Gebärdensprache
Wie spricht man im Schweigekloster?

Carl Spitzweg (1808-1885): „Disputierende Mönche“. Einer der Mönche macht eine sehr eindeutige Geste.  | Foto: Wikimedia Commons / Museum Georg Schäfer
  • Carl Spitzweg (1808-1885): „Disputierende Mönche“. Einer der Mönche macht eine sehr eindeutige Geste.
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Gebärdensprache, mit der gehörlose oder hörbehinderte Menschen sprechen, hat eine lange Geschichte. Diese reicht sogar bis in die frühe Geschichte katholischer Klöster und Stifte zurück.

Dass viel Gerede oft schädlicher ist, als sich einfach mal zurückzunehmen, still zu sein, zuzuhören, das scheint hin und wieder in Vergessenheit zu geraten. Selbstkritisch könnte man sagen, dass gerade in der Kirche mit ihren unendlich vielen Beratungsgremien, Ausschüssen und Räten es vielleicht manchmal so scheint, als müsste möglichst immer alles ausgesprochen werden – und am besten von jedem. Einfach mal still sein und nur noch zuhören! So könnte ein Neujahrsvorsatz lauten – oder vielleicht sogar ein Vorsatz fürs ganze Leben?

Ein ganzes Leben freiwillig in Schweigen zu verbringen, das erscheint für die meisten Menschen wohl unmöglich. Immerhin spricht man ja auch manchmal, weil Schweigen auch unangenehm sein kann, weil es uns peinlich ist, Dinge nicht zu kommentieren, weil man es von uns erwartet, dass wir sprechen, und weil es ganz einfach notwendig ist. Und doch gab und gibt es Menschen, die es vorziehen, den überwiegenden Großteil ihres Lebens einfach nichts mehr zu sagen. Es waren die Nonnen und Mönche der großen christlichen Orden, die vor allem in vergangenen Zeiten großen Wert darauf gelegt haben, jedes überflüssige Wort zu vermeiden, nur dann zu sprechen, wenn es unbedingt notwendig ist und ansonsten in der Stille und Ruhe auf oder die leise Stimme Gottes zu horchen. Schon Pachomius der Ältere (287-347), Basilius von Caesarea (330-397) und auch Benedikt von Nursia (480-547), Väter des christlichen Mönchtums, war klar: Schweigen ist Gold und Schwätzen nicht mal Silber. Wer zu viel redet, hört sich selbst, seinen Mitbruder, seine Mitschwester und vor allem Gott nicht, weswegen bis ins 20. Jahrhundert besonders in Klöstern der Zisterzienser und Trappisten strenge Schweigegebote galten.

Spätestens ab 530 griffen die Mönche auf die Kulturtechnik der Gebärden zurück.

Das mag zwar sehr schön sein, aber oft auch unpraktisch. Alltäglichste Situationen scheinen unbewältigbar, wenn auf einmal die Hauptform der Kommunikation der meisten Menschen wegbricht. Deshalb haben die Mönche schon 530 auf eine Form jener Kulturtechnik zurückgegriffen, die Gehörlose, also Menschen, die unfreiwillig auf Lautsprache verzichten müssen, seit Jahrtausenden entwickelten: Um zu kommunizieren und den Klosteralltag zu gestalten, gebärdeten sie. In sogenannten „Signa-Listen“ haben die verschiedenen Ordensgemeinschaften „Vokabellisten“ angefertigt, in denen für die wichtigsten und am häufigsten zu gebrauchenden Begriffe Zeichen gelistet sind. Das bedeutende Reformkloster Cluny hatte beispielsweise eine Liste von 118 Begriffen, die Zisterzienser 544, die strengeren Trappisten über 800. Das waren nur die offiziellen Listen: Es gab von Haus zu Haus ganz eigene Gebräuche, Vokabeln und Begriffe. Es etablierten sich also über die Jahrhunderte eigene Dialekte, die die Besonderheiten des jeweiligen Klosters widerspiegelten.

Dabei war die Zeichensprache sehr komplex: Pantomimische und nicht-assoziative Gesten, Fingeralphabete und Mimik verbanden sich zu einer komplizierten Sprache, die mit den Jahren im Kloster erlernt wurde. Ein Symbol, das sicher oft verwendet wurde, ist dieses: mit den Spitzen von rechtem Zeige- und Mittelfinger wird die Stirn berührt. So gebärdet man „Abt“.

Eine frühe Gebärdensprache?

Gibt es nun einen Zusammenhang zu den vielen verschiedenen Gebärdensprachen und -dialekten, mit der sich gehörlose oder hörbehinderte Menschen verständigen? Ja und nein. Dass monastische Zeichensprachen die heute bestehenden Gebärdensprachen direkt beeinflusst haben, wird von einigen Sprachforschern zwar angenommen, restlos beweisen lässt sich das aber nicht. Das zugrundeliegende Sentiment aber ist das gleiche: Sowohl Klosterschwestern und -brüder als auch Gehörlose befinden sich in einer Lage, in der ihnen Lautsprache versagt ist, die einen freilich freiwillig, die anderen nicht.

Dass Nonnen und Mönche den gleichen Weg wie Gehörlose gewählt haben – den der Gebärden – um trotz Stille kommunizieren zu können, macht es nachvollziehbar, dass gerade in Klöstern meist eine große Offenheit gegenüber Gehörlosen bestanden hat. So unterrichtete beispielsweise der Benediktiner Pedro Ponce de Léon (1516-1584) Gehörlose, trotz der in der europäischen Bevölkerung herrschenden Meinung, Gehörlose seien nicht bildungsfähig. Mithilfe von Gebärdensprache konnte der Benediktiner vielen Betroffenen nicht nur den Glauben und Bildung vermitteln, sondern konnte sogar Menschen, die bisher nicht lautsprachlich kommunizieren konnten, eben das beibringen.

Die Gebärdensprache in den Stiften und Klöstern ist über die Zeit verloren gegangen: Weil nicht mehr so viel geschwiegen wird, wird auch nicht mehr gebärdet. Obwohl – könnte man vielleicht sagen – es uns allen nicht schaden würde, wenn manchmal weniger gesprochen und mehr auf Gott gelauscht werden würde. M. Wunder

Autor:

Matthias Wunder aus Niederösterreich | Kirche bunt

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