Interview mit Vatikan-Kenner Marco Politi
Das unvollendete Pontifikat

Marco Politi lebt in Rom und kennt den Vatikan wie kaum ein anderer. 20 Jahre lang schrieb er für die italienische Tageszeitung „La Repubblica“.
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Der Vatikan-Kenner Marco Politi nennt Papst Franziskus den „Unvollendeten“. Welches Erbe hinterlässt der Papst? Welche Reformen wollte er? Was brachte uns die von ihm einberufene Weltsynode? Und wer oder was kommt nach Franziskus?

Die Kirche trauert um ihren liebenswerten Papst. Doch viele stellen sich auch die Frage: Was und wer wird nach Papst Franziskus kommen?

Marco Politi: Es gibt tiefe Gräben in der Kirche. Das streng konservative Lager macht ungefähr 30 Prozent aus, das reform-orientierte 20 bis 25 Prozent, und es gibt eine breite Mitte. Diese Mitte denkt sehr unterschiedlich, viele hier sind verängstigt, manche befürchten eine „Protestantisierung“ der Kirche: Die Anglikaner haben Frauen-Bischöfe und trotzdem sind die Kirchen leer.

Zurzeit gibt es das starke Bedürfnis nach Einheit. Der nächste Papst sollte zusammenführen und eine Vision, die über die Partei-Zwistigkeiten hinausgeht, mitbringen. Er sollte zudem jene Neuerungen, die Papst Franziskus angeregt hat, juristisch in die Kirche einbauen. Und man braucht in der modernen-medialen Gesellschaft jemanden, der charismatisch ist, der Ausstrahlung hat.

Gibt es momentan solche Kardinäle?

Marco Politi:
Es werden momentan viele Namen genannt. Staatssekretär Parolin etwa – feinfühlig, sensibel, ein Diplomat – oder Kardinal Zuppi (Vorsitzender der italienischen Bischofskonferenz), Kardinal Pizzaballa (Patriarch von Jerusalem), Kardinal Tolentin0 vom Kultur-Dikasterium oder Kardinal Aveline von Marseille. Mehr konservativ und juristisch ist Kardinal Erdö aus Ungarn. Zurzeit werden mehrheitlich Namen aus Europa oder Italien genannt, denn wenn man die Kirche neu strukturieren will, dann muss der Papst die Kurie gut kennen.

Oder man geht einen Schritt zurück.

Marco Politi: Das hat man mit Kardinal Ratzinger versucht und es war eine Kata-strophe. Die Uhrzeiger kann man nicht zurückdrehen. Man kann bremsen, sich auf etwas anderes konzentrieren, aber nicht einen Schritt zurück machen.

Papst Franziskus hat Raum für Diskussionen eröffnet. Manche meinen, damit nährte er nur falsche Hoffnungen oder stiftete Verwirrung.

Marco Politi:
Der Papst sprach oft in Bildern. So beschrieb er die Kirche als Polyeder, eine Art Prisma. Sie ist nicht wie eine Pyramide – einer an der Spitze, die an der Basis haben nichts zu sagen – oder eine Kugel, in der alle gleich sind. Bei einem Prisma hat jede Seite ihren Wert und ihre Rolle. Die Kirche heute ist facettenreich.

„Der Papst war wie ein Bauer, der die Saat aussät, und ein anderer wird die Ernte
einbringen.“

Der Papst stieß Prozesse an. Natürlich verwirrte das manche Menschen. Doch die neuen Entwicklungen kamen nicht vom Papst, sondern aus der Gesellschaft. Nun gibt es Leute, die wollen sich nicht damit beschäftigen. Anderen gehen Reformen in der Kirche nicht schnell genug. Die vom Papst angestoßenen Prozesse sind unvollendet und müssen natürlich vollendet werden. Mit dem jüngsten Drei-Jahres-Projekt des Papstes sollen sie vor Ort verankert werden. Der Papst war wie ein Bauer, der die Saat aussät, und ein anderer wird die Ernte einbringen.

