Interview mit Bischof Alois Schwarz:
„Die Hoffnung läuft voraus"
- Bischof Dr. Alois Schwarz mit dem Pilgerarmband der Diözese St. Pölten zum
Heiligen Jahr. Bei jeder der 13 „Kirchen der Hoffnung“ erhält man eine eckige „Perle“ mit einem Buchstaben, die man auf das Band auffädeln kann. Sind alle Buchstaben und Ziffern gesammelt, steht auf dem Armband „Heiliges Jahr 2025“. - Foto: Diözese St. Pölten
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Das Heilige Jahr 2025 steht unter dem Motto „Pilger der Hoffnung“. In unserer Diözese gibt es 13 ausgewählte Kirchen der Hoffnung, wo Bischof Alois Schwarz im Laufe des Jahres jeweils eine „Hoffnungsmesse“ feiert. Im Interview mit „Kirche bunt“ zieht der Bischof eine erste Zwischenbilanz über das Heilige Jahr, erzählt u. a. von besonderen Begegnungen, seiner Präsenz in den Sozialen Medien und wohin er geht, wenn er Hoffnung schöpfen möchte.
Wie sieht eine erste Bilanz für die Weltkirche – und für unsere Diözese – aus?
Bischof Alois Schwarz: Mitten im Heiligen Jahr 2025 erlebe ich die Weltkirche als einen lebendigen Organismus, der auf dem Weg ist – im Gehen, im Ringen, im Hören. Papst Franziskus hat zu Beginn des Jahres die Heilige Pforte öffnen lassen, als Zeichen dafür, dass wir alle eingeladen sind, die Hoffnung nicht nur zu denken, sondern zu durchschreiten. Papst Leo XIV. hat – noch als Kardinal Prevost – die Kirche erinnert, dass unsere erste Aufgabe nicht das Belehren ist, sondern das Verlieben in Christus: „Unsere erste Aufgabe besteht darin, die Schönheit und Freude zu vermitteln, Jesus zu kennen.“ Diese Schönheit sehe ich heute – in den kleinen und großen Aufbrüchen der Gläubigen weltweit.
In unserer Diözese feiern wir das mit „Hoffnungsmessen“, wir gehen auf Menschen zu durch digitale Formate, Begegnungstage, Reels (das sind Kurzvideos in den Sozialen Medien, Anm. der Red.) aus Rom. Das ist für mich nicht nur Öffentlichkeitsarbeit, sondern vor allem Seelsorge und Pastoral. Wir führen nicht Regie über eine Kirche der Antworten, sondern begleiten Menschen in ihrer Sehnsucht. Das ist gelebte Synodalität.
Was bedeutet das Motto „Pilger der Hoffnung“ konkret für die Diözese und die Pfarren?
Bischof Schwarz: Dieses Motto ist eine geistliche Wegbeschreibung. Pilgern bedeutet für mich: sich bewegen – im Herzen, im Geist, im Miteinander. Hoffnung ist keine naive Erwartung, dass alles gut wird. Hoffnung – so sagt es Tomáš Halík – ist die Kraft, auszuhalten, was der Glaube allein nicht mehr tragen kann. Die Geschichte Rahabs ist dafür ein prophetisches Bild: Eine Frau am Rand – mit schlechtem Ruf, aber klarem Blick – erkennt die Wahrheit, rettet andere, wird Teil des Heilsgeschehens.
Auch unsere Pfarren sind Orte dieser Hoffnung. Viele gestalten eigene Pilgerwege, öffnen Kirchen als Orte geistlicher Erneuerung. Dort, wo man es nicht erwartet, geschieht das Entscheidende. Papst Franziskus hat die Jugend aufgerufen, keine Touristen zu sein, sondern Pilger. Ich sehe darin eine Einladung an uns alle: nicht zu konsumieren, sondern zu suchen. Die Kirche ist kein Ort des Fertigen, sondern des Unterwegsseins.
„Ich antworte nicht mit dem Katechismus in der Hand,
sondern mit dem Evangelium im Herzen.“
Gab es besondere Einblicke oder Begegnungen bei den „Hoffnungsmessen“?
Bischof Schwarz: Ja, sehr viele. In jeder dieser Feiern erlebe ich, wie der Glaube konkret wird. Ein junges Paar, das nach einer schweren Diagnose wieder Hoffnung geschöpft hat. Eine alte Frau, die sich nach Jahren wieder zur Eucharistie getraut hat. Ein Kind, das fragte: „Ist das Jesus in echt?“ Diese Augenblicke sind heilig. Sie zeigen: Hoffnung hat ein Gesicht. Tomáš Halík schreibt, dass die Hoffnung oft schneller am Grab ist als der Glaube – aber sie wartet auf ihn. So ist es auch in unseren Feiern: Die Hoffnung läuft voraus. Und der Glaube folgt – manchmal schwer, aber getragen. Auch die Erinnerung an Rahab hilft mir hier: Ihre Tat war klein, aber entscheidend. Hoffnung entsteht durch Vertrauen – nicht durch Macht.
Was ist Ihnen bei Ihrer Präsenz mit „Reels“ in den Sozialen Medien wichtig?
Bischof Schwarz: Ich verstehe die Sozialen Medien als einen „Pilgerort des 21. Jahrhunderts“. Menschen – vor allem junge – stellen dort ihre echten Fragen. 1,2 Millionen Menschen sehen monatlich meine Reels, ich erhalte über 800 persönliche Anfragen. Ich antworte, weil ich glaube, dass Gott auch in Kommentaren und Direktnachrichten wirkt.
