Promis und Glaube
„Auf der Bühne zu stehen, ist wie eine Kirche zu betreten“

Johannes Silberschneider: „Der Rosenkranz war zu Hause so etwas wie das geistige Mittagessen.“
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  • Johannes Silberschneider: „Der Rosenkranz war zu Hause so etwas wie das geistige Mittagessen.“
  • Foto: Johannes Silberschneider
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Johannes Silberschneider hat in mehr als 200 Filmen unterschiedlichste Charaktere gespielt, darunter auch Geistliche. Bereits sieben Mal schlüpfte er im Salzburger „Jedermann“ in die Rolle des „Glaubens“. Wie er in der Kindheit kirchlich geprägt wurde und welche Rolle der Glaube privat für ihn heute hat, schildert er im SONNTAG-Interview.

Wir treffen Johannes Silberschneider im Medienhaus der Erzdiözese Wien am Stephansplatz. Silberschneider genießt den Blick vom Dachgeschoß auf den Turm des Stephansdoms und macht ein Foto mit dem Smartphone. Kirchen sind ihm aber auch von innen nicht unbekannt. Einerseits ist er in seinem Schauspielerleben öfters in geistliche Rollen geschlüpft, andererseits hat ihn der Glaube von klein auf geprägt. Silberschneider, Jahrgang 1958 ist im obersteirischen Mautern aufgewachsen. Im Advent 2019 ist er wieder im Stück „Josef und Maria“ von Peter Turrini in den Kammerspielen zu sehen. Er spielt dort den Nachtwächter, der eine Reinigungsfrau zum Abschluss des Weihnachtsgeschäftes in einem Kaufhaus im Nachtdienst trifft. Eine gefühlvolle Begegnung zweier Menschen am Heiligen Abend.

Welche Rolle hat der Glaube bei Ihnen zu Hause in der Kindheit gespielt?
Der Glaube war in der gesamten Familie vorhanden, hat aber bei jedem Familienmitglied eine andere Formung gehabt. Das hat mich sehr geprägt. Da war nichts Einheitliches.

Wurden Sie durch das Rosenkranzgebet geprägt?

Der wurde bei uns immer gebetet, vor allem zu den Festen in der Familie. Er war so etwas wie das geistige Mittagessen. Das Rosenkranzgebet hat mich immer begleitet. Ich habe es als schwierig und zugleich schön empfunden. Der Vater wollte unbedingt „Alt beten“, das gemeinsame Tempo, das man hält. Wenn ich bei meinen Besuchen in anderen Kirchen den Rosenkranz oder die Heilige Messe mitgefeiert habe, nahm ich wahr, welche Unterschiede es gibt.

Was nahmen Sie von Kirchenräumen wahr?
Meine früheste Erfahrung war das Licht und meine Eltern. Das habe ich beim Totenmahl meiner Taufpatin erfahren, wo Verwandte erzählt haben, dass meine Eltern erschüttert waren, dass meine ersten Worte nicht Mama und Papa waren, sondern „Ipapa“ und „Imama“, was so viel bedeuten sollte wie „Himmelsvater“ und „Himmelsmutter“. Da bin ich offensichtlich mit meinen Eltern einmal in die Kirche gegangen und habe das gesagt, obwohl ich nichts wusste davon. Ich erinnere mich wirklich an die Zeit als Kleinkind in unserer Mauterner Kirche an die bunten Fenster und den hohen Raum. Wir haben neben der Kirche gewohnt, bevor wir ein Haus gebaut haben. Da gab es eine kleine Küche im Parterre und ein Schlafwohnzimmer im oberen Stock und da hat man auf die Kirche gesehen.

Waren Sie Ministrant?
Ja. Die Eltern, glaube ich, wollten mich aber nicht ministrieren gehen lassen, bis der Pfarrer ein ernstes Wort gesprochen hat. Das Ministrieren, glaube ich, hat mich von der Schule gerettet. Ich bin zwar gerne in die Schule gegangen, bin aber zugleich über- und unterfordert gewesen. Beim Ministrieren hat es mir gefallen, vor allem um 6.30 Uhr in der Früh, wenn es finster war und die Kerzen gebrannt haben. Der Raum war hoch, man hat in einer fremden Sprache gesprochen. Ich wusste, ich bin für etwas zuständig, gebraucht und gemocht.

War für Sie der Altar die erste Bühne im Leben?
Nein. Er war was Anderes. Der Altar war für mich so etwas wie der Tabernakel. Er war was Intimes. Du warst Gott ganz nahe. Ohne dass du verstanden hast, was das ist, habe ich da eine ganz große Nähe gespürt.
Die Redemptoristen in Ihrer Heimat haben Sie geprägt. Einer der Ordensleute hat Ihnen auch empfohlen, sich am Reinhardt-Seminar zu bewerben, und das mit Erfolg.

