Pilgerorte der Welt: Altötting
Das katholische Herz Bayerns

Blick auf den Kapellplatz in Altötting | Foto: Klaus Vierlinger/KNA

Altötting gehört zu den bedeutendsten Wallfahrtsorten Deutschlands. Brauchtum, gelebter Glaube und bayerische Lebensart treffen hier aufeinander. „Kirche bunt“-Redakteur Matthias Wunder stammt aus Bayern und berichtet in unserer letzten Folge über diesen bekannten Marienwallfahrtsort.

Wer das Herz Bayerns sehen möchte, muss nicht die Mühsal eines überfüllten Oktoberfests auf sich nehmen, braucht nicht die BMW-Werke zu besuchen oder sich in der Allianz Arena ein Spiel des FC Bayern München zu Gemüte führen. Um das Herz Bayerns zu sehen, muss man nach Altötting. Dort, in einem kleinen, 1.200 Jahre alten Oktagon, befindet sich das Gnadenbild der „Schwarzen Madonna“ und ihr gegenüber in silbernen Urnen die Herzen der bayerischen Kurfürsten, Könige und Kaiser.

Der Wittelsbacher Karl VII., Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, ließ sein Herz hier bestatten, ebenso der erste König von Bayern, Maximilian I., und der Märchenkönig Ludwig II. – sie alle haben verfügt, ihre Herzen mögen nahe an jenem Gnadenbild ruhen, vor dem seit dem 9. Jahrhundert Pilger Hilfe erbitten; heute sind es jährlich bis zu 1,3 Millionen, die nach Altötting pilgern.

Die Größe der Kapelle steht im Gegensatz zu ihrer Bedeutung – sie ist winzig und ist doch gleichermaßen Anziehungspunkt für gekrönte Häupter und Pilgermassen. Ihr dunkler, in mystisches Zwielicht getauchter Innenraum ist geprägt von seinen schwarzen Wänden und der silbernen Ornamentik, in der sich das goldene Licht der Altarkerzen widerspiegelt. Stündlich werden hier am Vormittag Heilige Messen gelesen und in den Marienmonaten Mai und Oktober müssen die meisten Besucher stehen, so voll ist das kleine Gotteshaus.

Sie zeigt wie ein Pfeil nach oben, zum Grund und Ziel jeder Pilgerfahrt.

Die Wände im Langhaus sind tapeziert mit kleinen Votivtäfelchen. Auf den kleinen Gemälden wird Maria für ihre Fürsprache in Not gedankt. Eine solche Votivtafel zeigt einen kleinen Jungen, der unter die Räder eines Heuwagens gekommen ist. Die Mutter des Jungen rief zur Mutter Gottes und wie durch ein Wunder überlebte der Bub. Im unteren Rand des Bildes steht, wie auf den anderen hunderten kleinen Täfelchen: „Maria hat geholfen“.

Über den Altären hängen aus Silber gefertigte Darstellungen von Herzen, Armen, Augen und Beinen – auf die Fürsprache der Mutter Gottes wurde so manches Leiden kuriert, die Darstellungen geben Zeugnis davon.
Verlässt man den dunklen Kirchenraum, kommt man in den Wandelgang, der die Kapelle umgibt. Auch hier ist jeder Quadratzentimeter der Mauern von Votivtäfelchen bedeckt. Lässt man auch den Arkadengang hinter sich, steht man auf dem lichten, hellen Kapellplatz, dessen weißer Kies von Oasen grünen Rasens durchsetzt ist. Zur Hochsaison sieht man fast viertelstündlich Wallfahrergruppen über den Kies gehen, die singend und betend selbst aus den entlegensten Teilen Bayerns nach Altötting gepilgert sind.

Der Platz ist umgeben von Kirchen, Häusern, Gaststätten und Geschäften; dort lassen sich Rosenkränze, Weihrauchbriefchen und Statuen erwerben – sehenswerter sind aber die Kirchen: jede für sich ist ein Kunstschatz ersten Ranges. Zum Beispiel die gotische Stiftskirche. Sie reckt ihre spitzen Türme hoch in den Himmel, zeigt wie ein Pfeil nach oben, zum Grund und Ziel jeder Pilgerfahrt. Auch ist sie die Heimat eines jahrhundertealten Kollegiatsstifts, das heute noch für pensionierte Priester der Diözese Passau existiert.

