Mariä Namen
Gott im Krieg
- Der Entsatz von Wien am 12. September 1683. In der Schlacht auf dem Kahlenberg gelang die Befreiung Wiens von der Belagerung durch das türkische Heer.
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Das Fest Mariä Namen (12. September) erinnert an die siegreich abgewehrte Türkenbelagerung. Warum feiern wir heute noch ein Fest, das uns an einen vermeintlich durch göttliche Hilfe gewonnenen Krieg erinnert?
Am 31. März 1683 erreichte den Kaiser des Heiligen Römischen Reiches eine Kriegserklärung. Darin stand unter anderem: „Vor allem befehlen wir Dir, uns in Deiner Residenzstadt zu erwarten, damit wir Dich köpfen können“ und weiter: „Wir werden Groß und Klein zuerst den grausamsten Qualen aussetzen und dann dem schändlichsten Tod übergeben.“ Der Kaiser war besorgt. Und nicht nur er, auch der Bischof von Rom war angesichts der 186.000 muslimischen Soldaten, die sich in dem Moment von der Türkei auf den Weg nach Wien machten, alles andere als ruhig.
Noch am selben Tag bewog Papst Innozenz XI. den römischen Kaiser Leopold I. und den polnischen König Jan Sobieski zu einem Defensivbündnis, das im Fall der Belagerung einer der beiden Residenzstädte greifen sollte, unterstützte das Bündnis mit 1,5 Millionen Gulden und hoffte das Beste.
Der sich an die Kriegserklärung anschließende Eroberungszug des Oberbefehlshabers Großwesir Kara Mustafa Pascha fegte über Ungarn, das Burgenland und Niederösterreich hinweg und hinterließ eine Schneise der Vernichtung. Die Bevölkerung von Hainburg, Baden, Schwechat, Inzersdorf und Favorita (damalige Bezeichnung für den Sommersitz des Hofs im Augarten) wurden fast vollständig ermordet oder verschleppt.
In Wien bereitete man sich derweil auf die unausweichliche Belagerung vor. Der Kaiser verließ mit 80.000 Bewohnern die Stadt, der Graf von Starhemberg übernahm den Oberbefehl, sammelte die Truppen und ließ die Befestigung in Stand setzen. Die Vorstädte, die heutigen Bezirke 3 bis 19 wurden niedergebrannt, um dem Feind keine Möglichkeit zur Deckung zu geben.
Am 14. Juli standen die Osmanen vor Wien, eine ungefähr siebenfache Übermacht, die bis jetzt nahezu ungehindert auf Wien zumarschiert war. Der Rest ist Geschichte: Die Wiener hielten stand, wehrten die Minenkämpfe und Beschüsse der Angreifer ab, lange genug, dass das Entsatzheer der Heiligen Liga unter Sobieski am Morgen des 12. September die Belagerung durchbrechen und Wien befreien konnte.
Hilft Gott, wenn sich einUnterlegener gegen einenAggressor verteidigt?
Es war nicht nur ein Wunder, es waren mehrere: Dass die Wiener so lange standhalten konnten, dass das Entsatzheer rechtzeitig eintraf, dass Innozenz XI. geistesgegenwärtig genug war, das Bündnis zu schmieden, dass die Heilige Liga trotz zahlenmäßiger Unterlegenheit siegen konnte – es kam vieles zusammen, was aus heutiger Sicht unwahrscheinlich, unglaublich wirkt. Das trug sicher dazu bei, dass Innozenz XI. an diesem Tag das Fest „Mariä Namen“ in den Generalkalender der römischen Kirche einfügte. Das Heer der Heiligen Liga trug ein Banner der Heiligsten Gottesmutter vor sich – ihrer Fürsprache schrieben die Feldherren und der Papst ihren unwahrscheinlichen Sieg zu.
Es mag aus heutiger Sicht vielleicht befremdlich wirken, warum die Kirche einen Festtag zu Ehren eines militärischen Sieges einführte. Es erklärt sich aber womöglich im Hinblick auf das, was auf dem Spiel stand. Die zu Beginn zitierte Kriegserklärung macht deutlich, was die Osmanen wollten: Unterwerfung und Vernichtung. Der Sieg 1683 war ein Sieg von sich gegen eine zerstörerische Übermacht Verteidigenden.
Hat Gott also die Heilige Liga im Krieg gegen die Osmanen unterstützt? Hat er Kugeln und Geschosse so gelenkt, dass mehr Osmanen als Polen, Österreicher, Bayern und Venezianer getötet wurden?
Das Fest Mariä Namen wird seit dem Zweiten Vaticanum nur noch im deutschen Sprachraum gefeiert. Nicht, weil das Konzil den Anlass des Festes verurteilt hätte, sondern weil es zu nahe am sehr ähnlichen Fest Geburt Mariens ist und man diese Doppelung vermeiden wollte. Der Ursprungsgedanke dieses Festes besteht auch heute noch. Ihrer in Zusammenhang mit einem militärischen Sieg zu gedenken, stellt die Frage, wie wörtlich die Rede von göttlicher Solidarität mit den Schwächeren zu nehmen ist, wie Gottes Handeln im menschlichen Leben aussehen kann und wie in moralischen Ernstfällen über Gottes Willen gedacht werden kann.
Die besonders dramatischen Außergewöhnlichkeiten menschlichen Lebens, wie die Grausamkeit des Krieges, die Überwindung drohenden Unheils, die Abwendung von Zerstörung und Vernichtung, gehören zum menschlichen Leben wie unsere alltäglichen Sorgen und Nöte. Von der Solidarität Gottes zu sprechen, verlangt keine ethischen Überlegungen, wenn es um Trauernde und Kranke geht. Aber wie steht es mit der Solidarität Gottes in einem ungleichen Kampf? Hilft Gott, wenn sich ein Unterlegener gegen einen Aggressor verteidigt?
„Maria“ kann u. a. als „Von Gott Geliebte“ übersetzt werden. Wenn wir am Fest Mariä Namen an die von Gott Geliebten denken, denken wir an die Schwachen, die ihre Schwachheit in einen Sieg verwandelt haben. Maria war nur eine junge Frau aus einfachen Verhältnissen, die zur Mutter Gottes wurde. Die Herausforderung dieses Festes ist es, dass Siege im konkreten menschlichen Zusammenleben auch einen Preis haben und wir uns fragen, wie wir mit unserem Glauben zu diesem Preis stehen.
Autor:Matthias Wunder aus Niederösterreich | Kirche bunt |
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