Martin Hochedlinger: Evangeliumskommentar, 19.7.26
Auch in schwierigen Zeiten gibt es Zeichen der Liebe Gottes

Weizen und Unkraut: Die Gleichnisse Jesu sind – für viele – heute noch so verständlich wie vor 2.000 Jahren.  | Foto: Ajdin Kamber - adobe.stock.com
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Unkraut vergeht nicht“ – ein Sprichwort, das oft mit einem Lächeln gesagt wird. Doch würde Jesus uns diesen Satz auch dann zusprechen, wenn wir Leid erfahren?

In meiner Tätigkeit als „Krankenhauspfarrer“ begegne ich immer wieder Menschen, deren Krankheit, Schmerz und Hoffnung die großen Fragen des Lebens unausweichlich aufwerfen: Woher komme ich, wer bin in ich, warum leide ich, was gibt meinem Leben Sinn, wie kann Hoffnung selbst im Schmerz bestehen – und was trägt mich über den Tod hinaus? Gerade in solchen Momenten zeigt sich, dass der christliche Glaube keine einfachen Antworten verspricht, sondern die Gewissheit, dass Gott den Menschen auch im Leid nicht allein lässt.
Jesus greift diese Erfahrung im Gleichnis vom Weizen und vom Unkraut auf. Ein Mann sät guten Weizen auf seinen Acker. Doch in der Nacht kommt ein Feind und sät Unkraut dazwischen. Als die Halme wachsen, wird sichtbar: Beides steht nebeneinander. Die Knechte möchten das Unkraut sofort ausreißen. Doch der Gutsherr hält sie zurück. Erst zur Ernte wird die endgültige Trennung erfolgen.

Gutes und Böses, Freude und Leid existieren gleichzeitig

Dieses Gleichnis spricht eine Wahrheit aus, die wir oft nur schwer annehmen können: Das Gute und das Böse, Freude und Leid, Hoffnung und Verzweiflung existieren gleichzeitig. Die Welt ist nicht so geordnet, wie wir es uns wünschen. Auch unser eigenes Leben ist nicht frei von Widersprüchen. Wir alle tragen Licht und Schatten in uns und wissen, dass wir immer wieder hinter dem zurückbleiben, wozu Gott uns berufen hat.

In der Krankenhausseelsorge begegnet mir diese Erfahrung immer wieder. Da ist etwa eine Patientin, die nach einer langen Behandlung endlich Hoffnung schöpft. Die Therapie schlägt an, neue Kräfte wachsen. Gleichzeitig belastet sie die Sorge um ihren schwer erkrankten Ehemann zu Hause. Freude und Schmerz liegen dicht nebeneinander. Der Weizen wächst – und das Unkraut ist ebenfalls da.

Viele Menschen wünschen sich einfache Antworten. Sie möchten das Belastende möglichst rasch beseitigen – ja abhacken. Auch die Knechte im Gleichnis denken so. Doch der Gutsherr weiß, dass ein vorschnelles Eingreifen mehr zerstören könnte als retten. Wer das Unkraut ausreißt, könnte zugleich den Weizen beschädigen.

Der christliche Glaube verspricht keine einfachen Antworten, sondern die Gewissheit, dass Gott den Menschen auch im Leid nicht allein lässt.

Vielleicht liegt darin eine wichtige Botschaft für unser Leben. Nicht alles lässt sich sofort lösen. Nicht jede Frage findet eine schnelle Antwort. Nicht jede Wunde heilt auf Anhieb. Manches muss wachsen, reifen und sich entwickeln. Geduld ist dabei nicht Gleichgültigkeit, sondern Vertrauen darauf, dass Gott das Ganze sieht, auch wenn wir nur einen Ausschnitt erkennen.

Gerechtigkeit wird sich durchsetzen

Das Gleichnis spricht dabei nicht von einem Gott, der das Böse übersieht. Die Ernte kommt. Gottes Gerechtigkeit wird sich am Ende durchsetzen. Aber bis dahin schenkt er Raum zum Wachsen. Raum für Veränderung. Raum für Umkehr. Raum für Hoffnung.

Gerade im Krankenhaus wird deutlich, wie wertvoll dieser Raum ist. Menschen entdecken in Zeiten der Krankheit manchmal neue Beziehungen, versöhnen sich mit Angehörigen oder finden einen neuen Zugang zum Glauben. Was zunächst wie eine trostlose Erfahrung erscheint, kann unerwartete Früchte hervorbringen.

Jesus lädt uns ein, nicht nur auf das Unkraut zu starren. Wer ausschließlich das Belastende betrachtet, übersieht leicht den Weizen, der ebenfalls wächst. Auch in schwierigen Zeiten gibt es Zeichen der Güte, der Liebe und der Nähe Gottes. Ein aufmunterndes Wort. Eine versöhnende Begegnung. Eine Hand, die gehalten wird.

Der Herr des Ackers hat Geduld mit seiner Welt und mit uns. Darin liegt Trost. Wir müssen nicht alles sofort ordnen und verstehen. Wir dürfen darauf vertrauen, dass Gott den Weizen wachsen lässt – oft leise, oft verborgen, aber doch wirksam. Mitten im Unkraut. Mitten im Leben.

Autor Martin Hochedlinger

Kanonikus Mag. Martin Hochedlinger wurde 1974 geboren und wuchs in Neustadtl auf. Nach einer Lehre wurde er Polizist. 2007 trat er in das Priesterseminar ein und studierte Theologie in St. Pölten. 2015 empfing Hochedlinger im Dom zu St. Pölten die Priesterweihe. Nach Kaplansjahren in Nöchling und Dorfstetten wurde er Moderator in Kirchberg/Pielach, Schwarzenbach und Frankenfels. Seit 2021 leitet er die Krankenhausseelsorge am Uniklinikum St. Pölten und wirkt als Priesterliche Mithilfe im Pfarrverband Böheimkirchen. Am 15. Jänner 2025 wurde Hochedlinger in das Domkapitel aufgenommen. Foto: zVg

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Wolfgang Zarl aus Niederösterreich | Kirche bunt

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