Brasilien | Teil 04
Warten. Hoffnungslos?

Brasilianische Bauern besetzen Land

 

„Ja sicher habe ich Angst“, sagt Sonia leise. Zweimal schon brannte das Zelt-Dorf, und Männer mit Maschinengewehren jagten die 25 Familien davon. Mühsam baute man sich eine neue Bleibe an einem anderen Ort: mit Palmenzweigen, Holzpfählen und löchrigen Plastikplanen. Für ein, zwei, fünf, zehn oder 15 Jahre? Wie lange man in Sao Joan hausen wird, ist ungewiss.

„Ich schäme mich, wenn ich sehe, wie sie leben müssen“, sagt Pater Joao leise. Als Vorsitzender der CPT (brasilianische Landlosen-Pastoral) in Joan Pessoa, einer mittleren Großstadt im Norden Brasiliens, steht er auf der Seite jener Brasilianer, die um ein kleines Stück Land kämpfen. Jahrelang. Und ohne Gewähr, dieses Land jemals das eigene nennen zu dürfen.

Eine unverständliche Geschichte für europäische Ohren: Millionen Besitzlose stehen einigen tausend Großgrundbesitzern gegenüber, sind auf diese angewiesen und werden von ihnen ausgebeutet. Denn: Nach der Kolonialisierung Brasiliens fand niemals eine landesweite Agrarreform statt. Seit 1988 will die brasilianische Verfassung diese soziale Ungleichheit verringern und fordert den Staat auf, Immobilien zu enteignen, die nicht genutzt werden. Mindestens 1,8 Millionen Bauernfamilien, so schätzt man, könnte man durch die Umverteilung eine Beschäftigung sichern. Doch die Realität zeigt ein anderes Bild: Land bedeutet Macht. Auch wenn die Regierung bereit ist, das Land abzukaufen, sind die Großgrundbesitzer nicht gewillt, es loszulassen.

Die einzige Chance für die landlosen Bauern: Landbelagerungen. In so genannten „accampamentos“, einer Art Zelt-Dörfern, leben sie auf dem Stück Land, um das sie vor Gericht kämpfen. Bombendrohungen und Morde inkludiert. Manche haben Glück: Nach jahrelangem Warten spricht man ihnen das Land zu. Die „assentamentos“, wie man die Dörfer dann nennt, gehören den Bauern nun selbst. Doch es vergehen Jahre, bis Baumaterial geliefert, Strom und Wasser eingeleitet werden.

Warum harren die Landlosen in dieser Ungewissheit aus? „Die Menschen fliehen vor Gewalt in den Städten oder vor der Ausbeutung der Großgrundbesitzer auf den Zuckerrohr-Plantagen. Sie sehnen sich nach Freiheit und Unabhängigkeit“, erzählt Tania. Von einem Dorf zum anderen fährt die CPT-Mitarbeiterin täglich. Sie hört den Landlosen zu, versorgt die Menschen mit Essensrationen, Schulartikeln und Plastikplanen. Neuerdings lehrt man sie den Bio-Anbau, vermarktet die Produkte, gründet Frauengruppen und forciert die Bildung: „Durch uns erfahren sie, dass sie nicht dazu geboren sind, arm zu sein.“

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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