Nach Amoklauf im Grazer BORG
Zuhören, Dasein, Mitaushalten

Pfarrer Paul Nitsche unterrichtet seit 2022 am BORG Dreierschützengasse in Graz und ist Notfallseelsorger. 
 | Foto: Margit Schmid
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  • Pfarrer Paul Nitsche unterrichtet seit 2022 am BORG Dreierschützengasse in Graz und ist Notfallseelsorger.
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Paul Nitsche hat den Anschlag in der Grazer Schule miterlebt und steht seitdem Betroffenen zur Seite. Im Interview spricht er über das Fassungslose, über die Dimension der Religion und über Hilfe in kleinen Schritten.

Als Lehrer am BORG Dreierschützengasse gehörte er zu jenen, die nach dem Amoklauf in der Grazer Schule den Medien Auskunft gaben. Seit dem 10. Juni ist der evangelische Theologe Paul Nitsche vor allem in der seelsorgerischen Krisenintervention im Einsatz.

Herr Pfarrer Nitsche, welches Wort fällt Ihnen ein, wenn Sie an den 10. Juni 2025 denken?

Pfarrer Paul Nitsche: ... das Wort „fassungslos“ in allen seinen Bedeutungen, vor allem im Sinn von „aus den Fugen geratend“, „überlaufend“. An diesem Dienstag ist etwas dermaßen Unvorstellbares eingetreten – etwas, von dem sich niemand hätte vorstellen können, es einmal an sich heranlassen zu müssen. Was da passiert ist, ist mehr, als unsere Seelen fassen können.

Gibt es inmitten des Unsagbaren auch etwas, das Ihnen Halt gegeben hat und Zuversicht in Ihrer Arbeit als Seelsorger?

Nitsche: Über die Gespräche der vergangenen Tage, die ich als Seelsorger geführt habe, kann ich an dieser Stelle nicht sprechen. Was ich aber erzählen kann, ist, was ich beim ersten Zusammentreffen der Lehrerinnen und Lehrer am Dienstagabend gespürt habe. Auf meinen Vorschlag hin haben wir, in Absprache mit meinem muslimischen Religionslehrer-Kollegen, eine gemeinsame Schweigeminute abgehalten und danach ein Vaterunser gesprochen. Nichts zu sagen und stattdessen ein einfaches, bekanntes „Standardgebet“ zu sprechen: Das war genau richtig. Alles andere wäre furchtbar gewesen.

Wie lautet Regel Nummer eins in der Notfallseelsorge?

Nitsche: ... zu hören, genauer: zuzuhören, denn: In einer Krise braucht jede Person etwas anderes. Was hingegen nicht gebraucht wird, ist Gequatsche. Ein Zuhören, ein Dasein, ein Mitaushalten, ein Mitschweigen – das ist hilfreich. Und wenn’s passt, eine Umarmung. Es geht ums Da-Sein und um ein Mit-Ertragen des Unerträglichen.

Für andere da waren Sie in der Vergangenheit bereits als Militärpfarrer – für Einsatzkräfte im kriegsgebeutelten Kosovo oder auch beim Hochwasser in Niederösterreich. Worin unterscheiden sich vergangene Notfallseelsorge-Einsätze wie die genannten von der aktuellen Situation?

Nitsche: Bei meinem Einsatz beim Hochwasser in Niederösterreich war ich als Grazer nicht unmittelbar von der Situation betroffen. Damals war ich ausschließlich gefordert als Seelsorger, der nach einigen Stunden aufmerksamen Zuhörens und Da-Seins müde nach Hause geht und sich die Dinge nach und nach wieder zurechtlegt. In einer traumatischen Situation wie in der jetzigen geht das hingegen nicht.

Wo und wie sind Sie gerade am intensivsten gefordert?

Nitsche: Ich höre die Frage und kann sie gar nicht beantworten. Es ist nämlich kein „gefordert“, sondern die Situation hat eher den Aspekt des „überfordert“. Das, was für mich als Pfarrer und Religionslehrer mit vollem Terminkalender sehr ungewöhnlich ist, ist die Unplanbarkeit der kommenden Tage und Wochen. Weil gerade alles immer anders kommt, als man annimmt.
Die Planbarkeit der nächsten Tage und Stunden ist im gegenwärtigen Szenario abhandengekommen. Wir kennen die nächsten Schritte nicht. Wir wissen nicht, wann wir wieder in der Schule unterrichten können, und wir wissen nicht, wie. Wir wissen auch nicht, wie das sein wird, von den Opfern Abschied zu nehmen. Es ist noch so vieles offen. Es wird alles gelöst werden, aber es braucht dafür Zeit, wahrscheinlich viel Zeit. Und irgendwann, und das sage ich mit der Erfahrung eines 51-Jährigen, gibt es wieder Normalität. Aber nicht morgen, nicht übermorgen, und auch nicht nächste Woche.

Vor genau zehn Jahren starben in Graz bei einer Amokfahrt drei Menschen, und 36 wurden verletzt. Was sagen Sie Menschen, die aufgrund der Geschehnisse Angst haben?

