Pilgerorte der Welt: Velankanni
Im "Lourdes des Orients"
- Velankanni
- Foto: Hariharan Gopal - adobe.stock.com
- hochgeladen von Kirche bunt Redaktion
„Unsere Liebe Frau von der guten Gesundheit in Velankanni“ gilt als der bedeutendste Marienwallfahrtsort Indiens und zeigt: Das Christentum ist dort nichts Fremdes.
Wer Indien besucht, wird rasch feststellen: Religion gehört dort zum Alltag. Tempel, Moscheen, Kirchen und Heiligtümer prägen Städte und Dörfer. Für die meisten Menschen spielt Religion eine zentrale Rolle im Leben. Menschen beten unterwegs, bringen Blumen oder Kerzen dar und machen sich oft tagelang auf zu einem heiligen Ort. Pilgern ist in Indien Teil der Kultur, unabhängig von der Religion.
Auch die Christen, die nur etwa zweieinhalb Prozent der Bevölkerung ausmachen, pflegen eine lebendige Wallfahrtstradition. Das bedeutendste und meistbesuchte christliche Pilgerziel Indiens ist heute die Basilika „Unsere Liebe Frau von der guten Gesundheit“ in Velankanni, das auch als „Lourdes des Orients“ bekannt ist.
Es liegt im südindischen Bundesstaat Tamil Nadu, direkt an der Küste des Golfs von Bengalen.
Lange Zeit war das Grab des Apostels Thomas in Mylapore bei Chennai das wichtigste Pilgerziel der indischen Christen. Auch das Grab des heiligen Franz Xaver in Goa zog viele Gläubige an. Seit dem 17. Jahrhundert entwickelte sich jedoch Velankanni zu einem Marienheiligtum von außergewöhnlicher Ausstrahlung.
Heute kommen jährlich rund zwanzig Millionen Pilger aus Indien und aus vielen anderen Ländern hierher. Damit gehört Velankanni zu den größten christlichen Wallfahrtsorten der Welt.
Millionen Pilger zu den Festtagen
Wer sich Velankanni nähert, sieht schon von Weitem die strahlend weißen Türme der neugotischen Basilika. Besonders während der großen Festtage vom 29. August bis 8. September verwandelt sich der kleine Küstenort in ein Meer von Pilgern.
Drei bis fünf Millionen Pilger aus allen Teilen Indiens und aus vielen anderen Ländern versammeln sich in diesen Tagen in Velankanni: Familien mit kleinen Kindern, Jugendliche, ältere Menschen, Kranke, Priester, Ordensleute, sie alle vereint die Hoffnung, hier Gott auf besondere Weise zu begegnen.
Viele legen weite Strecken zu Fuß zurück. Manche kommen aus Dankbarkeit für erfahrene Hilfe, andere bitten um Heilung, Trost oder Kraft in schwierigen Lebenssituationen. Besonders Kranke und ihre Angehörigen vertrauen auf die Fürsprache der Gottesmutter.
Ort mit bewegender Geschichte
Die Anfänge des Wallfahrtsortes liegen im Dunkeln. Wie bei vielen Heiligtümern vermischen sich Tatsachen mit mündlichen Überlieferungen und frommen Legenden. Gesichert ist, dass zu Beginn des 16. Jahrhunderts im Zuge der portugiesischen Seefahrt- und Entdeckungsreisen in Asien franziskanische Missionare in Nagapattinam, nur wenige Kilometer entfernt von Velankanni landeten und kleine christliche Gemeinden gründeten. Schon wenige Jahrzehnte später wird von einer Marienkapelle in Velankanni berichtet. Die Entstehung des Wallfahrtsortes soll auf drei außergewöhnliche Ereignisse zurückgehen.
Die erste Geschichte erzählt von einem gelähmten Jungen aus einer armen hinduistischen Familie. Eines Tages erschien ihm eine wunderschöne Frau mit einem Kind auf dem Arm und bat um einen Becher Buttermilch für das Kind, was er gerne gab.
Danach trug sie ihm auf, einem katholischen Mann in der nahegelegenen Stadt Nagapattinam auszurichten, an dieser Stelle eine Kirche zu bauen. Der Bub erklärte, dass er wegen seiner Lähmung unmöglich dorthin gehen könne. Doch im selben Augenblick wurde er geheilt. Voller Freude lief er los und überbrachte die Botschaft. Der Mann berichtete, dass auch ihm in der Nacht dieselbe Frau erschienen sei. Daraufhin wurde eine kleine Kapelle errichtet. Weil der gelähmte Junge gesund geworden war, erhielt Maria hier den Titel „Unsere Liebe Frau von der guten Gesundheit“.
Eine zweite Überlieferung berichtet von einem Milchjungen, der auf seinem Weg nach Nagapattinam unter einem Banyanbaum rastete. Dort erschien ihm die Gottesmutter mit dem Jesuskind und bat um etwas Milch, was er ihnen gab. Als der Junge seinem Herrn erklärte, weshalb ein Teil der Milch fehlte, glaubte dieser ihm nicht. Doch beim Öffnen des Kruges war dieser nicht nur wieder vollständig gefüllt – die Milch floss sogar über.
