Pastoraltheologin Regina Polak
Jugend hat keine Lobby

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Assoz.-Prof. MMag. Dr. Regina Polak MAS wirkt am Institut für Praktische Theologie, Fachbereich Pas­toraltheologie und Kerygmatik, an der Katholisch-Theologischen Fakultät Wien. Die renommierte Pastoraltheologin spricht im Kirche bunt-Interview über die Einstellung der Jugend zur Religiosität, fehlende Studien und Werte, die jungen Menschen heute wichtig sind.

„Kirche bunt“: Was sagen große Studien – wie steht es um die Religiosität der Jugend?
Prof. Regina Polak: Leider gibt es dazu keine aktuellen repräsentativen Studien für Österreich oder Europa. Generell kommen im politischen, gesellschaftlichen und medialen Diskurs junge Menschen zu kurz. Das ist ein strukturelles Problem: In demographisch alternden Gesellschaften dominieren die Interessen von Älteren. Das hat sich auch bei Corona gezeigt: Erst spät kamen die speziellen Probleme junger Menschen zur Sprache, dass es z. B. zu wenige psychiatrische Behandlungsplätze gibt.

Jugendliche werden zu wenig wahrgenommen?
Polak: Ja! Dies ist kein bewusstes Wegschauen von Politik und Gesellschaft, aber man vergisst sie einfach, weil sie in der Minderheit sind. Die Europäische Union erforscht aber jetzt deren Interessen und arbeitet, wie auch die OSZE, verstärkt mit jungen Aktivisten zusammen. In Österreich könnte man das ausbauen. Dazu kommt: Kinder und Jugendliche haben keine Lobby. Es wäre eine Aufgabe der Kirche, deren Lebenssituationen wahrnehmbar zu machen.

Kirche als Lobby für Jugendliche?
Polak: Genau! Die Sorgen, Anliegen und Interessen der Jugendlichen müssen öffentlich thematisiert werden. In Ländern, in denen es mehr jüngere Menschen gibt, sind diese stärker im Fokus der Aufmerksamkeit.

Kann man trotz wenig vorhandener Studien etwas über die Religiosität von Jugendlichen sagen?
Polak: Die Europäische Wertestudie zeigt seit Jahrzehnten, dass kirchlich gelebte Religiosität abnimmt, je jünger die Menschen sind. Wenn hier nichts unternommen wird, geht der Trend wohl so weiter, aber zwingend ist das nicht. Bei der letzten österreichischen Wertestudie von 2008 war ein Drittel der Jugendlichen kirchlich gebunden und zwei Drittel glaubten an Gott. Beide Werte werden wahrscheinlich gesunken sein.

Leben junge Katholikinnen und Katholiken ihren Glauben heute anders?
Polak: Jene, die kirchlich sind, leben das heute bewusst und freiwillig. Das war vor ein, zwei Generationen nicht so der Fall. Da war Kirchenzugehörigkeit eine kulturelle Gewohnheit. Die Qualität hat sich verändert.

Wie sieht es bei anderen Religionen aus?
Polak: Alle Religionsgemeinschaften erleben einen Verlust junger Menschen. Aber auch dort gilt, dass diese freiwillig dabei sind und entschiedener ihren Glauben leben. Bei der muslimischen Jugend fällt das mehr auf, weil man genauer hinsieht. Aber auch deren Religiosität wird vielfältiger. Generell wird die Gesellschaft religiös-pluraler und gleichzeitig säkularer. Damit stellt sich die Frage: Wie lebe ich als junger Katholik, Jude oder Muslim?

Wie haben sich die Wertehaltungen verändert?
Polak: Diese haben sich teilweise stark verändert. Weltweit führen laut der World Value Study vor allem liberalere Einstellungen zum Geschlechterverhältnis oder zu gleichgeschlechtlichen Beziehungen zur Abkehr von Religionen. Das hat sich zuletzt gezeigt, als sich viele Jugendliche zu Wort gemeldet haben, als der Vatikan das Segensverbot für gleichgeschlechtliche Paare ausgesprochen hat.

Welche Werte sind Jugendlichen heute besonders wichtig?
Polak: Zentral sind ihnen Familie, Freundschaft, Beziehungen und Beruf. Das ist unverändert. Gesellschaftlich ist einiges im Wandel. Vor allem die Themen Ökologie und Umwelt, Migration sowie Ökonomie und Wirtschaftssysteme stehen bei der Jugend Europas heute im Zentrum der Aufmerksamkeit, wenn auch mit polarisierenden Meinungen. Da können wir viel von Papst Franziskus lernen, der diese Themen ja ebenfalls ins Zentrum seiner Stellungnahmen stellt.