Nitsche: Aus der Krisenseelsorge wissen wir: In einer ungewöhnlichen Situation kommt es oft zu einer ungewöhnlichen Reaktion, und das ist normal. Es ist ganz normal zu weinen oder zu schweigen oder etwas wegzudrücken in dieser Situation, die unerträglich ist. Die einen kommen nicht aus dem Bett, die anderen sind hochaktiv, machen Ordnung, suchen das Leben und die Selbstwirksamkeit. Das alles sind Ausgleichsreaktionen – und das alles gilt für die Helfenden genauso.
Selbst die Angst, aus dem Haus zu gehen, hat ihren Platz – für die betreffende Person ist das womöglich eine normale Reaktion. Natürlich ist es schade, wenn man bei dieser Reaktion stehenbleibt, aber wenn es guttut, nach solch einem Ereignis nicht aus dem Haus zu gehen, sage ich: „Passt schon.“ Ich glaube, dass wir grundsätzlich sehr ungeduldige Menschen sind – so auch in Krisen. Aber es braucht Zeit.

Viele wollen jetzt für andere da sein. Was sagen Sie Menschen, die anderen zur Seite stehen wollen, aber nicht wissen, wie?

Nitsche: Da gibt es kein Patentrezept, aber im Grunde gilt: einfach mittun. Das heißt: Wenn’s zum Weinen ist, dann mitweinen. Und wenn das Gegenüber sagt: „Lass uns spazieren gehen oder etwas essen“, dann genauso mittun. In dieser Situation ist es wichtig, mit kleinen Schritten ein Stück Normalität zurückzugewinnen. Aus meiner Sicht funktioniert so auch Trauerbegleitung. Und manchmal – aber das gilt nur für Menschen, die bereits eine religiöse Erfahrung haben oder mitbringen – können auch religiöse Rituale großartig sein. Im Kollektiv eine Schweigeminute oder ein gemeinsames Vaterunser, nicht viele Worte. Ich würde aber nicht sagen, dass das Vaterunser für jeden Menschen alles zurechtrückt.
Wenn das Vaterunser eine Rolle spielt und eine Tradition ist, dann hilft es gegen Wortlosigkeit und eröffnet ein kollektives Miteinander – im Reden eines gleichen Gebetes, das viel größer ist als wir gerade jetzt. Selbst ein Mensch, der wenig Ahnung hat vom Christentum, spürt in diesem Gebet die Kraft von zweitausend Jahren. Es eröffnet eine andere Dimension. Und auf diese zu hoffen, mit ihr zu rechnen – das vermag der gläubige Mensch.

Liegt darin der Unterschied zwischen Psychotherapie und Seelsorge?

Nitsche: Religion und Psychologie kann man nicht miteinander vergleichen. Ein psychologisches Gespräch und ein seelsorgliches Gespräch sind zwar miteinander verwandt, nur: Das seelsorgliche Gespräch beinhaltet die Dimension Gott. Und Gott steht für das, was unverfügbar ist; für das, was größer ist als wir, möglicherweise sogar für eine Hoffnung, die auch über unsere Grenzen hinausgehen kann. Seelsorge bezieht diese Dimension mit ein. Die Psychologie hingegen rechnet nicht mit Gottes Hilfe; sie fokussiert sich auf die Ressourcen im Menschen selbst. Als religiöser Mensch jedoch kann ich sagen: „Gott kann es richten“ – wobei dieses Wort im Deutschen ja mehrere Bedeutungen hat. Und ich kann sagen: „Wunderbar, darauf hoffen wir: Gott kann das, was zu Unrecht ist, wieder zurechtrichten.“

Damit sind wir bei der vielzitierten „Kraft der Religion“ angelangt und beim Trost, den sie zu spenden vermag ...

Nitsche: Ein spiritueller Zugang geht oft davon aus, dass unser Leben irgendwoher kommt und irgendwohin geht. Das heißt, er rechnet mit dem Ewigen. Und das Ewige beginnt ja nicht nach dem Tod – dann wäre es unendlich –, sondern das und der Ewige ist einfach größer, war schon vorher und ist nachher. „Ewig“ ist ja „immer“.
Die Rede vom „Ewigen Leben“ meint nicht ein unendliches Leben nach dem Tod, sondern Ewiges Leben war schon vorher und ist bei Gott, und das ist eine andere Dimension. Und: Wenn es einen Gott gibt – diese Frage stelle ich als Pfarrer natürlich nicht, aber man kann sie auch rhetorisch stellen –, wenn es also einen Gott gibt, der allmächtig und groß ist, gibt es wahrlich kein Ereignis, das nicht in seiner Hand Platz hätte. Das kann der Glaube denken und beten. Und das wird uns in der Taufe zugesagt: Darauf können wir hoffen. Interview: Anna Maria Steiner

Hier erhalten Sie Hilfe

Telefonseelsorge: Tel. 142 (rund um die Uhr, jeden Tag, kostenlos und absolut vertraulich)

Rat auf Draht: Tel. 147

PsyNot – psychiatrisches Krisentelefon : Tel. 0800/4499 33

Männernotruf: Tel. 0800/246 247

Pfarrer Paul Nitsche unterrichtet seit 2022 am BORG Dreierschützengasse in Graz und ist Notfallseelsorger. 
 | Foto: Margit Schmid
Trauer um die Opfer des Amoklaufs in Graz vor dem Wiener Stephansdom.
 | Foto: Kathpress/Johannes Pernsteiner
Autor:

Kirche bunt Redaktion aus Niederösterreich | Kirche bunt

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