Schließlich erzählt die dritte Überlieferung von portugiesischen Seeleuten, deren Schiff auf dem Weg von Macao nach Colombo in einen schweren Sturm geriet. In ihrer Not riefen sie die Gottesmutter um Hilfe an und versprachen, dort eine Kirche zu bauen, wo sie sicher an Land gehen würden. Tatsächlich erreichten sie unversehrt die Küste von Velankanni und bauten neben der kleinen Kapelle eine neue. Daraus entstand der heutige riesige und eindrucksvolle Basilika-Komplex mit mehreren Kirchen und Gebäuden.
1962 erhob Papst Johannes XXIII. die Kirche zur Basilica minor. Am 10. Weltkrankentag (2002) verlieh Papst Johannes Paul II. Velankanni den Titel „Lourdes des Orients“. Das Gnadenbild zeigt Maria nicht in europäischer Kleidung, sondern in einem farbenprächtigen indischen Sari.
Sie trägt das Jesuskind auf dem linken Arm und hält in der rechten Hand ein Zepter. Es zeigt: Der christliche Glaube ist in Indien nicht etwas Fremdes geblieben, sondern hat Wurzeln in der Kultur des Landes geschlagen.
In Velankanni werden täglich Gottesdienste in mehreren indischen Sprachen und Englisch gefeiert. Die Basilika verfügt über eine Kapelle mit ewiger Anbetung, täglich wird der Rosenkranz gebetet und viele Priester stehen für das Sakrament der Versöhnung bereit. Verschiedene Gebetsangebote, Fürbittgebete und Lichterprozessionen ziehen die Gläubigen an.
Ort der tätigen Nächstenliebe
Zum christlichen Glauben gehört untrennbar die Nächstenliebe. Rund um die Basilika ist im Laufe der Jahre ein beeindruckendes soziales Engagement und tätige Nächstenliebe entstanden. Die Kirche unterhält Altenheime, Waisenhäuser, Schulen und Einrichtungen für gehörlose, blinde und behinderte Kinder.
Ein Krankenhaus und eine Ambulanz versorgen arme Menschen kostenlos oder zu geringen Kosten.
Bedürftige erhalten täglich warme Mahlzeiten und für mittellose Brautpaare werden Gemeinschaftshochzeiten organisiert. Auch Beratungsstellen und verschiedene Hilfsprojekte gehören zum Angebot des Wallfahrtsortes. So zeigt sich, dass wahre Marienverehrung immer zum Dienst am Mitmenschen führt.
Religiöse Vielfalt
Es pilgern nicht nur Christen nach Velankanni. Auch zahlreiche Hindus und Muslime kommen, um vor Maria zu beten. Sie nennen sie liebevoll „Matha“, die Mutter. So ist dieser Wallfahrtsort ein beeindruckendes Zeichen des friedlichen Miteinanders der Religionen. Hindus, Muslime, Christen, Sikhs, Jains und Buddhisten leben in Indien seit Jahrhunderten nebeneinander.
Obwohl es in den letzten Jahren immer wieder religiöse Spannungen gab, ist Velankanni ein Ort geblieben, an dem Menschen verschiedener Glaubensrichtungen gemeinsam beten und einander mit Respekt begegnen. So ist das Heiligtum zu einem Ort der Versöhnung, des Dialogs und des Miteinanders geworden.
Velankanni beeindruckt nicht nur durch seine Größe oder die Millionen Pilger. Seine eigentliche Bedeutung liegt in der lebendigen Verbindung von Glauben, Gebet, Gemeinschaft und gelebter Nächstenliebe.
Nicht außergewöhnliche Wunder stehen im Mittelpunkt, sondern die Einladung, auf Christus zu hören und ihm zu vertrauen.
Wer Velankanni besucht, erlebt eine Kirche, die betet, dient und Menschen zusammenführt. Menschen finden hier nicht nur Trost und Hoffnung, sondern werden eingeladen, ihr Leben neu an Christi Botschaft auszurichten. Deshalb ist die Basilika „Unsere Liebe Frau von der guten Gesundheit“ zu Recht das bedeutendste Marienheiligtum Indiens und eines der großen Wallfahrtszentren der Welt, tatsächlich das „Lourdes des Orients“.
Gebet „Unsere Liebe Frau von der guten Gesundheit“
O Maria! Unsere Mutter der Gesundheit und unsere himmlische Königin, die du auf deinem Thron der Barmherzigkeit und des Mitgefühls in deinem heiligen Schrein in Velankanni sitzt.
Wir preisen und ehren dich dafür, dass du unsere Zuflucht und unsere Linderung bist.
Seit jeher bist du die Hilfe und der Trost der Gebrechlichen.
Du verschaffst ihnen Gesundheit, wenn sie ihrem Heil förderlich ist.
Du stehst ihnen im Augenblick ihres Todes bei.
Hilf uns daher, o liebenswürdigste Mutter, und erwirke uns die Heilung von all unseren Leiden oder die Kraft, sie geduldig zu ertragen, sodass es dem heiligen Willen Gottes entspricht und all unsere Prüfungen zur Reinigung unserer Seelen beitragen und uns dabei helfen, uns von allen irdischen Bindungen zu lösen.
Amen.
Dr. Isaac Padinjarekuttu
Autor:Kirche bunt Redaktion aus Niederösterreich | Kirche bunt |
Sie möchten kommentieren?
Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.