Ende des Zweiten Weltkriegs
Der allerletzte Kriegstag
- Msgr. Josef Zimmerl, Krankenhausseelsorger und Kriegsgefangener.
- Foto: Friedrich Polleroß
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Obwohl das Deutsche Reich bereits am 8. Mai bedingungslos kapitulierte, endete der Zweite Weltkrieg in seiner Gesamtheit erst am 2. September mit der Kapitulation Japans. Österreich war zu dieser Zeit bereits besetzt, wurde in der Folge wieder aufgebaut – und die Kirche erlebte einen Boom.
Als in Österreich bereits die erste provisorische Staatsregierung unter Karl Renner regierte, tobte in Asien noch der Krieg. Nachdem die US-amerikanischen Truppen durch das sogenannte „Inselspringen“ Stück für Stück japanisches Gebiet einnahmen und in der Schlacht von Leyte im November 1944 fast die gesamte Flotte des Kaiserreichs Japan zerstörten, war eine Niederlage der letzten Achsenmacht unausweichlich. Doch es dauerte noch fast ein weiteres Jahr blutiger Kämpfe, bis Japan kapitulierte. Das geschah allerdings auch erst, nachdem der US-amerikanische Präsident Harry S. Truman den Abwurf der Atombomben über Nagasaki und Hiroshima befahl und mit zwei gezielten Schlägen 100.000 Zivilisten tötete. Am 15. August 1945 verkündete Tenno Hirohito, der japanische Kaiser, dass Japan kapitulieren würde; am 2. September machte „das Land der aufgehenden Sonne“ das mit der Unterzeichnung der Kapitulationserklärung offiziell – damit endete der Zweite Weltkrieg für die ganze Welt.
Eines der dunkelsten Kapitel der Menschheitsgeschichte fand ihr Ende: 100 Milliarden Schuss Munition, Millionen Tonnen Bomben und Artilleriegeschosse, mehrere hunderte zerstörte Städte, 80 Millionen Tote – sechs Jahre Horror hatten ein Ende.
Teuer erkaufter Friede
Heute ist der 2. September als Ende des Weltkrieges kein großer Gedenktag mehr, in den USA ist er als „Victory over Japan-Day“ noch am ehesten im Bewusstsein der Menschen, in Japan selbst wird die Ansprache des Tenno am 15. August als Ende des Krieges begangen und in Europa gibt die Kapitulation des Deutschen Reiches am
8. Mai Anlass zum Gedenken an das Kriegsende. Doch gerade der 2. September, der den letztendlichen Schlusspunkt des Zweiten Weltkriegs bezeichnet, gibt Anlass zu einer reflektierten Betrachtung über den teuer erkauften Frieden. Teuer erkauft war er nicht zuletzt wegen der unglaublichen, schlagartigen Vernichtung von abertausenden Zivilisten durch den Abwurf der zwei Atombomben und des mühsamen und aufreibenden Vormarsches der amerikanischen Truppen gegen das Inselreich Japan.
Teuer erkauft war er aber auch deshalb, weil die Wunden, die der Krieg in Völkern, Städten und Menschen gerissen hatte, so tief waren, dass sie auch Jahrzehnte nach Kriegsende noch nicht verheilt waren. Gerade in Österreich konnte man das spüren.
„Wenn die Menschheit fähig ist, aus einem Unglück solch Riesenausmaßes zu lernen, dann muß sie sich zusammenfinden in dem einzigen Willen: Nie, nie, nie wieder Krieg!“
Die Zeitung „Neues Österreich“ schrieb am 2. September 1945: „Sechs Jahre und ein Tag! Sie umfassen ein so grauenhaftes Geschehen, daß die natürliche Reaktion auf die Beendigung des Mordens und Zerstörens, das Gefühl der Freude, sich nur schwer durchringen kann. Wenn die Menschheit fähig ist, aus einem Unglück solch Riesenausmaßes zu lernen, dann muß sie sich zusammenfinden in dem einzigen Willen: Nie, nie, nie wieder Krieg!“ Und die Kärntner Nachrichten, Zeitung der britischen Besatzungstruppen in Österreich zitierten einen US-Admiral: „Ein anderer Weltkrieg wäre unvermeidlich, würden die Alliierten die Kapitulationsbestimmungen nicht entschlossen festlegen.“ Im „Grenzbote“ des Bezirks Bruck an der Leitha wurde nur eine zehnzeilige Meldung über das offizielle Kriegsende gebracht, dafür ein dreispaltiger Beitrag der Reihe „KZ Buchenwald“, in der Überlebende ihre Erlebnisse im Lager schilderten. Ein Bericht erzählte, wie die SS an einem Tag 12.000 neue Insassen nach Buchenwald brachte und unter schweren Misshandlungen in eine Handvoll Baracken pferchte. Aus dem dadurch zwangsläufig entstandenen Chaos wurde von den Wärtern eine Meuterei unter den Häftlingen konstruiert, die sie zum Anlass nahmen, zufällig herausgepickte „Rädelsführer“ an den Händen im Kreis zusammenzubinden und unter Schüssen um Bäume tanzen zu lassen. Nachdem man Hunde auf sie gehetzt hatte, band man diejenigen, die nicht gestorben waren, los und steckte sie in eine Baracke. Dort erschlug der SS-Oberscharführer Sommer einen nach dem anderen.