Nehmen Jugendliche Kirche noch wahr?
Polak: Eine kirchliche Sozialisation mit regelmäßigem Gottesdienstbesuch und familiärem Glaubensleben gibt es zunehmend weniger. Auch wichtige kirchliche Dokumente sind oft unbekannt, sogar bei meinen Theologiestudierenden. Viele kennen die Katholische Aktion nicht mehr. Die meisten Jugendlichen kennen die Kirche aus den Medien – und diese Berichte sind in der Regel nicht positiv. Engagierte junge Chris­ten, die kirchenpolitische Fragen diskutieren, sind ein Minderheitenphänomen.

Wie kann man Jugendliche heute erreichen?
Polak: Das Wichtigste ist Zuhören und sich auf ihre Sprachformen und Lebenswelten einlassen, auch auf die virtuellen. Dann bedarf es des echten Dialogs. Wenn man in diese Räume hineingeht, dann stößt man bei religiösen Themen durchaus auf Interesse. Attraktiv sind auch konkrete Projekte, an denen sich Jugendliche beteiligen und mitgestalten können.

Gibt es da „Musterbeispiele“?
Polak: Meiner Wahrnehmung nach hat die Caritas keine Nachwuchsprobleme. Ähnliches gilt auch für die Sternsinger. Jugendliche wollen sich engagieren. Aber es wird nicht einfach werden, man sollte sich keine falschen Illusionen machen, denn kirchliches Engagement verliert gesellschaftlich an Image.
Religiöse Selbstverständlichkeiten gehen verloren, wie kann man da andocken?
Polak: Religiosität braucht Bildung. Früher war Religion selbstverständlich und wurde im Alltag und in Gottesdiensten eingeübt. Durch die Vorherrschaft einer naturwissenschaftlichen Weltsicht ist eine religiöse Lebensweise vielen fremd und unverständlich geworden. Das bedeutet, wir müssen lernen, mit unserem Glauben auch vor den Gebildeten zu bestehen. Zeugnis allein genügt nicht.

Hat die Kirche genügend Ressourcen für Jugendliche?
Polak: Wenn die Kirche überleben will, muss sie viel mehr Ressourcen und Personal für die Jugendpastoral einsetzen. Die Frage ist auch, welchen Stellenwert Jugend in Pastoralplänen hat.

Auf welche weiteren Veränderungen bei der kirchlichen Jugend weisen Sie hin?
Polak: In Wien wächst über die Hälfte der Volksschüler bereits mehrsprachig auf. Wir leben jetzt schon in einer Migrationsgesellschaft, auch in der Kirche. Auch die Ortskirchen nehmen ihre anderssprachige Jugend zu wenig wahr. Da ergeben sich oft Verdoppelungen in den Strukturen, etwa bei der Sakramentenvorbereitung. Aufgabe im Sinne der Katholizität ist es, diese Gruppen nicht zu integrieren, sondern Gemeinschaft zwischen allen Gemeinden der Ortskirche herzustellen. Auch hier könnte die Kirche ein gesellschaftliches Role Model (Vorzeigemodell, Anm. der Red.) sein, wie das Zusammenleben in Verschiedenheit gelingt.

Wie sehr verändert das Freizeitangebot die kirchliche Jugendarbeit?
Polak: Früher war die Pfarre der Treffpunkt. Heute gibt es unzählige andere Freizeitangebote. Kirche sollte das nicht verdoppeln oder in Konkurrenz treten. Es gilt zu fragen, was unser spezielles Profil ist. Ökonomisch gesehen ist Pfarre ein Ort, wo man nichts bezahlen muss. Da kann man sein, ohne Leistung bringen zu müssen. Vor allem aber kann man über Tiefsinniges sprechen, worüber man sonst nirgends spricht. Jugendarbeit muss sich dabei nicht anpassen, sondern kann Differenzerfahrungen erleben: Man hört ihnen zu, schätzt sie in ihrer Einzigartigkeit und man kann über Gott und die Welt nachdenken.

Pastoraltheologin Prof. Regina Polak
Autor:

Wolfgang Zarl aus Niederösterreich | Kirche bunt

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