Sterbebegleitung statt Sterbehilfe
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Die Tage waren gleichzeitig hart und wunderbar. Wir wachten abwechselnd oder gemeinsam an seinem Bett, hielten Tag und Nacht seine Hand, streichelten und versorgten ihn, beteten, sangen, lachten und weinten und ließen ihn an unserem Leben teilhaben. Er lag einfach nur da und durfte sich bei uns geborgen fühlen.
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  • Die Tage waren gleichzeitig hart und wunderbar. Wir wachten abwechselnd oder gemeinsam an seinem Bett, hielten Tag und Nacht seine Hand, streichelten und versorgten ihn, beteten, sangen, lachten und weinten und ließen ihn an unserem Leben teilhaben. Er lag einfach nur da und durfte sich bei uns geborgen fühlen.
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Ab dem 21. September beschäftigt sich der Verfassungsgerichtshof mit zwei zentralen, stark diskutierten Fragen: „Sterben auf Verlangen“ und „Assistierter Suizid“. Mehrere Österreicher haben Klagen eingebracht und verlangen das Recht auf aktive Sterbehilfe. Elisabeth S. und ihre Familie haben sich vor kurzem für einen anderen Weg entschieden: ihren sterbenden Vater mit nach Hause zu nehmen und ihn gemeinsam bis zum Tod zu begleiten – Sterbebegleitung statt Sterbehilfe.

Als sie uns im Krankenhaus sagten, dass die Gehirnblutung meines Vaters so massiv gewesen sei, dass er keine Chance hätte, sich davon zu erholen, wussten wir: Jetzt ist es soweit. Er würde sterben. Viel zu früh, völlig unerwartet. Und es gab nichts, was wir dagegen tun konnten. Diese Erkenntnis traf uns sehr. Diese Endgültigkeit, dass die letzte Phase, vielleicht der letzte Tag seines Lebens gekommen war, tat einfach weh. Diesmal war er nicht „krank“, er war ein „Sterbender“.

So wie wir es verstanden hatten, gab es nun folgende Möglichkeiten:
1.) Lebensverlängernde Maßnahmen: Labor, Tests, Medikamente, Infusionen, intravenöse Ernährung, Untersuchungen. Alles ohne Aussicht auf Verbesserung der Lage.
2.) Der „Natur“ ihren Lauf lassen und nur dafür sorgen, dass er keine Schmerzen hat und gut atmen kann.
3.) Intensive Schmerzmedikation, die möglicherweise lebensverkürzend wirken konnte.

Gänsehaut, Verzweiflung, Tränen
In diesem Moment wurde uns bewusst, dass wir es jetzt tatsächlich in der Hand hätten, den Prozess zu beschleunigen, Schluss zu machen mit dem „unwürdigen Leben, das eh keine Perspektive mehr hat“, ihn „nicht mehr leiden zu lassen“, „ihn zu erlösen“. Fühlte sich so „Sterbehilfe“ an? Hatten wir jetzt die Macht über ein Menschenleben zu entscheiden? Hatten wir das Recht dazu? Konnten, sollten, durften wir hier Gott spielen?
Gänsehaut, Verzweiflung, Überforderung, Tränen.

„Hatten wir jetzt die Macht über ein Menschenleben zu entscheiden?“

Was, wenn wir ihn nicht so liebgehabt oder schon auf sein Erbe gewartet hätten? Man das Bett gebraucht oder die Ärzte uns gar nicht gefragt hätten? Oder die Gesetze unseres Landes diese Lösung als Normalfall vorgesehen hätten? Dann hätten wir gar keine Wahl gehabt.

Papa darf zu Hause sterben
Aber wir hatten eine Wahl. Und wir entschieden uns dafür, unseren Vater auf seinem ganz persönlichen Sterbeweg zu begleiten. Egal wie lange dieser dauerte, egal wie schmerzhaft es für uns werden würde. Wir ließen Papa nicht allein und wir brachten ihn nicht um. Er war Zeit seines Lebens für uns da gewesen, und nun würden wir für ihn da sein. Denn so hatte er es sich immer gewünscht – am Ende seines Lebens im Kreis seiner Familie sein zu dürfen, ohne Maschinen und lebensverlängernde Maßnahmen, so lange bis Gott ihn heim rief.

Da die Besuchsregelung aufgrund von Corona „eine Person für eine halbe Stunde am Tag“ lautete, entschieden wir uns, ihn nach Hause zu nehmen. Ein Abenteuer, auf das wir uns ganz instinktiv einließen und das im Spital für große Augen sorgte. Was denn die anderen Angehörigen von Sterbenden täten, fragte ich. „Rufen Sie mich an, wenn es soweit ist“, sei die meistgehörte Ansage.

