Engel
An Engel glauben
- Orthodoxe Ikone der himmlischen Liturgie.
- Foto: Rigorius / Wikimedia Commons
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Um den Monatswechsel zum Oktober feiert die Kirche sowohl die Erzengel Michael, Gabriel und Raffael, als auch die Schutzengel. Wie aber lassen sich Engel eigentlich verstehen?
Pausbackige Knaben mit Flügelchen, androgyne Wesen in wallenden Gewändern und weißen Schwingen, von Locken umrahmte Gesichtchen an Halsketten, Armbändern, Votivbildchen, aus Gold, Silber, Gips und Holz: Engel sieht man häufig und das nicht nur in katholischen oder überhaupt religiösen Kontexten. Laut einer Studie der Universität Wien aus dem Jahr 2025 glauben 30 Prozent der Gesamtbevölkerung Österreichs an Engel. Zum Vergleich: Nur 22 Prozent glauben an einen personalen Gott, wie es das Christentum, das Judentum oder der Islam tun. Dieselbe Studie verortet den Glauben an Engel besonders stark in jenen Gruppen, die sich als esoterisch verstehen. Dort ist er sogar stärker verbreitet als unter Menschen, die sich selbst als klassisch-religiös beschreiben und ist freilich deutlich diffuser als der kirchliche Engelglaube.
Dass der Glaube an Engel losgelöst vom Glauben an den christlichen Gott existieren kann, ist kein Phänomen des 21. Jahrhunderts, im Gegenteil: Das gibt es schon, solange Menschen überhaupt glauben. In vorchristlicher Zeit treten sie als Beschützer von Städten oder Individuen, Mitglieder des Hofstaats eines Gottes oder göttliche Boten auf. Diese Funktionen nehmen sie dann auch im Alten Testament ein, wo sie Fürbitter, Schutzgeister, Künder, Wächter und so weiter sind. Im Neuen Testament begegnen sie uns vor allem als Boten: Ein Engel verkündet Maria den Plan Gottes und Maria von Magdala die Auferstehung des Herrn. Später treten sie in der Johannesoffenbarung auf, jenem Buch der Bibel, das das Endgericht schildert.
Obgleich man im aufgeklärten Christentum unserer Tage vielleicht versucht ist, die biblischen Berichte über Engel als phantasievollen Ausdruck des Eingreifens Gottes abzutun, hält die Kirche seit jeher am Engelglauben fest. Sie widmet den Engeln sogar zwei Gedenktage im Kirchenjahr: das der Erzengel Gabriel, Michael und Raffael sowie der Schutzengel.
Gottesdienst ist Abglanz von und Vereinigung mit jenem Gotteslob, das die Engel im Himmel vollziehen.
Gerade die Liturgie ist der Brennpunkt, in dem der Engelsglaube heute auch noch verständlich gemacht werden kann. In ihr, also im gottesdienstlichen Feiern, treffen drei Aspekte zusammen, die mit und durch den Glauben an Engel eine besondere Tiefe erhalten. Da ist zum einen die relativ offensichtliche Funktion der Liturgie, Gott zu loben. In Gebeten und Liedern bringen die Gläubigen Gott ihr Lob und ihren Dank dar. In der Offenbarung des Johannes und beim Propheten Jesaja ist zu lesen, dass die Engel selbst vor Gottes Thron Lob- und Dankgesänge darbringen. Indem die Menschen auf Erden Liturgie feiern, vereinen sie sich mit der himmlischen Liturgie. Das ist also der erste Aspekt: Indem wir annehmen, dass es eine Liturgie der Engel gibt, erhält unser Beten auf Erden eine tiefere Dimension. Gottesdienst ist dann nicht mehr nur „gebetsmühlenartiges“ Bitten um Gesundheit und gutes Wetter; Gottesdienst ist Abglanz von und Vereinigung mit jenem Gotteslob, das die Engel im Himmel vollziehen und in das wir nach unserem Tod miteinzustimmen hoffen dürfen.
Und hier schließt sich der zweite Aspekt an. Der Glaube an Engel hält den Glauben an eine übersinnliche Wirklichkeit offen, die sich unseren Gesetzmäßigkeiten und unserem irdischen Verständnis entzieht. Damit wird das radikal Andere, die wundervolle Präsenz Gottes nicht zweitausend Jahre zurück in die Vergangenheit geschoben: Jesus und seine Wunder, seine Engelsboten und Gottes Eingreifen in der Welt ist keine Sache von vor Jahrtausenden, all das existiert jetzt, wenn auch in einer anderen, uns entzogenen Wirklichkeit.
Der dritte Aspekt überwindet den Graben zwischen unserer und dieser anderen Wirklichkeit. Indem die Kirche glaubt, dass Engel mit den Menschen in Kontakt treten und ihnen als Schutzengel zur Seite stehen, bekennt sie die Möglichkeit zur Gemeinschaft mit dieser übersinnlichen Wirklichkeit. Es gibt die Kirche auf Erden, der Menschen angehören und die deshalb oft von menschlichen Fehlern und Schuld geprägt ist. Es gibt aber auch die triumphierende Kirche des Himmels, in der Engel und Heilige bereits in vollkommener Gemeinschaft mit Gott leben. Diese beide Kirchen sind nicht getrennt, sie gehören zusammen.
Die Engel halten also gleichsam den Horizont offen, auf den die irdische Kirche zugeht: Vereinigung mit Gott in einer anderen, übersinnlichen Weise, die das Begreifen übersteigt.
Autor:Matthias Wunder aus Niederösterreich | Kirche bunt |
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