Werke der Barmherzigkeit - 2007/2008 | Teil 05
Gefangene erlösen

 

Jesus selbst hat die ganze Grausamkeit eines Gefängnisses durchlitten. Die Folter gehörte zum normalen Alltag eines Gefängnisses damals: Und vermutlich war es kaum möglich, einen Gefangenen wirklich zu besuchen. Hinzu kommt, dass Gefängnisse Orte schuldig gewordener Menschen waren. Das erklärt die Gnadenlosigkeit der Gefängnisse damals; die Leute hatten es ja nicht anders verdient, so meinte man, und bei schweren oder vermeintlich schweren Vergehen konnte die Strafe nicht hart genug sein.

Wir pflegen heute im modernen Strafvollzug das Motiv der „Resozialisation“, also der geordneten und straffreien Rückkehr in die bürgerliche Gesellschaft, zu betonen, was allerdings sehr oft nicht gelingt; die Rückfallquote, besonders bei jugendlichen Straftätern, ist hoch. Da wünschen sich viele eine härtere Art der Strafe und der gerechten Sühne für die Schuld, und manchmal spielt bei Stammtisch-Gesprächen der Wunsch nach Rache eine nicht unwichtige Rolle. Damals, als Jesus für kurze Zeit im Gefängnis saß, ging es vor allem um die Demütigung des Gefangenen.

Dass Jesus sich zu den Schuldigen zählt und die Gefängnisse für Orte der Barmherzigkeit hält, ist die vielleicht aufregendste Aussage in der Rede vom Weltgericht: Jesus, der Weltenrichter, stand selber vor Richtern, vor ganz erbärmlichen und korrupten; da tut Barmherzigkeit not, und wenn es nur ein zaghaftes Winken durch undurchsichtige Scheiben ist; ist Schuld nicht immer irgendwie undurchsichtig und rätselhaft? Und nur Gott kann die Abgründe menschlicher Schuld durchschauen.

Ich bin erstaunt, dass das griechische Wort für „Gefängnis“, das hier gebraucht wird, „phylakä“, auch „Wachsamkeit“, „Vorsicht“ heißen kann; auch der normale Wachdienst, zum Beispiel am Stadttor, wurde mit demselben Wort bezeichnet. Offensichtlich ist das Gefängnis auch ein Ort, an dem Menschen bewacht werden, damit sie nicht mehr in Schuld fallen. Oder man versteht das Gefängnis als einen Ort, an dem die Gesellschaft vor schuldigen Menschen bewacht werden soll; die erste Deutung, dass auch schuldige Menschen des Schutzes bedürfen, ist mir der sympathischere Gedanke.

Nur Schuldige? Wir dürfen nicht übersehen, dass viele Menschen, gerade zur Zeit Jesu, unschuldig im Gefängnis saßen und oft unschuldig ums Leben kamen; und in manchen Regionen der Erde ist das auch heute noch so. Diese wirklichen Märtyrer haben manchmal das Gefängnis in ein Gotteshaus verwandelt, weil sie die Botschaft Jesu auch unter schlimmsten Bedingungen weitergesagt haben.

Da ist ein bisschen Licht in die dunklen Gefängnisse gefallen.

 

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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