Rechter Umgang mit Geld
„Wer Geld vor Gott stellt, riskiert sein Seelenheil“

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Müssen Christen, die ein moralisches Leben führen wollen, einen Bogen um die Welt der Geldwirtschaft machen? Der katholische Moralphilosoph und Ökonom Samuel Gregg ist davon überzeugt, dass die katholische Soziallehre und das Streben nach Geld gar nicht so unversöhnlich nebeneinander stehen.

Viele Menschen kennen ihn aus der Kindheit: den Welt­spartag am Ende des Monats Oktober. Was früher eine lebendige Tradition war, den Wert des Sparens bewusst zu machen, wird heute nur noch von einigen Sparkassen und Banken hochgehalten. Nur mehr knapp über sechs Prozent ihres verfügbaren Einkommens legen die Österreicher Monat für Monat auf die hohe Kante. Der Trend zum Sparen ist rückläufig, ein Grund dafür sind die Niedrigzinsen seit der Finanzkrise 2008/2009. Andere risikoreichere Anlageformen wie Anleihen und Aktien nehmen hingegen zu. Wir nehmen den Weltspartag zum Anlass, um uns näher mit der Ethik des Geldes zu beschäftigen.

Samuel Gregg © Markus Albert Langer
Samuel Gregg, Forschungsdirektor am Acton Institute:
„Das heutige Banken- und Finanzwesen ist eine Erfindung der katholischen Welt.“

Das Verhältnis zwischen Christentum und Geld war Jahrhunderte hindurch ziemlich verkrampft. Was ist unsere christliche Sicht heute? Ist es gerechtfertigt, wenn wir Geld verleihen oder investieren, dass wir einen Gewinn dafür bekommen? Wir geben diese Frage an Samuel Gregg, Forschungsdirektor am Acton Institute, einer Denkfabrik in den USA, bei seinem Besuch in Wien weiter. Als anerkannter Experte in moralischen Fragen der Wirtschafts- und Finanzwelt antwortet er: „Ja, selbstverständlich. Wenn ich der Bank leihe, dann setzt diese das Geld durch die Vergabe von Krediten produktiv im Wirtschaftskreislauf ein. Für die Zeit, in der ich auf den Gebrauch des Geldes verzichte und selbst nicht produktiv damit umgehen kann, erhalte ich als Ausgleich einen Preis in Form eines Zinses.“

Es wird viel über die Rolle und Wichtigkeit des Geldes diskutiert. Kann Geld ein Gut sein?
Das Geld an sich kann niemals gut sein, aber es ist ein gutes Instrument, das das Leben für jeden von uns besser macht. Ohne Geld würden wir noch immer vom Tauschhandel leben: Tausche Kuh gegen Schwein! Und das wäre ein miserables Leben. Geld macht das wirtschaftliche Leben einfacher und gibt uns Möglichkeiten, unser Kapital gezielt in den unterschiedlichen Phasen unseres Lebens einzusetzen. Viele zitieren die Bibel falsch, wenn sie sagen: „Geld ist die Wurzel allen Bösen.“ Nein, die Liebe zum Geld ist das Problem, weil diese Liebe eine Art von Materialismus ist, der den Menschen, der Moral und der Spiritualität schadet.

Was sind die biblischen Wurzeln von Privateigentum?
Schon in den Zehn Geboten im Alten Testament der Bibel wird Respekt vor Privateigentum gefordert: „Du sollst nicht stehlen!“ In der Apostelgeschichte des Neuen Testaments wird von der Jerusalemer Urgemeinde berichtet, deren Mitglieder alles miteinander gemeinschaftlich teilen. Da könnte man denken, die Christen sollten alle Kommunisten sein und Privateigentum ist verwerflich. Wenn wir aber weiterlesen, sehen wir, dass der Apostel Paulus von den vom ihm gegründeten Gemeinden nicht verlangt, so zu leben wie die Gemeinschaft von Jerusalem. Nein, er sammelt wie ein moderner Fundraiser bei ihnen Geld ein, damit die Menschen in Jerusalem davon leben können.

Bis heute ist Privateigentum nichts Absolutes, einzig das menschliche Leben ist absolut. Privateigentum ist der Weg, wie materielle Dinge dem Menschen dienen können. Der große Theologe des Mittelalters, Thomas von Aquin, findet deutliche Worte: Privateigentum gibt Anreize, dass Menschen überhaupt arbeiten. Wenn alle Dinge gemeinschaftlich besessen werden, dann fühlt sich niemand dafür verantwortlich.

