Kunst und Kultur
Bewahrt Schönes

 Restauratorin Gerda Kawka bei der Arbeit an einem Gemälde. | Foto: zVg
  • Restauratorin Gerda Kawka bei der Arbeit an einem Gemälde.
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Die Katholische Kirche ist Besitzerin und Verwahrerin unglaublicher Kunstschätze. Zum Verwahren gehört aber auch das Bewahren: Restauratoren und Konservatoren pflegen, sanieren und restaurieren Kunst in großen Stiftskirchen und kleinen Kapellen.

Eigentlich ist es nur schwer zu glauben: Egal wo man sich in der Diözese gerade befindet, man wird niemals lange unterwegs sein, um Kulturdenkmäler von Weltrang sehen zu können. Dazu gehören die großen Stifte mit ihren prächtigen Prälaturen und Barockkirchen, dazu gehören aber genauso die Pfarrkirchen und Kapellen, die sich auch im verstecktesten Winkel Niederösterreichs finden lassen. Große Baukunst, bedeutende Malerei, prächtige Kleinodien: sei es die bemerkenswerte barocke Kanzel der Pfarrkirche Mank mit vergoldetem Schnitzwerk, seien es die prachtvollen spätgotischen Flügelaltäre in Schönbach, die Rokokoorgel in Weißenkirchen oder das Altarbild in Reinprechtspölla – überall wartet menschengemachte Schönheit aus vergangenen Tagen.

Doch Schönheit ist vergänglich, zumindest, wenn es niemanden gibt, der sich um die vielen Bilder, Statuen, Gebäude, Paramente und so weiter kümmert. Barbara Taubinger ist Leiterin der Abteilung Denkmalpflege, jenem Amt der Diözese St. Pölten, das für die Bewahrung der kirchlichen Kunst verantwortlich ist. Es ist eine große Aufgabe: die Diözese St. Pölten umfasst hunderte Kirchen und Kapellen, dazu kommen Pfarrhöfe, Friedhöfe und Karner; tatsächlich ist es unmöglich für eine diözesane Dienststelle, das alles im Blick zu haben. „Das Kunstgut einer Pfarre lebt durch die Menschen vor Ort, die es pflegen“, bestätigt Taubinger.

Die von ihr geleitete Abteilung versteht sich deshalb als Vermittlungsstelle: „Wenn eine Pfarre merkt, dass irgendwo Restaurierungsbedarf besteht, meldet sie sich in der Abteilung Bau bzw. in unserer Abteilung. Wir schauen uns das dann an, überlegen, was man tun könnte, suchen nach geeigneten Restauratoren und vermitteln auch den Kontakt zum Bundesdenkmalamt und den öffentlichen Förderstellen.“

Vermittlung zwischen den relevanten Playern, aber auch zwischen Pfarre und der Kunst, die ihnen gehört – auch das gehört zur Arbeit der Abteilung. „Wenn wir in eine Pfarre kommen, um dort ein Restaurierungsprojekt zu begleiten, merkt man, dass das für viele Gemeindemitglieder zu einer lebendigen Auseinandersetzung mit Kunst und auch Glaube wird. Das erlebe ich ganz häufig.“ Grund dafür sei nicht zuletzt, dass in den Pfarren oft selbst mitangepackt werde, wenn größere Restaurierungs- und Renovierungsarbeiten anstehen und man sich so bewusst mit dem auseinandersetze, was man überhaupt für Kunstgüter habe. „Um Arbeitsstunden und somit Geld zu sparen, wird dann von Ehrenamtlichen Putz abgetragen oder werden Räume entrümpelt.“ Gerade letzteres sei ein wesentliches Moment in der Vermittlungsarbeit. „99 Prozent unserer Kirchen stehen mit ihrem gesamten Inhalt unter Denkmalschutz. Leuchter, Messgewänder, Fahnen, Möbel und so weiter. Wenn also eine Pfarre ihren Dachboden entrümpeln will, stehen wir mit Hilfestellungen wie einer fachlichen Einschätzung zu Seite.“ Hier werde auch richtige Lagerung und Handhabung mit den Pfarren besprochen.

„Unser Bischof sagte einmal, dass das Museum am Dom ein Tor der Verkündigung sei.“

Bei solchen Aktionen kämen auch mitunter besondere Schätze hervor, die sogar wieder vermehrt Verwendung in der Liturgie fänden. „Viele Priester finden dadurch wieder einen Zugang zu den Gegenständen und verwenden diese in der Liturgie“. Taubinger begrüßt das. Zum einen, weil eine Kasel ja zum Anziehen und ein Kelch zum Zelebrieren gemacht worden sei, zum anderen, weil die kirchliche Kunst auch ein Zugang zum Glauben für Menschen sein kann, die keinen Bezug mehr zur Religion haben. „Unser Bischof sagte einmal, dass das Museum am Dom ein tolles Tor der Verkündigung sei. Ich sehe das ganz genauso.“ Taubinger ist nicht nur Diözesankonservatorin, sie leitet auch das Museum am Dom.

