Vor den Vorhang
Es ist nie aus

2010 bat Kardinal Christoph Schönborn Waltraud Klasnic, die Rolle einer Unabhängigen Opferschutzanwältin für den kirchlichen Bereich zu übernehmen. Die „Klasnic-Kommission“ entstand. Ihren 80. Geburtstag am 27. Oktober nimmt sie zum Anlass, die Kommission ab 2026 in neue Hände zu geben. | Foto: Slouk
  • 2010 bat Kardinal Christoph Schönborn Waltraud Klasnic, die Rolle einer Unabhängigen Opferschutzanwältin für den kirchlichen Bereich zu übernehmen. Die „Klasnic-Kommission“ entstand. Ihren 80. Geburtstag am 27. Oktober nimmt sie zum Anlass, die Kommission ab 2026 in neue Hände zu geben.
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Zum 80. Geburtstag. Ein Gespräch mit Waltraud Klasnic über ihre Arbeit in der Unabhängigen Opferschutzkommission.

Waltraud Klasnic leitet die Unabhängige Opferschutzkommission seit ihrer Gründung vor 15 Jahren. Gewalt und Missbrauch im kirchlichen Bereich brauchen weiterhin Aufarbeitung und Schutzmaßnahmen, resümiert die ehemalige steirische Landeschefin. Ihren 80. Geburtstag am 27. Oktober nimmt sie zum Anlass, um die Leitung der Kommission Anfang 2026 in die Hände von Caroline List zu legen.

Frau Klasnic, Sie setzen sich seit 15 Jahren für Betroffene von Gewalt im kirchlichen Bereich ein, haben erschütternde Berichte dazu veröffentlicht. Wie haben Sie es geschafft, bei all den Grauslichkeiten nicht zu verzweifeln?
Waltraud Klasnic: Ich glaube, das kann man gar nicht schaffen, aber man ist nicht allein. Es ist uns gelungen, eine sehr kompetente Kommission zusammenzustellen. Die ersten drei Jahre waren massiv, da sind die meisten Vorfälle gemeldet worden, vor allem ganz schwere. Wenn ich das Gefühl hatte, ich muss mit jemandem reden, habe ich das mit Mitgliedern der Kommission oder mit dem Koordinator Herwig Hösele getan, nicht zuhause. Es hat mich dann schon erwischt. Nach etwa drei Jahren habe ich einen mir bekannten Psychiater angerufen und gesagt, ich brauche Hilfe. Seine Antwort: Wann immer Sie mich brauchen, bin ich da. Seitdem habe ich ihn nicht gebraucht. Aber das Gefühl, dass jemand da wäre, hat mir sehr gutgetan.

Für die Leitung der bekannten „Klasnic-Kommission“ haben Sie internationale Anerkennung erhalten. Und Kritik: Dass man die Opfer unterstützt, aber die Täter nicht ausreichend zur Verantwortung zieht. Was hätte besser laufen können?
Klasnic: Wir sprechen nicht von Opfern, sondern von Betroffenen. Und nicht von Tätern, sondern von Beschuldigten. Wir sind kein Gericht, sondern eine zivilgesellschaftliche Gruppe. Wer will außerdem als „Opfer“ bezeichnet werden? Das ist ein stigmatisierender Begriff. Und was die Beschuldigten betrifft: Ich fühle mich ausschließlich für die Betroffenen verantwortlich und stehe an ihrer Seite.

Der Begriff „Opfer“ steckt aber in „Opferschutzkommission“.
Klasnic
: Als wir 2010 begonnen haben, musste es schnell gehen. Der Schutz der Opfer war das wichtigste Anliegen. Erst im Lauf der Zeit haben wir die Begriffe reflektiert. Ebenso wie das Wort „Missbrauch“, das umstritten ist. Es ist aber in diesem Zusammenhang der gebräuchliche Begriff. Man versteht ihn.

Es gibt, etwa von Ordensgemeinschaften, die Ansicht, dass die Kommission manchmal leichtfertig Unterstützung zuspricht, die eine Ordensgemeinschaft oder Diözese dann zahlen muss. Gibt es TrittbrettfahrerInnen?
Klasnic
: Ich lege Wert darauf: Lieber eine Zahlung zu viel zugesagt als eine zu wenig. Dass jemand keine Freude hat, wenn er zahlen muss, verstehe ich. Das ist so im Leben. Wenn ich ein Erbe antrete, übernehme ich auch die unangenehmen Dinge. Ich muss aber sagen, dass ich in all den Jahren kein einziges Mal eine Intervention von kirchlicher Seite hatte, dass jemand gesagt hätte, das geht so nicht. Und noch etwas ist mir wichtig zu sagen: Es ist nie aus und vorbei, und das wird es auch nicht sein. Verjährung gibt es bei uns nicht.

