Memoiren eines unbeugsamen Christen, Folge 2
Abbé Pierre

Eine weitere dramatische, wenn auch weithin bekannte Erinnerung: Im Zuge der Kampagne, die wir um menschenwürdige Behausungen führten, kämpften wir für einen Kredit von einer Milliarde alter Francs für den Bau von Notunterkünften im harten Frostwinter 1954. Die Regierung antwortete mit einer weiteren Vertröstung auf später. Noch am selben Tag erfror ein Baby und die Nacht darauf auf offener Straße eine alte Frau, die man abends wegen Nichtbezahlung der Miete aus ihrer Mansarde gejagt hatte.

Das löste unseren Medienorkan aus. Unter dem Druck dieses öffentlichen Aufschreis – besteht das Wesen der Demokratie nicht darin, dass die gewählten Abgeordneten durch die öffentliche Meinung ihrer Wähler unter Druck gesetzt werden? – tagte das Parlament in einer Sondersitzung angesichts dieser Katastrophe. Noch einen Monat zuvor hatte es den Milliardenkredit verweigert, doch jetzt beschloss es plötzlich den zehnfachen Betrag, womit wir gleich zwölftausend Wohnungen in ganz Frankreich errichten konnten. Was war das für eine unerhörte Begeisterung und Freude, als Robert Buron und Senator Leo Hamon in mein Büro gestürzt kamen und schrien: „Jetzt haben wir zehn Milliarden!“

Nun kommt mir auch jener Vater in den Sinn, für den wir eines der Häuser bauen konnten. Eines Tages kam er kopflos zu mir gerannt: „Père, meine Frau und meine Kinder sind verschwunden!“ Die ganze Gemeinde wurde mobilisiert und suchte vierundzwanzig Stunden lang. Schließlich wurden sie als gefunden gemeldet. Die Mutter stand schlotternd am Marne-Ufer mit den beiden kleinen Töchtern, die sich an sie klammerten. Noch hatte sie es nicht fertiggebracht, sich in den Strom zu stürzen. Volle vierundzwanzig Stunden hatten sie ohne Schlaf und Essen verbracht, die beiden Kleinen waren halbtot vor Kälte.

Sie war schwanger mit einem dritten Kind und die Familie hauste in einer Wohnhöhle ohne Fenster, ohne Wasser, ohne Klosett. Den Unterhalt verdienten sie mit Altpapier, das sie aus Müllbergen klaubten. Es war einfach schrecklich. Doch dann konnten wir auch dieser Familie ein Häuschen bauen.

Natürlich konnten wir das Obdachlosenproblem nicht für ganz Frankreich lösen. Doch um auch nur einer einzigen Familie zu helfen, lohnte es sich, die Nase voll zu haben und sich abzuquälen mit dem Einsammeln von Lumpen, Schrott und sonstigem Verwertbaren aus dem Müll, um damit wenigs­tens ein paar Baumaterialien einzukaufen.
Hinter all diesen Fakten stehen menschliche Dramen. Freude durfte ich immer dann erleben, wenn ein solches Drama sein glückliches Ende fand oder eine Not wenigstens eine gewisse Linderung erfuhr, während natürlich manch anderes ohne jede Lösung blieb.

Die Begegnung mit dem unbekannten Briefschreiber fand zwei Tage lang im Frieden eines Klosters statt. Unterbrochen vom gesungenen Chorgebet der Mönche, blieb mir tatsächlich nur wenig Zeit für die Auffrischung meiner frohen Erinnerungen. Doch jedes Mal konnte mein Gesprächspartner dabei erfahren, wie jede einzelne von ihnen eine echte Lebensentscheidung enthielt. Als er Abschied nahm, notierte er ins Gästebuch des Klosters: „28. Juli 1996. Bevor ich hierher kam, hatte ich mir diese Wirklichkeit weder erträumen noch vorstellen können. Sie ist der lebendige Beweis dafür, dass der Glaube an menschliche Liebe tatsächlich real existiert. Man kann ihn ertasten und erfühlen, sehen und sogar einatmen als das Allereinfachste und Allernatürlichste der Welt, wenn man sich nur dazu Zeit nimmt und sich selber die Zeit gönnt, ihn zu erfahren. Praglia (die Abtei, in der wir uns getroffen hatten) ist ein Zeugnis dieser Liebe, ein Zeugnis für unsere Zeit, ein Zeugnis für die Ewigkeit. Danke.“
Tatsächlich, dieser Unbekannte war nicht vergebens zu mir gekommen. (…)

Beginn der Emmaus-Gemeinschaften

Heute besteht das Emmaus-Unternehmen aus 350 Gruppen in 38 Nationen. In Frankreich zählt man 110 Gemeinschaften mit 4000 Personen.
Wir haben drei Regeln:

Zunächst: Wir arbeiten, um uns unser Brot zu verdienen. Außer für unsere Betagten und Invaliden verzichten wir auf jede Subvention vom Staat, vom Landkreis oder der Gemeinde.
Weiters teilen wir miteinander. Der Stärks­te, der am meisten einbringt, erhält keinen größeren Anteil als der unproduktivste schwache Greis.

Schließlich erarbeiten wir uns mehr als das, was wir für unseren Lebensunterhalt nötig haben. Damit gönnen wir uns selber den Luxus, unsererseits zu Sponsoren der Gedemütigten und der von der bürgerlichen Gesellschaft Ausgeschlossenen und an den Rand Gedrängten zu werden. Wir sind die Armen, die so spartanisch leben, dass wir noch genug übrig haben, um zu verschenken. Damit haben wir das Recht, der Gesellschaft zu sagen: „Wir Habenichtse können sogar mit unserem ganzen Herzen geben und helfen. Ihr, die ihr sogar mehr habt, als euch guttut: Was könnten wir nicht alles leisten, wenn auch ihr euch unserer Bewegung anschließet?“
Darin besteht das Wesen der Emmaus-Bewegung. Aber wie hat sie denn begonnen?
Fortsetzung folgt

Autor:

Kirche bunt Redaktion aus Niederösterreich | Kirche bunt

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