder gehören alle meiner Frau, das erste mir, die anderen ihm. Wir haben es miteinander überlegt und uns gesagt: Was schadet den Kleinen am wenigs­ten? Schließlich haben wir uns darauf geeinigt, dass er untertags arbeitet und ich nachts.

Da möchte man lachen und doch ist es erschütternd. Statt sich endlos zu streiten oder nur an sich zu denken, haben sie für ihre Schwächsten gesorgt, nämlich für die Kinder.
Wir haben ihnen ein Haus gebaut und sie darin untergebracht. Das Erste, was sie taten, war, eine Tafel am Hauseingang anzubringen, auf der geschrieben stand: „La joie de viv­re/ Die Lust am Leben“. Als die Kinder größer wurden, gaben wir ihnen zwei Wohnungen; das war die beste Lösung.

Zu Beginn von Emmaus hatten wir nicht bloß Gefährten und Familien, sondern auch freiwillige Helfer, meistens Junge aus besseren Familien, die zu uns kamen und vortreffliche Arbeit leisteten. Der erste war der Sohn eines Industriellen. Er hatte seine Studien abgeschlossen, war Ingenieur und sollte seinem Vater in der Leitung eines großen Betriebes nachfolgen. Er kommt zu mir und sagt: „Père, ich habe meine Ausbildung hinter mir und bin kompetent in meinem Beruf, doch habe ich keinerlei Menschenkenntnis. Könnte ich nicht einige Zeit bei Ihnen leben, um das Leben dieser Menschen kennenzulernen?“ Selbstverständlich, sagte ich. Nach einem Jahr – und das gab mir Grund zu schallendem Lachen – brachte er mir den Brief des Vaters seiner Verlobten, der ihm geschrieben hatte: „Mein kleiner Schlingel, das sollte jetzt genügen. Jetzt entscheide dich zwischen Abbé Pierres Lumpen oder meiner Tochter.“ Sie heirateten und bald hatten sie zwei Kinder. Doch von Panik vor seiner väterlichen Verantwortung verfolgt, verschwand der junge Mann plötzlich, ohne eine Adresse zu hinterlassen. Die junge Mutter war ratlos. Eines schönen Tages erhält sie Post aus der Fremdenlegion. Er schrieb ihr von Sidi-Bel-Abbes (eine Stadt im Norden Algeriens, Anm.), wo er stationiert war. Ohne Zaudern nahm sie die zwei Kinder und fuhr zu ihm für die fünf Jahre seiner Verpflichtung. Seither sind sie eine wunderbare Familie.
So wurde also Emmaus geboren: mit einem Vatermörder, dessen Suizid misslang, einer

Familie mit zwei Papas, einem Ingenieur, der seine Industriellenfamilie gegen die Fremdenlegion eintauschte! Kurz, mit verwundeten Vögeln aller Art. Und das scheint mir genau des Menschen Herz zu sein: gewoben aus Schatten und Licht, fähig zu Heroismus und zu Feigheit, sich nach weiten Horizonten ausstreckend und doch auch an allerlei Hindernissen sich aufreibend, wobei die größten Hindernisse in seinem eigenen Inneren zu finden sind.

Enthusiastische Desillusionierung

Nach dem Krieg wurde ich für Nancy zum Abgeordneten in die Nationalversammlung gewählt. So musste ich mir in Paris ein Absteigequartier besorgen. Nach vielem Hin und Her fand ich endlich ein großes Haus in Neuilly-Plaisance mit einem Garten von einem Hektar Größe. Es war recht billig, denn es war wäh­rend des Krieges ausgeplündert worden.

Als ich ankam, wurde ich die Sensation des Stadtteils: Da kam im Wagen mit dem Abzeichen der Nationalversammlung ein Priester in Soutane angefahren. Doch kaum angekommen, hatte er die Soutane schon gegen die Arbeitskleidung ausgetauscht und stieg aus dem Fenster, um das Dach zu reparieren. Man hielt mich für geistesgestört. Nachdem ich das Haus bewohnbar gemacht hatte, verwandelte ich es in eine Jugendherberge, denn für mich allein war es viel zu groß. Damals war ich Exekutiv­präsident der Bewegung für Weltföderation (MUCM). Dessen Ratspräsident war Lord Boyd Orr, der Gründer der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der UNO FAO. Einstein war auch Mitglied dieser Bewegung, was mir mehrmals Gelegenheit gab, mit ihm zu sprechen. Oft nahm ich an ihren Kongressen an verschiedenen europäischen Orten teil. Das war der Grund, weshalb viele junge Europäer, wenn sie nach Paris kamen, in meiner Jugendherberge Unterkunft und Gesprächsgelegenheit mit mir suchten. Fortsetzung folgt

Autor:

Kirche bunt Redaktion aus Niederösterreich | Kirche bunt

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