Langjähriger Israel-Korrespondent Ben Segenreich
„Es gibt keinen Friedensprozess“

Ben Segenreich: „Als Korrespondent bist du eigentlich ständig in Bereitschaft.“
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Ben Segenreich berichtete jahrzehntelang über die Ereignisse in Israel und Palästina. Nun in Pension, kommt er sporadisch nach Österreich. Gegenüber dem SONNTAG berichtet er über die Auswirkungen von Corona in Israel, das Journalistenleben und den Konflikt Israel–Palästina.

Ich treffe Ben Segenreich Anfang März in Wien zum Interview über sein Journalistenleben. Es ist die Zeit, in der die Corona­krise sich immer mehr auswirkt. Es ist eines meiner letzten Interviews vor Zeiten von Home­office, vieles hat sich seither verändert. Daher habe ich Segenreich nun um ein persönliches Update gebeten, wie er in Israel die vergangenen Wochen erlebt hat.

Ben Segenreich: Am Ende meiner Vortragsreise nach Österreich und Deutschland in der ersten Märzhälfte habe ich es gerade noch zurück nach Israel geschafft, nachdem sich plötzlich die Tore schlossen. Mein Rückflug Wien-Tel Aviv wurde zwar gecancelt, aber die israelische El Al ist noch von Paris und London geflogen.
14 Tage Quarantäne waren dann eh klar.

Mit welchen Maßnahmen wurden Sie konfrontiert?
In Israel ist es ähnlich wie in Österreich. Man hat im Wesentlichen Hausarrest. Geschäfte geschlossen, ausgenommen Supermärkte und Apotheken. Restaurants nur für Homeservice, keine Veranstaltungen, Schulen und Unis zu. Keine Hochzeitsfeiern, Begräbnisse nur mit engster Familie. Die Pessach-Feiern, zu denen gewöhnlich bis zu 30 Familienmitglieder und Freunde zusammenkommen, durften nur mit der Kernfamilie, die im selben Haushalt lebt, stattfinden.

Und sind die Maßnahmen erfolgreich?

Man darf sich nur maximal hundert Meter vom eigenen Wohnhaus entfernen, und die Öffis fahren überhaupt nicht. Israel hatte früher und drastischer als etwa die europäischen Länder auf die Epidemie reagiert und den Flugverkehr eingestellt. Ich weiß noch, dass in Österreich viele gedacht haben, die Israelis übertreiben. Erst mit Verzögerung haben europäische Länder das Gleiche gemacht. Nun hat Israel viel weniger Corona-Tote als Länder mit etwa der gleichen Einwohnerzahl. Trotzdem fährt man die Maßnahmen langsamer und vorsichtiger zurück als etwa Österreich.

Wie geht es Ihnen persönlich?

Ich selbst leide am meisten darunter, dass mein Tennisclub und mein Tischtennisclub geschlossen sind – ich brenne darauf, wieder spielen zu dürfen. In Israel gibt es nur Freilufttennis, der Frühling ist die ideale Tennissaison, und die geht jetzt flöten. Abgesagt wurden auch alle geplanten Vorträge, die ich für deutschsprachige Gruppen hätte halten sollen.

Wie wirkt sich die Coronakrise auf Ihre Familie aus?

Jetzt harre ich mit meiner Frau besserer Zeiten. Auch unsere jüngere Tochter Noa ist da. Sie studiert in London und war gerade auf Semesterferien, als die Flüge und natürlich auch der Lehrbetrieb in England eingestellt wurden. Aber gut dass sie hier ist, in Israel ist man vor dem Virus sicherer als in London.

Man kennt Sie als Journalist, beruflich kommen Sie aber aus der Naturwissenschaft?
Ich habe in Wien und Paris Physik und Mathematik studiert. Damals wurde man oft von der aktuell entwickelten Datenverarbeitung aufgesaugt. Ich habe meine ersten Berufsjahre als Computermensch verbracht, man kann sagen, als Programmierer in der Datenverarbeitung. Damit bin ich auch nach Israel gegangen. Meine ersten Jahre dort habe ich bei einer großen Firma als Softwareentwickler gearbeitet und dann mehr oder weniger durch Zufall auf Journalismus umgeschaltet.

Was war dieser Zufall?
Der Ausschlag war die Gründung der Tageszeitung „Der Standard“ in Wien durch Oscar Bronner. Er musste damals auch ein kleines Korrespondentennetz aufbauen und wusste, dass ich abgesehen davon, dass ich beruflich eigentlich in der High-Tech tätig war, eine große Neigung zum Schreiben habe. Ich hatte schon in Wien vor meiner Auswanderung nebenberuflich als Korrespondent für die israelische Tageszeitung „Maariv“ gejobbt. Das war fast nur ein Hobby. Bronner hat mich angesprochen, ob ich für den „Standard“ Korrespondent werden möchte.