Welche Reformen wollte er selbst?

Marco Politi: Eine wichtige Reform sah er darin, dass der Kern der kirchlichen Botschaft eine Liebes-Botschaft ist. Jeder Gläubige soll wie der gute Samariter sein, der sich interessiert für die Menschen und der sich um Notleidende kümmert. Diese Reform ist eine Bekehrung. Das hat natürlich auch politische Auswirkungen. Klimaschutz war dem Papst vor allem deshalb wichtig, weil sich die Lebensbedingungen der Menschen mit der Klimakrise verschlechtern.

Hinter welche Reformen wird man nicht mehr zurückgehen können? Wo hat der Papst „Pflöcke eingeschlagen“?

Marco Politi: Er hat z. B. die Fokussierung auf die Sexualmoral (Pille, künstliche Befruchtung, voreheliche Beziehung ...) vom Tisch gewischt. Hinter die Kommunion für Wiederverheiratete kann man nicht zurück, oder dass homosexuelle Menschen Kinder Gottes wie alle anderen sind. Papst Franziskus war offen für viri probati in einer Krisensituation, denn als Generalrelator bei der Amazonas-Synode hatte er Kardinal Hummes eingesetzt, der sich von jeher für die Möglichkeit eines verheirateten Klerus ausgesprochen hat. Der Papst hat Frauen in der Kurie ernannt – denn dort, wo er allein entscheiden konnte, setzte er seine Anliegen um. Es gibt nun erstmals eine Präfektin, deren Stellvertreter ein Kardinal ist.

Die Weltsynode, die 2024 in Rom zu Ende ging, hat viele Hoffnungen genährt – und auch enttäuscht.

Marco Politi: Das Thema der Weltsynode war sehr interessant. Das Wort „Synodalität“ ist zwar schwierig zu verstehen und erscheint abstrakt; es bedeutet aber einfach „zusammenkommen“ und „zusammenhalten“. Der Papst wollte damit die Kirche zu einer Transformation bewegen. Die alte monarchische Struktur vom Tridentinischen Konzil – der Papst als eine Art Kaiser – hält nicht mehr, ist nicht mehr in Einklang mit der zeitgenössischen Gesellschaft. Papst Franziskus hatte daher für die Weltsynode eine neue Arbeitsform gewählt: nicht die eines Parlaments wie bei einem Konzil – eine große Versammlung, wer will, steht auf und spricht –, sondern alle Eingeladenen sollen miteinander an runden Tischen sprechen, auch mit dem Anders-Denkenden.

Was hat die Weltsynode uns gebracht?

Marco Politi: Die drei wichtigsten Ergebnisse sind meines Erachtens: Das System der Räte (Pastoralrat, Priesterrat, ökonomischer Rat ...) muss überall in der Kirche eingeführt werden. Zweitens soll es kein Hindernis mehr geben, dass Frauen in Leitungspositionen kommen. Und drittens muss ein Rechenschafts-System eingebürgert werden: Die Bischöfe legen Rechenschaft darüber ab, wie sie ihre Diözese leiten – nicht nur dem Papst gegenüber.

Revolutionär an dieser Synode war auch, dass Frauen und Laien ein Stimmrecht hatten – das erste Mal nach 1.700 Jahren! Das ist eine Revolution, hinter die man nicht mehr zurück kann. Das wird man auch in den Bischofskonferenzen sehen.

Wie viel davon tatsächlich umgesetzt wird, liegt in der Hand eines Bischofs oder einer Bischofskonferenz?

