Meister Eckhart
Das Denken und die Teufelssaat

Meister Eckhart, Skulptur in Bad Wörishofen. | Foto: Lothar Spurzem - Eigenes Werk, CC BY-SA 2.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=38346937
  • Meister Eckhart, Skulptur in Bad Wörishofen.
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Meister Eckhart war einer der kühnsten Philosophen seiner Zeit. Doch seine Theorien gefielen nicht jedem. Vor 700 Jahren fand die erste Phase seines Prozesses wegen Häresieverdachts statt.

Dass er überhaupt angeklagt wurde, war wahrscheinlich der Eifersucht zweier Mitbrüder zu verdanken. 1325 bezichtigten die Dominikaner Hermann de Summo und Wilhelm von Nidecke ihren Mitbruder Eckhart von Hochheim der Häresie, also des Festhaltens und Verbreitens von Irrlehren. Ein Skandal, war doch Meister Eckhart nicht irgendwer, er war einer der angesehensten Gelehrten seiner Zeit. Ein Theologe, vor allem aber Philosoph, der sich mit großer Kühnheit und Genialität seinem Lebensprojekt verschrieben hatte: Gott, den Glauben, die Kirche einzig und allein vernünftig erklären zu können, also ohne sich dabei auf die Bibel als Begründung berufen zu müssen. Und nicht nur dass, er wollte aufzeigen, dass mittels des menschlichen Verstandes Gott voll und ganz erkannt werden kann. Allein diese Aussage hat es in sich – sogar Thomas von Aquin war der Ansicht, dass es in Bezug auf Gott Dinge gäbe, die für den Menschen schlicht nicht zu erklären seien.

Hermann und Wilhelm hatten mit ihrer Anklage kurze Berühmtheit erlangt, kurz bevor sich öffentlich herausstellte, dass sie zwei recht üble Gesellen waren und sich schwere Verstöße gegen die Ordensdisziplin zu Schulden hatten kommen lassen.

Untersuchung in Köln und Avignon

Doch die moralische Zweifelhaftigkeit seiner Ankläger brachte letztlich dem prominenten Dominikaner nichts. Gerade weil er aber eine so prominente Figur war, der nicht nur auf Latein Traktate verfasste, in Paris und Straßburg Philosophie lehrte, sondern auch auf Deutsch predigte, wurde zumindest sehr ernsthaft mit den Häresievorwürfen umgegangen. Erst wurden vom Kölner Erzbischof zwei Inquisitoren eingesetzt, die in den Jahren 1325 und 1326 Eckharts Schriften untersuchen und seine Rechtgläubigkeit prüfen sollten. Über 100 Sätze aus den Werken des Philosophen wurden von den Untersuchern als häretisch eingestuft. Zu einer Verurteilung kam es in Köln allerdings nicht, was damit zu tun haben könnte, dass die zwei Inquisitoren angesichts des akademischen Schwergewichts verunsichert waren. Papst Johannes XXII., der damals in Avignon regierte, zog das Verfahren an sich. Eckhart musste nach Avignon reisen, in Begleitung seines Generalprokurators – der Orden stand also hinter ihm. Das und die Tatsache, dass Eckhart noch während der Untersuchungen in Köln pauschal jegliche Unstimmigkeiten widerrief, die ihm in Zukunft als Häresien ausgelegt hätten werden können, bewahrten ihn vor einer Verurteilung als hartnäckigem Häretiker. Stattdessen wurden im „Gutachten von Avignon“ lediglich 28 seiner Sätze und nicht er selbst als häretisch oder häresieverdächtig eingestuft und er entging einer schweren Strafe. Eckhart widerrief, starb aber bald darauf.

Nach Eckhart gebiert Gott sich im menschlichen Intellekt.

Was aber war es genau, was Eckhart Irrgläubiges verbreitet hatte und was seinen Denunzianten und Inquisitoren in Köln sauer aufgestoßen war? Eckharts Philosophie ist kompliziert und an manchen Stellen scheinbar paradox. Besonders relevant und besonders schwierig mit der katholischen Glaubenslehre zu verbinden, ist die schon angesprochene Rolle der Vernunft beziehungsweise des Intellekts. In den Theorien Eckharts ist Gott selbst Intellekt, er ist sozusagen „reines Denken“. Das sei es auch, was Mensch und Gott auf engste Weise verbinde, so eng sogar, dass Eckhart meinte, dass sich im menschlichen Intellekt Gott „gebären“ würde. Ohne auf die Feinheiten dieser Idee einzugehen, lässt sich feststellen, dass Eckhart hierin quasi den vorzüglichsten Ausdruck göttlicher Selbstmitteilung an den Menschen sah, dass seine Gegner hingegen in dieser Idee eine Übersteigerung des Menschlichen feststellten. Eckhart sprach dann nämlich auch vom „göttlichen Menschen“, also einem Menschen, dem die göttliche Natur ebenso wie Gott selbst zukommt.

Es ist nur eine der Thesen Eckharts, die der kirchlichen Autorität zu steil waren und Papst Johannes XXII. dazu bewogen, die Schriften Eckharts als „Teufelssaat“ zu schelten. Vieles, was Eckhart vor 700 Jahren geschrieben hat und er vor der Inquisition rechtfertigen musste, würde auch heute noch als unvereinbar mit kirchlicher Lehre gelten. Das macht ihn aber nicht weniger spannend und lesenswert: Sein Denken stellt bis heute einen der kühnsten Versuche dar, Gott denkend zu ergründen und das Paradoxon des Göttlichen erschließen zu wollen. Dass man am Ende nicht ihn selbst verurteilte, verwirft zwar Teile seiner Lehren, ehrt aber ihn als Denker. M. Wunder

Autor:

Matthias Wunder aus Niederösterreich | Kirche bunt

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