Weihnachten woanders | Teil 04
Sonst könntest den ganzen Tag nur plärren

Ein Gefängnis-Produkt von einem Inhaftierten aus der Grazer Strafanstalt Karlau: Weihnachtskrippe aus Brotteig.
  • Ein Gefängnis-Produkt von einem Inhaftierten aus der Grazer Strafanstalt Karlau: Weihnachtskrippe aus Brotteig.
  • Foto: H.H.
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„Ich bin der Mörder der Mutter meiner Kinder“, sagt Rupert unerwartet. Und starrt in die Leere des neonbelichteten Besucher-Raums mit dem kleinen Fenster in der Tür. „Seither ist Weihnachten schwer durchzustehen.“ Tränen kommen. Eine halbe Stunde vor ihm saß Wolfgang auf seinem Stuhl. Und er sprach beinahe dieselben Worte.

Wenn die beiden Gefängnis-Insassen an Weihnachten denken, „tut’s innerlich weh“. Das Foto von damals, auf dem Wolfgang und die Geschwister mit den selbstgestrickten Jacken vor dem Christbaum stehen, kommt in den Sinn. Oder das fröhliche Weihnachtsessen mit den sieben Kindern rund um den Tisch, von Rupert freilich selbst gekocht. Nein, die Welt war auch damals nicht in Ordnung. Aber heil zumindest.

Und jetzt? „Ich habe alles zerstört“, rutscht es aus Rupert heraus. „Wenn ich heute wieder lache wie damals zu Weihnachten, schäme ich mich.“ Wolfgang hat nach acht Jahren Haft bereits das Zeitgefühl verloren: „Es könnte auch Ostern sein.“ Jeden weihnachtlichen Stimmungsmacher genießt er daher: die Tannenbäumchen auf den Gängen oder die Weihnachtsfeier mit der Cursillo-Gruppe. „Diese Eindrücke sauge ich alle auf.“

Aber hauptsächlich existiert das Weihnachtsfest für die beiden Inhaftierten nur noch in Bildern aus vergangenen Tagen: „Ich lebe von meiner Erinnerung. Zu Weihnachten bin ich in Gedanken daheim“, sagt Wolfgang. Auch Rupert denkt an früher, wenn er am Heiligen Abend um Punkt 17 Uhr seine Weihnachtspost und das Packerl von den Kindern öffnen wird: „Das ist wie damals und genau so, wie meine Familie draußen das noch immer macht.“

In solchen Momenten fällt es den beiden dann schwer, stark zu bleiben: „Man muss sich eine Mauer aufbauen, sonst könntest den ganzen Tag nur plärren, und die Gefühle erdrücken dich“, beschreibt Wolfgang seinen weihnachtlichen Gemütszustand. Den spürt auch Rupert. Er weigert sich daher, Weihnachtslieder zu hören oder seine Zelle mit Tannenzweigen zu schmücken: „So was macht mich psychisch fertig.“

„Den weihnachtlichen Gedanken zu leben“, wie Wolfgang das ausdrückt, gibt den beiden dann wieder Kraft: „Hilfsbereit sein, ein offenes Ohr für andere haben, Kollegen die Haare schneiden oder ein Blatt Wurst teilen. Wennst auf Leute zugehst, kriegst so viel zurück“, sagt Wolfgang mit glänzenden Augen. Und Rupert erzählt von seinen Spenden für ein behindertes Kind: „Dafür muss ich auf vieles verzichten. Aber es beruhigt mich, wenn ich draußen wieder ein bisserl was gutmachen kann.“ Viel Ehrfurcht tönt mit, wenn die beiden von „draußen“ sprechen.

„Dass die Familie gesund bleibt“, wünschen sich die beiden Gefangenen einhellig zum Weihnachtsfest. „Und in meiner Weihnachtspost habe ich ihnen geschrieben, dass sie ein bisserl ruhiger werden sollen“, ergänzt Wolfgang. In seiner Zelle hat er Zeit für viele Gedanken. Da fühlt er dann oft Hilflosigkeit, wenn er ihrem Alltagstrott zusieht: „Ich bete dafür, dass sie mehr zum Nachdenken anfangen. Nicht erst dann, wenn was passiert.“ Und er verhehlt nicht, dass er deren Tretmühle ja eigentlich selbst gut kennt: „Ich habe früher die ganze Zeit gearbeitet und nicht mitgekriegt, dass die Kinder älter werden.“

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„Wenn sich die Großfamilie nur wieder vor dem Christbaum versammeln könnte“, flüstert Wolfgang. Und verstummt dann. Auch Rupert hofft und sehnt sich: „Dass ich vielleicht wieder einmal mit den Kindern zusammen Weihnachten feiern darf.“ Dann steht er auf, schüttelt fest die Hand, geht zur Tür, hält inne. Und dreht sich nochmals um: „Schaun S’ auch dazu, dass Sie Kinder kriegen. Die sind nämlich das schönste Geschenk auf der Welt.“

Britta Breser

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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