Sollen wir Katholiken speziell über ethisches Investment nachdenken?

Jede unserer Investitionen hat eine ethische Dimension. Vom Standpunkt eines katholischen Christen bedeutet ethisches Investieren, nichts Böses zu tun. Die Zehn Gebote geben eine klare Richtlinie vor und helfen uns zu entscheiden, welche Investitionen gut sind. Wenn wir danach vorgehen, können wir nicht viele moralische Fehler machen. Viele Produkte auf dem Weltfinanzmarkt mit dem Stempel „Ethisches Investment“ haben nicht wirklich viel mit dem christlichen Verständnis von einem moralischen Leben zu tun, sondern Investmentstrategien werden oft mit politischem Aktivismus vermischt, ein Beispiel dafür ist etwa die Unterstützung einer umweltverträglichen Produktion.

In Ihrem Buch „Für Gott und den Profit“ zeigen Sie auf, dass das Christentum ein entscheidende Rolle im Aufstieg von modernen Wirtschaften spielte. Welches konkrete Beispiel kommt Ihnen spontan in den Sinn?
Christen haben sehr viel für die Entwicklung des Banken- und Finanzwesens beigetragen. Es ist keine Erfindung der Aufklärung oder der Moderne. Nein, es stammt aus der katholischen Welt. Theologen des Mittelalters und der frühen Neuzeit haben viele zentrale Finanzeinrichtungen und -instrumente, die wir heute als selbstverständlich hinnehmen, entwickelt. Sie waren keine Ökonomen, wie wir sie heutzutage kennen, aber sie hatten einen sehr tiefen Einblick in das Wesen des wirtschaftlichen Lebens. Ironischerweise haben sie in ihrer Beschäftigung mit Fragen der Moraltheologie Basisfunktionen eines Wirtschaftssystems herausgefunden, wenn wir an heutige gängige Begriffe wie Opportunitätskosten und komparative Vorteile denken oder wie Zinsraten Auskunft über den Risikograd verschiedener Unternehmungen geben. Neben den theoretischen Überlegungen gab es viele praktische Umsetzungen: Ordensgemeinschaften wie die Franziskaner, die sich eigentlich ganz der Armut verschrieben und sich von weltlichen Dingen gelöst haben, gründeten eine Reihe von Finanzinstituten. Im Zentrum stand besonders der Geldverleih an arme Menschen, die sonst keinen Kredit bekommen hätten. Einige dieser Institute bestehen heute noch als größere Banken.

Nach Ihrer Auffassung kann ein Leben im Finanzwesen durchaus als Berufung gedacht werden. Warum?
Wie Menschen zu Priestern, Ärzten, Rechtsanwälten berufen sind, sind manche auch für die Arbeit in der Finanzwelt berufen. Die Finanzwirtschaft hat einen sehr schlechten Ruf und sogar Menschen, die viel davon verstehen, sehen es moralisch problematisch an. Deshalb ist es dringend notwendig, dass Menschen ihre Berufung für diesen Teil der Wirtschaft verspüren, um ihn auf ein gesundes Fundament zu stellen. Sie helfen anderen zu verstehen, wie dieser Wirtschaftszweig funktioniert, dass er Wohlstand schaffen und uns freier, glücklicher und erfolgreicher machen kann.

Eine uralte Frage, die uns stets begleitet: Kann ein reicher Mensch in den Himmel, in das Reich Gottes kommen?
Jesus sagt uns nicht, dass der Besitz von Vermögen automatisch ein Hindernis ist, das ewige Heil zu erlangen, und man in die Hölle kommt. Wenn wir uns die Bibel, Altes und Neues Testament, ansehen, dann ist Geld und Reichtum nicht das eigentliche Problem, sondern wenn wir Geld zum Götzen machen und es vor Gott stellen. Das heißt nicht, dass reiche Menschen nicht in den Himmel können, sondern es ist eine klare Warnung: Jeder materialistisch denkende Mensch, auch wenn er nicht vermögend ist, setzt sein Seelenheil aufs Spiel.

Autor:

Markus Albert Langer aus Wien & NÖ-Ost | Der SONNTAG

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