Alte Bilderwelten aufschließen

In den barocken Räumen mit gedämpftem Licht des Museums steht sie vor einem Bild aus dem 17. Jahrhundert: Maria als junges Mädchen mit offenen Haaren, auf ihrem Gewand sind goldene Getreideähren zu sehen. „Einen Lieblingsmaler oder ein Lieblingsbild zu nennen ist schwer, aber das hier mag ich sehr“, sagt Taubinger, als sie vor der ungewöhnlichen Mariendarstellung steht. Das Kleid Mariens ist blau, sie steht auf einer Blumenwiese, ein Lichtkranz umgibt sie, der gefüllt von golden leuchtenden Putti ist. Ein Bild mit hoher Symbolkraft und -dichte, die sich nicht nur kirchenfernen Menschen heute nur mehr schwer erschließt.
„Aufgabe eines kirchlichen Museums und auch der kirchlichen Denkmalpflege ist es heute mehr und mehr, diese sakralen Bilderwelten Menschen aufzuschließen und für die heute teils schwer zu entziffernden Bilder eine Übersetzungshilfe anzubieten“, sagt Taubinger. In der aktuellen Ausstellung „Schicht um Schicht. Spätgotische Kunst im Farbwandel“ setzt sich das Dommuseum beispielsweise mit der symbolischen Bedeutung von Farben auseinander.

„In der Gotik gab es Farbcodes, die jeder verstanden hat, egal wie gebildet oder wie reich“, berichtet Gemälderestauratorin Gerda Kawka. „Das ist uns heute verloren gegangen – trotzdem muss dieser Kunstschatz bewahrt bleiben.“ Sie sitzt vor einem Kaffeehaus in der St. Pöltner Innenstadt, als sie von ihrer Arbeit erzählt, und deutet auf die Barockfassaden, die den kleinen Platz umgeben: „Das ist nicht einfach nur hübsch, das gehört zur Identität unserer Kultur, das ist ein Erbe, das bewahrt werden muss.“

Arzt und Detektiv

In ihrer Arbeit ist sie gleichzeitig Arzt und Detektiv: „Jeder Restaurierungsmaßnahme geht eine sorgfältige Untersuchung des Objekts voraus. Erst auf Grundlage einer Zustandsanalyse lässt sich beurteilen, welche konservatorischen oder restauratorischen Maßnahmen erforderlich sind.“ Die Zielsetzungen würden dabei in Abstimmung mit dem Bundesdenkmalamt festgelegt. Festigen des Untergrundes, also zum Beispiel des Holzes oder der Leinwand, Retusche verloren gegangener Partien, Reinigen und so weiter schließen sich dann an. „Die Ausbildung zur Restauratorin, zum zum Restaurator umfasst neben kunsthistorischen und handwerklichen Kenntnissen auch fundiertes Wissen in Chemie und Materialkunde. Nur durch ein genaues Verständnis der verwendeten Materialien und ihrer Alterungsprozesse kann man geeignete und langfristig verträgliche Behandlungsmethoden wählen.“

Als Restauratorin müsse man sich künstlerisch zurückhalten, erklärt Kawka. „Als Restauratorin verstehe ich mich nicht als Künstlerin, die ein Werk neu gestaltet, sondern als Bewahrerin des kulturellen Erbes. Ziel meiner Arbeit ist es, die originale Substanz zu erhalten, Schäden zu stabilisieren und die Lesbarkeit eines Kunstwerks wiederherzustellen, ohne dessen historische Authentizität zu beeinträchtigen.“

„Viele Menschen stecken viel Herzblut in die Pflege und den Erhalt der Kunst.“

Auch für sie ist die Arbeit mit den Menschen vor Ort integraler Bestandteil der Restaurierungsarbeit. „Viele Menschen verbinden unheimlich viel mit ihrer Pfarrkirche und stecken viel Herzblut in die Pflege und den Erhalt der Kunst.“ Über die Historie der Kirchen wissen die Leute vor Ort außerdem oft am besten Bescheid. Auch hier gehört die Kunst wesentlich zur Identität einer Gemeinde, eines Ortes – sie vor dem Verfall zu schützen, trage zur Identität als Gemeinschaft bei. „Solche Projekte, bei denen man merkt, man tut wirklich etwas für die Pfarrgemeinde, sind die schönsten, auch weil da die Dankbarkeit am größten ist.“ Und sie schätze die Schwierigkeit. „Wenn ein Projekt herausfordernd ist, macht es besonders viel Spaß.“

Als ihre Lieblingsmaler nennt sie die großen Meister: Caravaggio, Vermeer und Konsorten. „Die haben diese Theatralik, das ist einfach schön.“ Gefragt, ob die heutige Zeit noch Künstler wie Caravaggio hervorbringen kann, ist sie skeptisch. „Große Künstler gibt es heute auch! Aber der Ansatz heute ist anders – und es gibt sicher auch viele Techniken, die einfach verloren gehen werden oder schon verloren gegangen sind, auch weil die Ausdrucksmöglichkeiten heute andere sind.“

Taubinger sieht das ähnlich. „Früher ging es in religiöser Kunst vor allem darum, Glaubensinhalte darzustellen. Heute ist der persönliche Zugang eines Künstlers zum Glauben viel zentraler geworden.“
Die großen Philosophen des Mittelalters nahmen einen inneren Zusammenhang zwischen Schönheit und Wahrheit an: im Schönen können wir Wahrheit entdecken, weil beides letztlich auf einen gemeinsamen Urgrund, den göttlichen Schöpfer, zurückgeht. „Kunst muss natürlich nicht nur gefallen, aber sie sollte zumindest berühren. Wenn ein Kunstwerk nur ‚Talking Point‘ im Kulturteil der Zeitungen ist, ist das zu wenig“, sagt Taubinger und auch Kawka betont: „Kunst besitzt die Fähigkeit, Menschen unabhängig von ihrem persönlichen Glauben zu berühren.“ In der Diözese St. Pölten wartet überall Schönheit darauf, uns zu berühren – und sie wird es hoffentlich noch lange tun, dank derer, die sie pflegen. Matthias Wunder

Autor:

Matthias Wunder aus Niederösterreich | Kirche bunt

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