Ruhe und Frieden
Nun war er also zuhause. Aufgrund der Kurzfristigkeit hatten wir übers Wochenende weder ein Pflegebett, noch eine Hauskrankenpflege noch ein Palliativteam zur Unterstützung. Also improvisierten wir: ein verstellbarer Lattenrost aufs ausgezogene Sofa, eine Staffelei als Infusionsständer, Zierpölsterchen zur Lagerung. Und doch war Papa glücklich. Er war großteils gelähmt, konnte nicht mehr reden, nicht nicken, sehen oder lächeln.

Eigentlich konnte er nur noch seine rechte Hand bewegen, aber er war spürbar entspannter, beantwortete unsere Fragen mit Händedrücken und zeigte seine Liebe und Dankbarkeit durch Streicheln unserer Hand mit seinem Daumen. Nun konnten wir alles in unserem eigenen Tempo angehen. Und er bekam die Zeit, die er brauchte. Ohne Störung, ohne Lärm, ohne unnötige Quälerei.

Eine Atmosphäre des Friedens und der Ruhe war spürbar. Er wusste, wir waren für ihn da, wenn er uns brauchte, und wenn er nichts brauchte, durfte er einfach ruhen und dösen. Das nahm uns allen den Stress und die Hektik und wohl auch ein großes Stück Verzweiflung. Wir wussten zwar nicht, wie lange diese Phase noch dauern würde, – ob noch einen Tag oder eine ganze Woche, aber das spielte keine Rolle mehr. Jetzt drehte sich alles um ihn. Um seinen Abschied, sein Wohl, seine Bedürfnisse. Wir schenkten ihm unsere Zeit und unsere Liebe, so lange er sie brauchte.

„Er lag einfach nur da und durfte sich bei uns geborgen fühlen.“

Wir hielten Tag und Nacht seine Hand
Die nächsten Tage waren gleichzeitig hart und wunderbar. Wir wachten abwechselnd oder gemeinsam an seinem Bett, hielten Tag und Nacht seine Hand, streichelten und versorgten ihn, beteten, sangen, lachten und weinten und ließen ihn an unserem Leben teilhaben. Er lag einfach nur da und durfte sich bei uns geborgen fühlen. Alte Freunde kamen ihn besuchen, wir feierten Messe an seinem Bett, er wurde krankengesalbt und gesegnet.

Er war immer noch Teil der Familie, nur jetzt eben hilflos und schutzbedürftig und völlig auf uns angewiesen. Wie ähnlich sind doch der Anfang und das Ende des Lebens…

Und ja, es war erschöpfend, körperlich und psychisch. Dieses Wissen um das bevorstehende Ende, seine immer häufigeren Atemaussetzer, das ständige Umlagern, die Unsicherheit, ob er wohl noch lebt, wenn man wieder aufwacht oder vom Einkaufen kommt, die Spannungen zwischen uns, das Warten auf einen undefinierten Moment, das Ringen um richtige Pflege und Abschiedsworte. Die Tage vergingen unbemerkt, und die Gefühle schwankten zwischen „Ich würde es ihm so gönnen, wenn er endlich heimgehen dürfte“ und „Ich will aber nicht, dass er schon geht!“.

Wir redeten ihm gut zu, ermutigten ihn, alles hinter sich zu lassen, abzuschließen, sich keine Sorgen um uns zu machen, nur auf Jesus zu schauen. Und er lag die ganze Zeit da und atmete ruhig und nur durch seinen Händedruck konnten wir unterscheiden, ob er wach war oder schlief.

„Auch in uns veränderte sich etwas, denn wir verloren die Angst vor dem Tod.“

Nach dem Wochenende unterstützten uns die Hauskrankenpflege und das mobile Palliativteam sehr. Sie gaben uns Tipps, Rat und Medikamente, übernahmen die Pflege und die medizinische Supervision, ermutigten und bestärkten uns. Mit ihnen gemeinsam waren wir ein gutes Team, das nur ein Ziel hatte: diesem Menschen ein menschenwürdiges, schmerzfreies, natürliches Sterben zu ermöglichen.

Sein letzter Atemzug
Und auch in uns veränderte sich etwas, denn wir verloren die Angst vor dem Tod. Der Tod war nun etwas Unausweichliches, dem wir Hand in Hand entgegentraten. Er war nicht mehr gruselig, sondern einfach Teil des irdischen Lebenslaufes. Und als es dann, nach mehr als sechs Tagen soweit war, da konnten wir es annehmen, konnten Papa hinübergeleiten und ihn liebevoll an der Hand halten, als er seinen letzten Atemzug machte.

Auch wenn wir ihn sehr vermissen, sind wir dankbar für diesen bewussten Abschiedsprozess, der uns jetzt bei der Verarbeitung hilft. Wir spüren immer noch seinen liebevollen warmen Händedruck. Und wir wissen, dass Papa nun ganz glücklich ist, dass er angekommen ist - und dass wir alles Menschenmögliche getan haben, damit er sich in seinen letzten Tagen, Stunden und Sekunden geliebt, geborgen und gewürdigt fühlen konnte.

Autor:

Der SONNTAG Redaktion aus Wien & NÖ-Ost | Der SONNTAG

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