Theodizee-Frage
Warum, Gott?

Abraham ist dabei, seinen Sohn Isaak auf Geheiß Gottes zu opfern, bevor er von einem Engel davon abgehalten wird. Gemälde von Pieter Thijs.  | Foto: Wikimedia Commons.
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Der Amoklauf von Graz verschlägt uns die Sprache. Einzig eine Frage tritt aus der sprachlosen Trauer hervor: Wie kann der liebende und gute Gott so etwas zulassen?

Als Ijob vom Satan alles genommen wurde – sein Besitz, seine Familie, seine Gesundheit – klagt er Gott an: „Ich schreie zu dir und du antwortest mir nicht; ich stehe da, doch du achtest nicht auf mich“ (Ijob 29,20). Ijob, der Gerechte, der Schuldlose, der seinen Gott nie gelästert hat, ihm widerfährt für ihn unverständliches Unrecht – er begreift nicht, warum er das erleiden muss.

Der Amoklauf in Graz, bei dem elf unschuldige Menschen ums Leben kamen, stellt uns wie Ijob vor die Frage: Warum? Blicken wir auf Gott, wird die Frage nur noch unverständlicher. Gott ist doch gut, er ist doch gerecht, er liebt uns doch. Wie kann er also so etwas geschehen lassen?

Wenn wir diese Fragen vor Gott bringen, ihn anklagen für das, was er aus unserer Sicht getan und zugelassen hat, so schweigt er. Und dieses Schweigen macht die Frage nur noch unerträglicher. Dem Ijob aber hat Gott geantwortet, doch ganz anders als man es erwarten würde: „Wo warst du, als ich die Erde gegründet? Sag es denn, wenn du Bescheid weißt! Wer setzte ihre Maße?“ (Ijob 38,4) Er gibt in Wahrheit keine Antwort auf die Anklage Ijobs, er erklärt sich nicht, er sagt nicht, warum er Leid zulässt. Alles, was er sagt, ist: Du klagst mich an? Ich bin der Schöpfer der Erde, mein Ratschluss ist größer als dein Fragen, mein Wille und Handeln ist für dich unergründlich – und du klagst mich an?

Trost ist das keiner. Ganz im Gegenteil: Ijob ist zwar nach Gottes Rede befriedigt, doch uns stößt dieser Text aus heutiger Sicht geradezu ab: Da spricht kein liebender Gott, da spricht ein Tyrann. Und die Frage, wieso er solches Leid zulassen kann, bleibt unbeantwortet.

Wir begegnen einem Gott, der mitfühlt, der selbst leidet.

Als Gott Abraham befiehlt, seinen Sohn Isaak zu opfern, zögert dieser nicht. Seinen einzigen Sohn, auf den er lange gewartet hatte, bringt er auf einen Berg im Land Morija und legt ihn auf einen Brandaltar. Wieder fragt man sich: Wie kann das sein? Wie kann Gott so etwas einem Menschen abverlangen? Bevor Abraham seinen Sohn schlachten kann, gebietet ihm ein Engel Einhalt und sagt mit der Stimme Gottes zu Abraham: Weil du mir deinen Sohn nicht vorenthieltst, „will ich dir Segen schenken in Fülle“ (Gen 22,17). Gott stellt also seinen treuen Knecht auf die Probe. Doch trotzdem bleibt die Frage: Warum? Warum lässt Gott seinen Knecht Abraham etwas so Schreckliches durchleben?

Der wahre Isaak

Zur Geschichte von Abraham und Isaak findet sich eine Entsprechung im Neuen Testament. So wie Abraham bereit war, seinen Sohn für Gott zu opfern, so war Gott bereit, seinen Sohn für die Menschen zu opfern. In Jesus Christus, der am Kreuz für die Menschen gestorben ist, gab Gott sich selbst hin. Christus ist sozusagen der wahre Isaak, der tatsächlich geschlachtet wurde – und zwar nicht auf Befehl Gottes hin, sondern weil die Menschen ihn auslieferten, verurteilten und ermordeten.

Wenn wir mit der Frage des Leids und wie Gott dieses zulassen kann, konfrontiert sind, begegnen wir Christen einem Gott, der nicht mit großen Antworten aufwartet. Wir begegnen einem Gott, der mitfühlt, der selbst leidet, der aber dabei immer unergründlich bleibt.

Wir begegnen einem Gott, der die Freiheit des Menschen möchte. Er zwingt uns nicht seinen Willen auf, führt uns nicht an Zügeln durch das Leben. Er hat uns die Freiheit geschenkt, ihm nachzufolgen – oder es nicht zu tun. Der Mensch hat die Freiheit, das Gute zu tun und auch das Böse. Diese Freiheit kann missbraucht werden: von dem, der Böses tut, der andere zum Bösen drängt oder anstachelt, jemandem nicht das Gute zuteil werden lässt, das derjenige gebraucht hätte.

Warum Gott es zulässt, dass der Mensch solche Schrecklichkeiten erdulden muss, muss immer mit Blick auf die Freiheit des Menschen beantwortet werden. Doch diese Antwort hilft uns in Wahrheit auch nicht weiter – was bringt uns Freiheit, wenn junge Menschen dafür sterben müssen? Was uns viel eher helfen kann, ist der Blick auf den wahren Isaak, auf Christus, der gelitten hat und gestorben ist. Er ist einer von uns geworden und sein Leiden sagt uns: Auch in dieser Stunde der Trauer und Verzweiflung bin ich bei euch. Von Matthias Wunder

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Kirche bunt Redaktion aus Niederösterreich | Kirche bunt

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