Marco Politi:
In den letzten 12 Jahren hat man gemerkt: Der Papst und die Kurie sind nicht mehr so „allmächtig“ wie früher. Wenn Rom früher Ja sagte, dann war es ein Ja, ein Nein war ein Nein. Das ist heute nicht mehr so. Auch der Papst braucht eine Mehrheit hinter sich. Papst Franziskus eröffnete z. B. eine Diskussion über das Frauendiakonat, und die damit befasste Kommission ist gespalten. Der Papst autorisierte das Glaubensdikasterium zu erlauben, dass homosexuelle Paare gesegnet werden dürfen, und Kardinal Ambongo, Präsident der afrikanischen Bischofskonferenzen, hat dazu Nein gesagt. Papst Franziskus autorisierte die Bischöfe von Amazonien, über einen verheirateten Klerus (viri bzw. diaconi probati) zu diskutieren und abzustimmen, doch der emeritierte Papst Benedikt XVI. stellte sich dagegen.

Wie tragen die Sozialen Medien zu dieser neuen Diskussions-Kultur bei?

Marco Politi: Die Sozialen Medien haben vieles verändert. Noch zur Zeit Papst Benedikts XVI. musste man jemand sein, um Kritik zu äußern und Gehör zu finden: als Theologe, Historiker oder als Vertreter einer Organisation. Jetzt kann das jeder: Er verbindet sich mit Gleich-Denkenden und es entsteht eine „Lawine“. Deshalb sind Auseinandersetzungen – auch in der Kirche – sehr hart geworden.

Wollte der Papst Diakoninnen?

Marco Politi: Er wollte, dass die Frage offen ist. Es gab kein Nein. Eine Kommission soll am 15. Juni in dieser Sache ein Ergebnis bringen, aber schon bald sprach man von einem provisorischen Ergebnis.
Béatrice Faye, Ordensfrau aus dem Senegal und Teilnehmerin an der Weltsynode, hat die patriarchale Mentalität in den afrikanischen Gesellschaften vor Augen und meint, dass sich zuerst diese Mentalität ändern muss. Erst müsse sich das „Empowerment“ für Frauen allgemein breit machen.

In Österreich sind junge Priester und junge Gläubige oft konservativ.

Marco Politi: Ein Teil der Jugend hat einen totalitären Drang: Ich will zu 1.000 Prozent Christ sein und wähle eine Bewegung, wo alles richtig ist und es einen Führer gibt, dessen Wort gilt. Das passiert in der Politik und auch in manchen religiösen Bewegungen.

Der Papst hat viele dieser Bewegungen unter die Lupe genommen. Man hatte sich von ihnen ja einen Frühling der Kirche erhofft, und sie haben tatsächlich viele Leute mobilisiert und Gutes hervorgebracht. Andererseits gab es Irrwege, Manipulation sowie psychischen und sexuellen Missbrauch. Das ist der Grund, warum niemand mehr lebenslang Leiter einer solchen Organisation sein darf. Der Papst wollte keinen Personenkult.

War für Franziskus die Struktur der Pfarren wichtiger?
Marco Politi: Ja, er setzte auf die Pfarren und Diözesen. Die Pfarre ist offener für die Vielfalt an Personen und für alle Generationen. Man dürfe sich aber keine Hilfe von „oben“ oder einen neuen Enthusiasmus aus Rom erwarten. Es hängt von den Menschen vor Ort ab, wie sie das Pfarrleben gestalten, ob sie daran teilnehmen. Neuer Schwung kommt von „unten“ oder er kommt nicht.
Interview: Patricia Harant-Schagerl

zum weiterlesen:
Der Unvollendete. Franziskus‘ Erbe und der Kampf um seine Nachfolge von Marco Politi, Herder Verlag 2025, gebunden, 240 Seiten, Preis € 23,50.

Marco Politi lebt in Rom und kennt den Vatikan wie kaum ein anderer. 20 Jahre lang schrieb er für die italienische Tageszeitung „La Repubblica“.
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Marco Politi nach dem Gespräch mit Kirche bunt-Redakteurin Patricia Harant-Schagerl.  | Foto: Kirche bunt
Autor:

Kirche bunt Redaktion aus Niederösterreich | Kirche bunt

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