„Glaubt an dieses Österreich“
Der Krieg war vorbei, doch das Leid verschwand nicht, weder aus dem Gedächtnis noch aus den Befürchtungen, noch aus der Lebensrealität der Menschen. „Warum“, fragt der „Grenzbote“ an anderer Stelle, „werden wir nach viermonatlichem Frieden noch immer durch die unveränderlichen Splittergräben und Panzersperren an den Krieg erinnert?“ Besonders in den österreichischen Städten herrschte Hunger und Krankheit, die Säuglingssterblichkeit lag bei 15 Prozent, vor allem die sowjetischen Truppen vergewaltigten und verschleppten Zivilisten. Leopold Figl sagte in seiner Weihnachtsansprache 1945: „Ich kann Euch zu Weihnachten nichts geben. Ich kann Euch für den Christbaum, wenn Ihr überhaupt einen habt, keine Kerzen geben. Kein Stück Brot, keine Kohle zum Heizen, kein Glas zum Einschneiden. Wir haben nichts. Ich kann Euch nur bitten: Glaubt an dieses Österreich!“
„Österreich ist frei!“
Noch lange sollte es dauern, bis dieses Österreich sich aus den Ruinen des Weltkrieges erhob, zehn weitere Jahre waren es, bis die längst nicht mehr als „Befreier“, sondern als „Besatzer“ bezeichneten Alliierten Österreich verließen und der selbe Figl, der sein Volk um den Glauben an Österreich gebeten hatte, im Belvedere verkündete: „Österreich ist frei!“
Dem Alltag der Nachkriegszeit in Niederösterreich und Einzelschicksalen von niederösterreichischen Wehrmachtssoldaten nach dem Krieg widmete sich die Ausstellung „Wehrmachtssoldaten und Rotarmisten – 80 Jahre Kriegsende“ im „Ersten österreichischen Museum für Alltagsgeschichte“ in Neupölla. Der renommierte Kunsthistoriker Friedrich Polleroß arbeitete in dieser Ausstellung den alltagsgeschichtlichen Aspekt des Nachkriegsösterreich auf. Im Imhof-Verlag ist der Katalog zur Ausstellung erhältlich, in dem sich unter anderem die Geschichte vom St. Pöltner Krankenhausseelsorger Msgr. Josef Zimmerl findet. Der 1916 in Neupölla geborene Priester und Schriftsteller war ab 1941 als Sanitäter der Wehrmacht im Einsatz und geriet in der Sowjetunion in Kriegsgefangenschaft, aus der er wie 162.000 andere Österreicher erst 1947 heimkehrte. Die letzten Heimkehrer erreichten ihre Heimat 1955. In seinen Memoiren schildert Zimmerl seine Lebensgeschichte, die – wie die vielen Berichte von Zeugen dieser Zeit – unglaublich wirkt. Viel zu fern ist das Leid, die Entbehrung, aber auch die Erfahrung von Schuld, die Menschen in den Jahren nach dem Krieg erlebten.
Die Nachkriegszeit war eine „Hochblüte der Kirchlichkeit“.
So schmerzhaft die Geburtswehen des neuen Österreichs waren, so erstaunlich ist ihr Ergebnis: „Dass aus dem Kollaborateur Nazi-Deutschlands eine neutrale Republik wurde, ist keine Selbstverständlichkeit“ und – wie es die Zeitung „Neues Österreich“ geschrieben hatte, „sicherlich auch der Leiderfahrung der Kriegsgeneration zu verdanken, deren gemeinsamer Ruf ,Nie wieder Krieg‘ zu einem Bekenntnis für ein freies, neutrales Österreich wurde, zu einer Absichtserklärung und einem Credo, das auch in heutiger Zeit lautstarke Zeugen braucht.“
Das kirchliche und religiöse Leben in Österreich erlebte nach Kriegsende einen wahrhaften Boom. Der Kirchenhistoriker Rupert Klieber bezeichnet diese Ära als „Hochblüte der Kirchlichkeit“. Die Kirchen platzten aus allen Nähten; allein in der Diözese St. Pölten wurden zwischen den Jahren 1945 und 1965 17 Kirchen erweitert oder völlig neu errichtet, um dem wachsenden gläubigen Volk Raum für das Gebet zu bieten. In Wien boten „Notkirchen“ wie sogenannte „LKW-Kapellen“, Ersatz für zerstörte Gotteshäuser.
Sehnsucht und Zuflucht
Doch was zog die Menschen in so großen Scharen in die Kirche? Bestimmt war es eine Sehnsucht, den Glauben wieder offen und ohne Angst leben zu können. Für manche mag es eine Flucht vor den Nachbeben des Krieges gewesen sein, vor Haltlosigkeit, Konfrontation mit der Erkenntnis der eigenen Verblendung während des Dritten Reichs und der eigenen Schuld. Es war aber bestimmt eine Zuflucht zu dem, von dem die Kirche lehrt, dass er den letzten, einzigen Frieden bringen kann, zum Vater und Freund, dessen Friede den allerletzten Kriegstag überdauern wird. Von Matthias Wunder
Autor:Kirche bunt Redaktion aus Niederösterreich | Kirche bunt |
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