Weihnachten woanders | Teil 01
Man muss nur die Augen aufmachen

Mario Nicácio (links), Indio vom Volk der Wapichana, und Günther Kroemer, Entwicklungshelfer in Brasilien, besuchten kürzlich die Steiermark.
  • Mario Nicácio (links), Indio vom Volk der Wapichana, und Günther Kroemer, Entwicklungshelfer in Brasilien, besuchten kürzlich die Steiermark.
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Als die beiden durch die Grazer Innenstadt spazieren, baumeln die ersten Lichterketten von den Hängemasten und an den Geschäftsportalen. „Fremd ist uns das nicht. Weihnachtsbeleuchtung gibt es auch in Sao Paulo oder Manaus“, sagen Günther Kroemer und Mario Nicácio. Mit ihrem Weihnachtsfest in den amazonischen Regenwäldern haben solche pompösen Äußerlichkeiten aber nichts gemeinsam.

„Was hier in Europa in buntes Papier eingewickelt wird, erlebt man mit den brasilianischen Indios auf ganz andere Weise“, sagt Günther Kroemer. Seit über 30 Jahren feiert der brasilianische Entwicklungshelfer, ein gebürtiger Bayer, Weihnachten mit den Indios. Mario Nicácio vom Volk der Wapichana ist einer von ihnen. „Bei uns muss man offen sein für die Gemeinschaft und die Augen aufmachen“, stellen die beiden fest.

Männer jagen oder fischen, Frauen bereiten eine spezielle Mahlzeit zu – Kuchen aus Maniokmehl gehört dazu. Man teilt die Speisen untereinander, erzählt sich Geschichten aus der Bibel und frischt traditionelle Mythen auf. Das Besondere: Mit jeder Indio-Gemeinde erlebt man Weihnachten anders. „Lebt das Volk am Wasser, so unterscheiden sich ihre Symbole, Geschichten und Riten deutlich von jenen Völkern, die sich mitten im Regenwald befinden.“ So unterschiedlich ihre Mythen auch sind – alle erzählen von der Erschaffung der Welt und betrachten die Natur als ein großes Haus, in dem Menschen, Tiere und Pflanzen friedlich beisammen wohnen und einander respektieren.

„Was sich in Europa an einem einzigen Abend abspielt, dauert bei den Indios mehrere Tage. Was man hier als Weihnachtsfest deutet, zerstreut sich in Brasilien auf eine lange Zeitspanne. Was hierzulande nur ein Akt ist, wird dort als ein langes Erlebnis gefeiert“, analysiert Günther Kroemer. Bereits die Vorbereitung hat eine spirituelle Dimension und ist ein Teil des Festes: Man spricht mit den Geistern der Tiere, bevor man sie erlegt. Und während Frauen und Kinder auf die Jäger warten, tanzen, singen und lachen sie.

Weihnachten am Amazonas zu feiern heißt für Günther Kroemer, sich drei wesentliche indianische Werte in Erinnerung zu rufen: „Erstens: Weihnachten hat bei den Indios mit der Besinnung auf die Schöpfung zu tun. Zweitens ist das Fest eine Auffrischung ihrer solidarischen Gemeinschaft. Und drittens erinnern sie sich an das Geschenk, Kinder zu haben – 
als Garantie für die Zukunft des Volkes.“

Zu Weihnachten stehen die Indio-Kinder in der Mitte des Geschehens. Denn das Fest betrachtet man als Erneuerung von Natur und Gemeinschaft. Nicht zufällig verlegt man die Feiern, in denen die jungen Mädchen nach der ersten Menstruation als Erwachsene in die Gemeinde aufgenommen werden, in die Nähe des Weihnachtsfestes. Für manche Kinder im Amazonas-Regenwald gibt es zu Weihnachten übrigens auch Schokolade und Musik à la Jingle Bells. „Aber nur dort, wo man schon lange Kontakte zur Außenwelt knüpft.“

 

 

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SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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