Mariä Himmelfahrt
Ostern im Sommer

Deckenfresko in der Pfarrkirche Grainbrunn. | Foto: Archiv
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„Mariä Himmelfahrt“: Über ein Fest, das brennpunktartig die Hoffnung auf die Auferstehung, die Offenbarung durch die Kirche und die besondere Vermittlerrolle Mariens darstellt.

Manchmal, nur manchmal, beschleicht einen das Gefühl, dass die Theologen von früher ein etwas breiter gefächertes Repertoire an Fragestellungen hatten, als es heute manchmal scheint. Das ist sicher ein trügerisches Gefühl, doch in der Öffentlichkeit treten Theologen meistens dann auf, wenn es um Fragen kirchlicher Reformen, der Frauen in der Kirche, gesellschaftlichen Zusammenhalts oder – gerade jetzt ein heißes Thema – den Klimawandel geht. Vor 76 Jahren hingegen schrieb Pius XII. den folgenden Satz: „Die Studien über diese Sache sind von zahlreichen hervorragenden Theologen – sei es privat, sei es an öffentlichen kirchlichen Akademien und in den übrigen Schulen zur Vermittlung der heiligen Disziplinen – eifrig und mit Nachdruck vorangetrieben worden.“

Was war das für ein Thema, das „alacriter impenseque“ vorangetrieben wurde, das Theologen auf der ganzen Welt beschäftigte, das von Kongressen thematisiert wurde und 205 Bischöfe zu einer Petition auf dem Ersten Vatikanischen Konzil bewog? Ein Tipp: Es war nicht der Zölibat.

Das Thema, das die Kirche damals beschäftigte, war, wann der Papst endlich das Dogma verkünden möge, Maria sei mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen worden. Da könnten einem aus heutiger Sicht zwei Fragen einfallen: Warum sollte man sich mit so einer Frage überhaupt beschäftigen, es gibt ja schließlich wichtigere Dinge – Maria heizt uns schließlich nicht so ein wie der Klimawandel. Und warum war das überhaupt Gegenstand irgendeiner Diskussion? Mariä Himmelfahrt ist geradezu omnipräsent: der St. Pöltner Dom, die Melker Pfarrkirche, die Stiftskirche von Zwettl, das sind nur ein paar der Kirchen in der Diözese St. Pölten, die das Patrozinium „Mariä Himmelfahrt“ tragen – und das schon seit Jahrhunderten. Warum ist es also überhaupt eine Frage, ob die Himmelfahrt Mariens zum Glaubensschatz der Kirche gehört? Das ist ja gemessen an den vielen Kirchen, dem Hochfest in der Mitte des Sommers, dem italienischen „Ferragosto“ und so weiter geradezu offensichtlich.

Wenn das Reich Gottes vollends verwirklicht ist, wird auch der Mensch in die Einheit seiner selbst geführt.

Um beide Fragen zu beantworten, muss man zuerst wissen, was ein Dogma überhaupt ist, also was genau Pius XII. 1950 tat, als er verkündete, die leibliche und seelische Aufnahme Mariens in den Himmel sei ein Dogma. Ein Dogma ist eine Wahrheit, die von Gott geoffenbart wurde und die die Kirche als zu glauben festlegt. Umgekehrt: Wer ein Dogma leugnet, glaubt nicht all das, was die Kirche als von Gott geoffenbarte Wahrheit erkannt hat. Dogmen betreffen vor allem Gott, und weiters unter anderem sein Handeln an den Menschen und die Beziehung, die Gott zu seiner Schöpfung hat. Es ist zum Beispiel ein Dogma, dass Jesus der Sohn Gottes ist. Wer das nicht glaubt, glaubt etwas anderes als die Kirche.

Dass Maria mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen wurde, war lange Zeit kein Dogma, aber es war allgemein anerkannter Konsens. Schon im fünften Jahrhundert feierte man ein Fest, das an diesen Sachverhalt erinnerte, ab dem achten Jahrhundert gibt es zahlreiche bildliche Darstellungen der Himmelfahrt Mariens. Theologen seit der Zeit der Kirchenväter bekannten einmütig: Es ist gar nicht anders denkbar, als dass Maria mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen wurde.

Aber warum? Die Kirche glaubt an die Auferstehung des Fleisches. So wie Christus in seinem verklärten Leib auferstanden ist, werden auch die Menschen am Ende der Zeiten wieder mit ihrem eigenen, wenn auch ebenso verklärten Leib vereint. Die Voraussetzung dafür ist der endgültige Sieg Christi über Sünde, die Neigung zu ihr und dem Tod. Mit anderen Worten: Wenn das Reich Gottes vollends verwirklicht ist, wird auch der Mensch in die perfekte und vollkommene Einheit seiner selbst geführt. Der Mensch ist eben nicht nur Seele, er ist Leib und Seele; und in diesem Zustand wird er am Ende der Zeiten wieder sein – nur eben unendlich perfekter, ohne Sünde, ohne Tod.

Maria wurde ohne den Makel der Erbsünde empfangen und behielt diese Sündenfreiheit bis an ihr Lebensende bei, was sich unter anderem an ihrer immerwährenden Jungfräulichkeit zeigt. Das bedeutet, dass sie bereits in besonderer Weise teilhat am vollkommenen Sieg Christi: Die Sünde ist in ihr bereits besiegt. Insofern ist es schlüssig, dass sie am Ende ihres Lebens in jenen Zustand überführt wird, der allen Menschen, die gerettet werden, bevorsteht: die den ganzen Menschen betreffende Verherrlichung im Reich Gottes.

So lassen sich beide Fragen beantworten: Dass Maria in den Himmel aufgenommen wurde, war noch nicht offiziell Teil des unveräußerlichen Glaubensschatzes, obwohl er Konsens der Kirche war. Und: Man muss sich mit diesen Fragen beschäftigen, weil es tatsächlich überhaupt keine wichtigeren in der Theologie gibt. Die Hoffnung auf die Auferstehung, das Kommen des Reiches Gottes, ist der zentralste Punkt, das Herz und die Seele des Glaubens. So wichtig Fragen nach Umwelt, Gesellschaft und Zukunft sein mögen, sie müssen sich ableiten aus der wichtigsten Frage der Theologie: der nach Gott und seinem Reich.

Autor:

Matthias Wunder aus Niederösterreich | Kirche bunt

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