Weihnachten
Viktor Frankls Appell für den Frieden
- Viktor Frankl mit Patientin 1948.
- Foto: viktorfranklamerica.com
- hochgeladen von Patricia Harant-Schagerl
Engel verheißen zu Weihnachten Gottes Frieden den „Menschen seines Wohlgefallens“. Doch wir Menschen tun uns schwer mit dem Frieden. Viktor Frankl, KZ-Überlebender und Begründer der Logotherapie, denkt darüber im Jahr 1949 (in einer Gedenkrede für in KZs verstorbene Ärzte) nach. Ein Auszug.
Überhaupt war das Erlebnis des Konzentrationslagers ein einziges großes Experiment – ein wahres experimentum crucis. Unsere toten Kollegen haben es ehrenvoll bestanden. Sie haben uns bewiesen, dass der Mensch es in der Hand hat, auch unter den ungünstigsten, den unwürdigsten Bedingungen noch Mensch zu bleiben – wahrer Mensch und wahrer Arzt. Was denen, die diesen Beweis erbrachten, zur Ehre gereicht, soll aber uns eine Lehre sein, soll uns lehren, was der Mensch ist und was er sein kann.
Was also ist der Mensch? Wir haben ihn kennengelernt, wie vielleicht noch keine Generation vor uns; wir haben ihn kennengelernt im Lager – im Lager, wo alles Unwesentliche vom Menschen weggeschmolzen war; wo alles fortfiel, was einer besessen hatte: Geld – Macht – Ruhm – Glück – wo nur mehr das übrigblieb, was ein Mensch nicht „haben“ kann, sondern was er „sein“ muss: Was übrigblieb, war der Mensch selbst – verbrannt vom Schmerz und durchglüht vom Leid, wurde er eingeschmolzen auf das Wesentliche in ihm, auf das Menschliche.
Was also ist der Mensch? So fragen wir nochmals. – Er ist ein Wesen, das immer entscheidet, was es ist. Ein Wesen, das in sich gleichermaßen die Möglichkeit birgt, auf das Niveau eines Tieres herabzusinken oder sich zu einem heiligmäßigen Leben aufzuschwingen. Der Mensch ist jenes Wesen, das immerhin die Gaskammern erfunden hat; aber er ist zugleich auch jenes Wesen, das in eben diese Gaskammern hineingeschritten ist in aufrechter Haltung und das Vaterunser oder das jüdische Sterbegebet auf den Lippen.
Das also ist der Mensch. Und nun wissen wir auch die Antwort auf die Frage, die wir uns im Anfang gestellt: Was ist der Mensch, dass wir seiner gedenken? „Er ist ein Schilfrohr“, hat Pascal gesagt, „– aber ein Schilfrohr, das denkt!“ Und dieses Denken, dieses Bewusstsein, dieses Verantwortlichsein –, es macht die Würde des Menschen aus, die Würde jedes einzelnen Menschen. Und es liegt ganz und gar immer nur am einzelnen Menschen, ob er sie mit Füßen tritt – oder ob er sie wahrt. So wie das eine das persönliche Verdienst eines Menschen ausmacht – so das andere seine persönliche Schuld. Und es gibt nur persönliche Schuld. Niemals aber dürfte die Rede sein von Kollektivschuld. (...)
Und so wollen wir denn nicht nur gedenken, der Toten, sondern auch verzeihen, den Lebenden. Und wenn wir sprechen: Ehre sei den Toten – so wollen wir auch hinzusetzen: – und Friede allen Lebenden, die guten Willens sind.
Erschienen in: Wiener klinische Wochenzeitschrift, 61. Jahrgang, Nr. 15, 1949, S. 1-4.
Autor:Patricia Harant-Schagerl aus Niederösterreich | Kirche bunt |
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