Ich bin wie die Jungfrau zum Kind gekommen. Ich war nie mit dem Theater oder künstlerischen Sachen sozialisiert, außer dass ich gezeichnet habe. In einem richtigen Theater war ich erst, als ich schon am Reinhardt-Seminar war. „Mädel aus der Vorstadt“ habe ich gesehen, weil das haben die Redemptoristen damals auch gespielt. Vorher sah ich nur Turnsaalaufführungen von Wandertruppen und einmal „Nathan der Weise“, ein Gastspiel des Schauspielhauses Graz im Gewerkschaftshaus von Eisenerz. Eigentlich habe ich gar nicht gewusst, was ich am Reinhardt-Seminar lernen soll.

Was ist Ihnen lieber: Theater oder Film?
Es ist das Hin-und-her-Oszillieren mit den Schärfenverschiebungen. Theater ist die Grundform. Das ist der lebende Mensch auf der Bühne, der kommuniziert mit Menschen, die einem zuschauen. Das ist die Grundform der Erzählung. Beim Film schauen dir nur ein paar zu, der Kameramann, der Regisseur und die Leute, die herumstehen. Das ist für mich auch eine Art Theater für einen intimen Kreis, es wird für das Familienalbum fotografiert. Eigentlich ändert sich nichts. Die Erzählkunst ist etwas anders. Am Theater spielt man eine Entwicklung durch. Der Film wird durcheinander in Szenen gedreht, das ist wirtschaftlich gebunden. Aber das ändert für mich nichts. Ich kenne die Rolle, ich weiß, was sich tut. Mir ist es egal, ob ich das durchspiele oder es zerlegt habe. Es ist so, wie wenn man eine Kirche betritt.

Sie haben als Schauspieler auch Priester gespielt und religiöse Eiferer. Was macht das aus?
Ich komme mir da wie ein Entwicklungshelfer oder ein Heidenmissionar vor. Weil Kirche ist im Film tabu, da kennt sich überhaupt niemand aus. Es kommt zwar in Kitschfilmen vor, aber was da getan wird, entspricht nicht dem Ritual. Ich sage aber immer, wenn sie mich fragen, ist das bei mir besser aufgehoben als bei jemanden anderen. Unlängst habe ich in der Serie „Soko Donau“ einen verblendeten religiösen Eiferer gespielt, der zum Mörder wird.

Sie spielen den „Glauben“ im Stück Jedermann. Eine entscheidende Rolle?
Er dreht den Jedermann ins Gute im Verbund mit den „Guten Werken“. Die „Guten Werke“ bewirken bei ihm, dass er sich anschauen kann. Dass er sieht, dass er nicht das Abbild ist, das er glaubt zu sein, sondern jemand sieht, den er nicht kannte, in der Neuronenspiegelung eines Gegenübers, bei der ihm das Menschliche entgegenkommt. Der Glaube ist ja immer bis zur Hälfte eingestrichen. Im „Jedermann“ ist auch der Gottesprolog bis zur Hälfte eingestrichen. Die Glaubensgeheimnisse scheinen nicht mehr auf. Das gefällt mir nicht.

Eine Erscheinung der Zeit?
Ich glaube, 90 Prozent der Menschen, die in die Kirche gehen, wissen nicht, was da passiert. Jetzt gehen eh schon relativ wenige hinein. Es gibt keine Grundbildung mehr. Nicht nur, dass das Katechetische wegfällt, sondern es kennt sich niemand mehr aus. Und doch gibt es Glaubenswahrheiten, die man benennen muss. Das gilt auch für den Jedermann. Da gibt es einen äußerst interessanten Monolog von Gott. Er spricht gleichzeitig als sich und Christus. Er ist der Alte und der Neue. Er trennt die Personen nicht.

Was sagen Sie zu Papst Franziskus?
Der hat es genauso schwer wie ich als Glaubender, deswegen taugt er mir. Ich habe mich nie mit den höheren Chargen der Kirche auseinandergesetzt. Nur beim Johannes XXIII. habe ich so etwas empfunden, dass er wie ein Vater ist. Johannes Paul II. war mir zu viel Schauspieler. Er hat ja gleichzeitig zu seiner Priesterausbildung eine Kellerbühne geleitet. Er war für mich immer der Schauspieler bis zum Tod. Er hat auch ein wirkliches Theaterbegräbnis gehabt. Er war auch charismatisch.

Johannes Silberschneider: „Der Rosenkranz war zu Hause so etwas wie das geistige Mittagessen.“
Johannes Silberschneider mit Ulli Maier im Theaterstück "Josef und Maria" von Peter Turrini im Theater in der Josefstadt.
Autor:

Stefan Hauser aus Wien & NÖ-Ost | Der SONNTAG

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