Homilie P. Matthäus Kern, 5.9.2026
Versöhnung ist nicht immer einfach – aber himmlisch
- Christus – König und Weltenrichter; Bild der Künstlerin Lydia Roppolt in der Heimatkirche des Autors P. Matthäus Kern in Linz-St. Michael; es ist auch sein Primizbild.
- Foto: zVg
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Es ist der letzte Feriensonntag in Niederösterreich. Noch einmal Ferien genießen, bevor am 7. September die Schule wieder beginnt. Mit dem Schulbeginn kehrt für viele auch ein Alltag zurück, in dem man sich nicht immer aussuchen kann, mit wem man seine Zeit verbringt. Wo Menschen miteinander leben und arbeiten, entstehen Konflikte. Manchmal geht es um Kleinigkeiten, manchmal um Verletzungen, die tiefer gehen. Streit, Schuld, Vergebung und Versöhnung gehören zu unserem Leben.
Auch die Bibel verschweigt diese Wirklichkeit nicht. Die junge christliche Gemeinde, an die das Matthäusevangelium gerichtet ist, kennt Auseinandersetzungen und Spaltungen. Jesus gibt deshalb seinen Jüngern eine konkrete Anleitung für den Umgang mit einem Mitmenschen, der sich schuldig gemacht hat.
Miteinander sprechen
Bemerkenswert ist zunächst die Diskretion dieses Weges. Jesus sagt nicht: Erzählt es weiter, macht den Konflikt öffentlich oder sucht möglichst viele Verbündete. Der erste Schritt ist vielmehr das persönliche Gespräch: „Geh und weise ihn unter vier Augen zurecht.“ Zuerst soll miteinander gesprochen werden, nicht übereinander.
Das klingt selbstverständlich, ist es aber keineswegs. Wie schnell erzählen wir anderen von dem, was uns an einem Menschen ärgert. Wie leicht suchen wir Bestätigung für unsere eigene Sichtweise. Jesus schlägt einen anderen Weg vor: den Mut zur direkten Begegnung. Und das ist nicht immer einfach. Dazu gehört auch die Bereitschaft zuzuhören und die eigene Sichtweise zu überprüfen. Vielleicht bin ich selbst Teil des Problems, vielleicht habe ich etwas missverstanden? Konfliktlösung beginnt deshalb nicht selten mit einem ehrlichen Blick auf sich selbst.
Konfliktlösung: Jesus gibt Reihenfolge vor
Wenn das Gespräch unter vier Augen nicht weiterführt, sollen weitere Menschen hinzukommen. Und wenn auch das nicht hilft, wird die Gemeinschaft einbezogen. Jesus kennt also keinen einfachen Weg, der alle Konflikte sofort löst. Aber er gibt eine Reihenfolge vor: persönlich sprechen, gemeinsam nach einer Lösung suchen und erst dann die größere Gemeinschaft einbeziehen. Das schützt vor vorschnellen Urteilen, Tratsch und öffentlicher Bloßstellung. Diskretion bedeutet dabei nicht Vertuschung. Wo Unrecht geschieht oder Gesetze verletzt werden, braucht es selbstverständlich andere Schritte.
„Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“
Die erste Lesung bezeichnet den Propheten Ezechiel als Wächter. Ein Wächter schaut nicht weg. Er nimmt wahr, was geschieht, und hat den Mut, auf Gefahren hinzuweisen. Auch darin liegt eine Aufgabe christlicher Gemeinschaft: Wir sollen einander nicht gleichgültig sein. Liebe bedeutet nicht, zu allem zu schweigen. Sie kann auch bedeuten, einem Menschen ehrlich und respektvoll zu sagen, was falsch läuft.
Den Kompass für den ganzen Prozess nennt Paulus in der zweiten Lesung: „Niemandem bleibt etwas schuldig, außer der gegenseitigen Liebe.“ Diese Liebe ist der Maßstab für unseren Umgang miteinander. Sie bedeutet nicht, jede Verletzung einfach hinzunehmen. Sie bedeutet, den anderen trotz seines Fehlers nicht auf seinen Fehler zu reduzieren.
Und dann sagt Jesus: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“ Gerade dort, wo eine Versöhnung schwierig wird, sind wir nicht allein. Wir dürfen unsere Konflikte vor Gott bringen, um Geduld, Klarheit und den Mut zum ersten Schritt bitten.
Der Weg zur Versöhnung ist manchmal mühsam. Er braucht Ehrlichkeit, Geduld und die Bereitschaft, eigene Fehler einzugestehen. Aber vielleicht ist genau darin eine der großen Aufgaben christlicher Gemeinschaft zu finden: nicht übereinander zu reden, sondern miteinander; nicht vorschnell zu verurteilen, sondern nach einem gemeinsamen Weg zur Versöhnung zu suchen. Wo uns das gelingt, wird etwas von der Gegenwart Christi unter uns sichtbar.
Autor Pater Matthäus Kern
MMag. Pater Matthäus Kern kam 1986 in Linz zur Welt, seine Heimatpfarre ist Linz-St. Michael. 2007 trat Pater Matthäus ins Benediktinerstift Seitenstetten ein, 2011 legte er die Ewige Profess ab. Er studierte Philosophie, Fachtheologie und Religionspädagogik in Salzburg. 2016 empfing er die Priesterweihe und begann als Lehrer am Stiftsgymnasium. Weiters absolvierte er den Hochschullehrgang „Inklusive Pädagogik mit Fokus Autismus“ an der PHDL (Diözese Linz). Er wirkt als pastoraler Mitarbeiter im neuen Pfarrverband Aschbach-Öhling-Krenstetten.
Autor:Wolfgang Zarl aus Niederösterreich | Kirche bunt |
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