Papst Leo XIV. hat betont, dass wir nicht isoliert oder autoritär sprechen dürfen – sondern aus Beziehung. Das Internet braucht keine Oberlehrer, sondern Zeugen. Und so antworte ich nicht mit dem Katechismus in der Hand, sondern mit dem Evangelium im Herzen. Kurz, klar, ehrlich – wie die Apostel auf dem Weg nach Emmaus: fragend, erzählend, hörend. Ich möchte nicht belehren, sondern begleiten. Wie der Papst sagt: „Unsere Aufgabe ist es, Zeugnis zu geben von unserer Nähe zum Herrn.“
Was sagen Sie Menschen, die keine Hoffnung mehr haben?
Bischof Schwarz: Ich sage: Du bist nicht allein. Und: Dein Zweifel ist nicht das Ende, sondern vielleicht der Anfang. Halík nennt den Zweifel den „korrigierenden Gefährten des Glaubens“. Und ich glaube das auch. In den dunkelsten Momenten unseres Lebens ist nicht der Glaube am stärksten, sondern die Hoffnung. Ich erinnere an die Worte von Papst Franziskus an die Jugend: „Die Hoffnung ist eine Kraft, die uns weitergehen lässt, wenn die Müdigkeit uns lähmt.“ Die Geschichte Rahabs zeigt: Hoffnung braucht kein Idealleben. Hoffnung braucht Vertrauen – inmitten von Angst. Ich sage diesen Menschen: Du musst nicht perfekt sein. Aber du darfst dich tragen lassen. Und ich sage ihnen auch, wie Papst Leo XIV.: „Wir dürfen unser Herz nicht verschließen vor denen, die leiden.“
Wohin gehen Sie, wenn Sie Hoffnung schöpfen möchten?
Bischof Schwarz: Ich gehe in die Stille. Ich gehe in die Anbetung. Ich gehe zu dem kleinen Buben, der ich einmal war. In meinem Vortrag in Heiligenkreuz habe ich das genannt: Selbstevangelisierung. Ich danke meinem früheren Ich. Ich spreche mit ihm. Und ich entdecke: Ich war nie allein.
Ich gehe zur Eucharistie – der „Autobahn zum Himmel“, wie Carlo Acutis sagte. Dort ruhe ich. Dort verweile ich. Dort höre ich Jesus sagen: „Ich bin mit dir.“ Und dieses „Ich bin mit dir“ steht auch auf unseren Briefbögen, auf den Bannern unserer Diözese – und in meinem Herzen.
Papst Leo XIV. hat gesagt: „Vergesst nie die geistliche Dimension eurer Berufung – sonst werdet ihr zu Managern.“ Diese Worte tragen mich.
Was möchten Sie am Ende des Heiligen Jahres sagen können?
Bischof Schwarz: Ich möchte sagen: Christus hat die Menschen berührt. Nicht durch Programme, sondern durch Nähe. Ich möchte sagen: Unsere Diözese ist nicht nur verwaltet worden, sondern gegangen. Gepilgert. Begleitet. Wenn junge Menschen sagen können: „Ich habe durch das Heilige Jahr Jesus kennengelernt – als Freude, nicht als Pflicht“, dann ist es gelungen. Wenn alte Menschen sagen: „Ich habe Hoffnung gefunden – in einer Messe, einem Reel, einem Gespräch“, dann war es heilig.
Papst Leo XIV. träumt von einer Kirche, die Einheit stiftet, nicht Spaltung. Und ich teile diesen Traum. Unsere Mission als Kirche ist nicht zu siegen, sondern zu dienen. Wenn das Heilige Jahr endet und jemand flüstert: „Ich bin aufgebrochen – und ich wurde nicht enttäuscht“, dann ist alles erfüllt. Interview: Sonja Planitzer
Hintergrund
Bischof Alois Schwarz bezog sich im Interview auf die alttestamentarische Erzählung von Rahab sowie auf Carlo Acutis und Tomáš Halík.
Rahab. Die Erzählung von der kanaanäischen Prostituierten Rahab findet sich am Anfang des Buches Josua, das direkt an den Pentateuch anschließt und den dort begonnenen Erzählbogen fortführt: Nach dem Tod des Mose steht das Volk Israel östlich des Jordans und erwartet den Einzug ins Gelobte Land unter der Führung Josuas. Josua schickt zwei Kundschafter nach Jericho, der ersten zu erobernden kanaanäischen Stadt. Sie sollen die Lage erkunden und die Eroberung vorbereiten helfen. Dabei treffen sie auf Rahab, die die Kundschafter in ihrer Wohnung versteckt und sie bei der Flucht unterstützt. Als „Gegenleistung“ erwirkt Rahab, dass sie und ihre Familie bei der Eroberung Jerichos durch die Israeliten verschont bleiben.
Carlo Acutis. Carlo Acutis war ein computeraffiner italienischer Jugendlicher, der mit 15 Jahren an Leukämie starb. Er war tiefreligiös und wurde u. a. dafür bekannt, eucharistische Wunder zu dokumentieren und auf einer Website zu katalogisieren. Acutis, der auch als Influencer Gottes bzw. Cyber-Apostel bezeichnet wird, wurde 2020 in Assisi seliggesprochen. Nach einem weiteren dokumentierten Wunder soll er 2025 heiliggesprochen werden.
Tomáš Halík ist ein tschechischer Priester und einer der renommiertesten Theologen und Religionsphilosophen der Gegenwart, der vielbeachtete Bücher verfasste.
Autor:Kirche bunt Redaktion aus Niederösterreich | Kirche bunt |
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