Nicht nur die Opferschutzkommission hat ein Jubiläum, auch Ihr 80. Geburtstag steht vor der Tür. Was macht Sie so lebendig?
Klasnic: Neugierde. Und der Wille, etwas zu tun. Seit 2001 ist es in österreichischen Krankenhäusern möglich, ein Kind anonym zur Welt zu bringen. Und seit 2022 wird der Ausbau der Hospizbetreuung in Österreich von Bund, Ländern und Sozialversicherungen bezahlt. An beiden Gesetzen war ich beteiligt, dafür hat sich jede Mühe gelohnt. Aber niemand macht etwas allein. Man muss auch fragen und Bitte sagen können.

Kardinal Schönborn hatte Sie als Opferschutzanwältin angefragt. Vor wenigen Tagen wurde sein Nachfolger ernannt. Kennen Sie Josef Grünwidl?
Klasnic: Ich habe ihn im Sommer kennengelernt und hatte unlängst wieder ein sehr gutes Gespräch mit ihm. Ich freue mich wirklich über diese Entscheidung. Er hat einen offenen Zugang, gibt pfiffige Antworten. Übrigens war er 1995 bis 1998 Schönborns Sekretär – das waren schwierige Jahre mit der „Affäre Groër“. Möglicherweise ist Grünwidl deshalb zunächst vor dem Amt zurückgeschreckt. Nun kann sich Kardinal Schönborn zurückziehen, ich ziehe mich aus der Kommission zurück, es gibt ein neues Gespann, und es wird gut weitergehen.

Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag und Danke für das Gespräch!

Interview: Monika Slouk

Gewaltschutz in der Kirche

15 Jahre sind seit dem breiten Bekanntwerden von Gewalt und sexuellem Missbrauch im kirchlichen Bereich vergangen.

2010 setzte die Bischofskonferenz erste wirksame Maßnahmen, um Gewalt-Betroffenen aus dem kirchlichen Bereich zu helfen und Gewalttaten zu verhindern. Auf Initiative von Kardinal Christoph Schönborn übernahm Waltraud Klasnic die Aufgabe einer Unabhängigen Opferschutzanwältin.

Klasnic-Kommission. Unter ihrem Vorsitz konstituierte sich die Unabhängige Opferschutzkommission. Bald darauf beschloss die Bischofskonferenz die Rahmenordnung „Die Wahrheit wird euch frei machen“ (Joh 8,32) mit Richtlinien gegen Missbrauch und Gewalt.

Hilfe im Ernstfall. Wenn es zu Grenzüberschreitungen kommt, wenden sich Betroffene an eine diözesane Ombudsstelle. Die Diözesankommission prüft die Vorwürfe und schlägt Maßnahmen vor. Die Unabhängige Opferschutzkommission entscheidet über Finanzhilfe und Therapie. Die kirchliche „Stiftung Opferschutz“ setzt die Entscheidung der Kommission um.
Bei begründetem Verdacht wird der oder die Beschuldigte bis zur Klärung dienstfrei gestellt. Von 2010 bis Juni 2025 sind 3651 Meldungen eingegangen. Finanzhilfe gibt es in vier Kategorien: 5000, 15.000, 25.000 und über 25.000 Euro. In Summe wurden 37,7 Mio. Euro zuerkannt – 29,8 Mio. Finanzhilfen und 7,9 Mio. für Therapien.

Keine Verjährung. Die meisten Vorfälle betreffen die Zeit vor 1980 (81,2 %). Von 1980 bis 1999 ereigneten sich 16,5 % und von 2000 bis Juni 2025 2,3 % der Übergriffe. Die Mehrheit der Meldungen bezieht sich auf Heime und Betreuungseinrichtungen für Kranke oder Menschen mit Behinderung (61,3 %). Schulen, Internate und Kindergärten betreffen
21,6 %. Die Meldungen aus Pfarren machen 11,7 % aus, jene aus Klöstern und Orden 1,9 %, sonstige Zusammenhänge 3,5 %.

Gewalt in verschiedenen Formen. Knapp die Hälfte der Betroffenen (47 %) meldete Vorfälle sexueller Gewalt, sonst ging es um andere Formen körperlicher oder psychischer Gewalt. Die meisten Betroffenen waren zwischen 6 und 12 Jahre alt (63,3 %).

Buchtipp: „Die Wahrheit wird euch frei machen“ – 15 Jahre Unabhängige Opferschutzkommission und Rahmenordnung für die katholische Kirche in Österreich. Herwig Hösele, Rita Kupka-Baier u. a., Leykamverlag 2025, 25 Euro.

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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