Hinter der Gnadenkapelle befindet sich St. Magdalena, ein prachtvoller barocker Bau, der im 16. Jahrhundert von den Jesuiten errichtet worden ist. Nach deren Auflösung wurde die Kirche erst von Malteserrittern, dann von Redemptoristen, schließlich von den Kapuzinern übernommen. Heute unterstützen Pauliner die Seelsorge in St. Magdalena. Sie kommen aus dem polnischen Tschenstochau, wo auch eine „Schwarze Madonna“ verehrt wird.

Der heilige Konrad

Ein Stückchen westlich des Kapellplatzes befinden sich Kloster und Kirche des heiligen Konrad. Der Heilige aus Parzham lebte und wirkte hier als Klosterpförtner – seine Reliquien befinden sich in der modern ausgestatteten Kirche. An der äußeren Wand der Kirche plätschert ein kleiner Brunnen. Man sagt, das Wasser habe besonders bei Augenleiden eine heilende Wirkung.

Geht man am Kapuzinerkloster vorbei, gelangt man zur größten Kirche Altöttings, der neobarocken Basilika St. Anna. Sie wurde in den 1910er-Jahren unter der Schirmherrschaft des bayerischen Prinzregenten Ludwig erbaut, der später als letzter König Bayerns regierte. Die Pilgerströme waren zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu gewaltig: Nicht einmal die große Stiftskirche konnte die frommen Menschenmassen fassen. Noch heute ist die Basilika immer wieder voll, vor allem zum Patrozinium der Gnadenkapelle am 15. August, zu dem das Hochamt traditionellerweise vom Passauer Bischof in der Basilika gelesen wird. An diesem Tag ist sie nicht nur voller Menschen, sie ist auch erfüllt vom Duft hunderter Kräuterbuschen, die traditionell zu Mariä Himmelfahrt geweiht werden.

Hat man alle Kirchen und Kapellen des Gnadenortes Altötting besucht – die genannten sind nur eine bescheidene Auswahl in diesem kleinen „Rom Bayerns“ – wird man durstig. Wie gut, dass Altötting nicht nur mit bayerischer Geschichte und Frömmigkeit aufwarten kann, sondern auch mit bayerischem Bier. In einem der Gasthäuser Altöttings, die zwar nicht ganz so zahlreich wie die Kirchen sind, kann man sich direkt am Platz oder unter uralten Kastanienbäumen helles Bier und kräftige Brotzeiten servieren lassen. Denn das gehört auch zur Wallfahrt: nicht nur für die Seele zu sorgen, sondern auch fürs Herz – und wo kann das besser gehen als im Herzen Bayerns?

Tipps für die Reise: 

Hier findet jeder etwas: Altötting ist ein gutes Beispiel, wie verschiedene Frömmigkeitsformen miteinander leben können. Alte Messe in der Sieben Schmerzen Kapelle oder charismatischer Lobpreis beim Forum der Gemeinschaft Emmanuel: Hier kann sich jeder spirituell zuhause fühlen.
Fragen? Kennt man sich einmal nicht aus, helfen Pilgerbetreuer weiter. An blauen Oberteilen erkennbar, stehen sie am Kapellplatz zur Verfügung.

Gebet am Wallfahrtsort: 

Wie schön glänzt die Sonn,
wie hell leucht’ der Mond,
der Schönheit Maria
doch gleichen nichts kann.
Sie ist nur allein
ganz würdig und rein,
dem göttlichen Prinzen
eine Mutter zu sein.

Des Herrn eine Magd,
in Demut sie sagt,
indem ihr der Engel
das Ave vortragt.
Mit himmlischer Gnad’
wurd sie überschatt’,
indem sich die Gottheit
vermischet selbst hat.

O Jungfrau geehrt,
ganz rein, unversehrt,
ein göttliches Wunder
bist worden der Erd’!
Ich hoff, dass du mich,
wann’s kommet zum Sterb’n,
nit lassest verderben.
Ich hoffe auf dich!

Volksweise

Autor:

Kirche bunt Redaktion aus Niederösterreich | Kirche bunt

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