Wie ging das Anwerben weiter?

Es hat mich verlockt, denn ich hatte irgendwie das Gefühl, dieses Dasein als Informatiker ist doch zu steril, und ich müsste es probieren. Ich bin dann probeweise Korrespondent geworden. Aus dieser ist dann sozusagen eine Ewigkeit geworden.

Von dieser Tätigkeit konnten Sie leben?

Nein, ich habe also andere zusätzliche Arbeitgeber gesucht. So kamen ORF-Radio und Fernsehen hinzu.

Was bedeutet Korrespondent sein in unruhigem Gebiet?
Wenn es wirklich eine ganz angespannte Situation gibt, Gott behüte, einen Krieg oder einen lang gestreckten Konflikt wie die Intifada, wo es über Jahre Selbstmorde und Anschläge gab und militärische Schläge, da ist es eine sehr lange Periode, wo man wirklich sehr, sehr, sehr viel zu tun hat und schwer im Einsatz ist. Manchmal kann das auch bis zur Erschöpfung gehen. Es gibt natürlich auch Perioden, wo man wenig zu tun hat und nicht zum Zug kommt, einfach weil es wichtigere Themen gibt. Als Korrespondent bist du eigentlich ständig in Bereitschaft. Da gibt es keinen Unterschied zwischen Tag und Nacht, zwischen Wochentag und Wochenende, und es kann immer etwas dazwischen kommen.

Verändert einen das?

Ja, ich habe wirklich gelebt in dieser ständigen Bereitschaft, ständig die Notwendigkeit, informiert zu sein. Es kommt eine Meldung über die Agentur: Ein israelisches Flugzeug ist über den Libanon geflogen. Ist das jetzt der Beginn eines großen Krieges, oder passiert es eigentlich jeden Tag? Als Korrespondent musst du Antwort darauf geben können. Du musst wissen, was war. Daher ständig mit dem Ohr an den Nachrichten und Meldungen des Tages sein.

Welchen Kontakt haben Sie zum Hospiz in Jerusalem?
Dort fühle ich mich ein bisschen als Sohn des Hauses. Das ist ja etwas ganz Besonderes. Es ist ein Stück Österreich mitten im Orient, mitten in der Altstadt von Jerusalem. Es ist wie in Wien, rote Plüschsessel, das Kaffeehaus und die Porträts der Habsburger, die einen von der Wand anschauen. Das ist für jemanden wie mich, der Wurzeln in Wien hat, unerhört beglückend.

Sehen Sie eine Chance auf eine Lösung des Konflikts zwischen Israel und den Palästinensern?

Ich denke, die Frage, die man mir im Laufe der 30 Jahre als Korrespondenten am häufigsten gestellt hat, ist eben die Frage: Gibt es eine Aussicht auf Frieden? Was ist mit der Zwei-Staaten-Lösung? Was bedeutet das für den Friedensprozess und so weiter? Über die letzten Jahre war die Antwort auf die Frage nach dem Friedensprozess immer: welcher Friedensprozess? Es gibt keinen Friedensprozess. Es wird nicht einmal mehr versucht. Es hat über Jahre nicht einmal mehr einen Anlauf gegeben.

US-Präsident Trump legte ja einen Plan vor?
Der kann irgendwas vorschlagen. Aber warum sollte dieser Plan mehr Erfolg haben als alle Vorgänger? Zumal es jetzt ja so ist, dass die eine Seite, nämlich die palästinensische, nicht einmal mit den USA etwas zu tun haben will, die USA nicht mehr als Vermittler betrachtet. Dieser Plan von Trump hat gewisse Elemente, die durchaus realistisch sind und die man beachten sollte, aber auch zum Teil unrealistische Vorschläge wie zum Beispiel einen 34 Kilometer langen Tunnel zwischen Westjordanland und dem Gazastreifen, der die künftigen Teile des palästinensischen Staates verbinden würde.

Hätte eine Zwei-Staaten-Lösung eine Chance?

Das ist etwas, was viele wollen. Die meisten sehen aber auch, dass das eigentlich nicht realisierbar ist. Vielleicht in zwei Generationen. Man muss sich damit begnügen, dafür zu sorgen, dass man den Konflikt managt. Man sagt, dass nicht geschossen wird, sondern dass man irgendwie so weiterwurstelt wie bisher, mit möglichst wenig Opfern.

Autor:

Stefan Hauser aus Wien & NÖ-Ost | Der SONNTAG

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