Altabt Notker Wolf OSB
„Wir werden im Alter freier

Altabt Notker Wolf: „Altwerden beginnt im Kopf und Jungbleiben auch.“
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  • Foto: Dieter Mayr/KNA
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Am 9. November wird Notker Wolf OSB auf Einladung der ARGE Altenpastoral beim Symposion „Wenn Alter einsam macht“, das in St. Pölten stattfindet und online übertragen wird, zum Thema sprechen. Im Interview geht der frühere Abtprimas des weltweiten Benediktinerordens und Autor zahlreicher Bestseller auf Fragen rund um das Thema ein, spricht über seine Einsamkeit und verrät, welches wirksame „Mittel“ es gegen dieses Gefühl gibt.

Sie werden am 9. November über das Thema ,,Alter und Einsamkeit“ sprechen. Ist ein alter Mensch automatisch einsam?
Altabt Notker Wolf: Die Einsamkeit entsteht dann, wenn ich in sie gestürzt werde. Ich brauche gerade im Alter, wenn wir nicht mehr im Arbeitsleben stehen und wenn die Freunde langsam wegsterben, neue Horizonte. Und ich brauche vor allem auch den Austausch mit anderen Menschen. Wenn der blockiert wird, dann stürzen wir in die Einsamkeit. Wie beim Lockdown! Da habe ich mir schon gedacht: Wenn ich jetzt 90 wäre und die letzten Monate noch so eingesperrt verbringen müsste, das wäre nicht gerade meine Lebensperspektive, das ist ja wie ein Gefängnis, und das war für viele Menschen die Realität. Es war ja schrecklich, dass man nicht einmal bei sterbenden Angehörigen sein durfte, ihnen nicht die Hand halten und sie trösten durfte.

Wann fühlen wir uns einsam?
Notker Wolf: Es ist ein sehr eigenartiges Gefühl – nämlich nicht nur allein, sondern verlassen und hilflos zu sein. Ich habe dann niemanden, an den ich mich wenden kann, ich sitze da und habe keinen Gesprächs­partner. Als Mönch schaut es dann anders aus, wenn ich im Herzen bei Gott verweile. So wie es vom hl. Benedikt heißt und wie Gregor der Große geschrieben hat: „Er zog sich wieder in die Höhle zurück, um ganz bei Gott zu sein.“ Das ist etwas anderes. Er war nicht einsam. Man kann sich auch zurückziehen in das Alleinsein, um seine Ruhe zu haben oder meditieren zu können.

Also kennen Sie als Mönch die Einsamkeit nicht?
Notker Wolf: Doch, ich kenne die Einsamkeit, aber ich sage einmal so: Ich habe natürlich die Intimität einer Zweierbeziehung nicht; der Mensch verlangt auch danach – er muss also lernen, die Einsamkeit mit sich auszuhalten. Dabei werde ich mit mir selber konfrontiert – mit meinen Eigenarten, Marotten und allem Möglichem –, und das kommt dann alles zum Vorschein. Die Wüs­tenväter haben gesagt: Das sind die Dämonen, die auf einen zukommen!

Ist die Einsamkeit ein Phänomen unserer Zeit?
Notker Wolf: Also ich denke schon, dass viele Menschen heute in einer existenziellen Einsamkeit leben – entweder haben sie sich zurückgezogen und eingekapselt, oder sie werden von den Angehörigen links liegen gelassen. Es gibt Eltern, die nie mehr besucht werden. Das ist etwas Grausames, wenn jemand da sitzt und die Tochter oder der Sohn kommen einfach nicht, und die sagen vielleicht sogar: „Ich möchte mit dir nichts mehr zu tun haben!“ Dann ist man in die Einsamkeit verstoßen – dann sitzt man sozusagen in einer Höhle oder in einem Loch.

Hat die Einsamkeit also mit einer „Entfamilisierung“ zu tun, weil immer mehr Familien zerfallen und es oftmals keinen familiären Zusammenhalt mehr gibt?
Notker Wolf: Ganz sicher war früher die Großfamilie der Halt eines Menschen, dort war er eingebettet. Die Alten wurden gepflegt. Sie haben das Leben der Jungen mitbekommen und haben sich auch oft um die Enkelkinder gekümmert. Man brauchte eigentlich keinen Kindergarten, weil die Kinder bei den Großeltern aufgehoben waren. Wir haben ja mit der heutigen gesellschaftlichen Entwicklung einen Wust an Institutionen entwickelt, um all die Probleme zu beheben, die mit dem Zerfall der Familie gegeben sind.

Ist Einsamkeit auch ein Problem für jüngere Menschen?
Notker Wolf: Ja, es gibt auch Jüngere, die einsam sind und manche verfallen in Depressionen. Wenn z. B. ein Bursch seine Freundin verloren hat oder umgekehrt – dann sind diese jungen Menschen zunächst furchtbar einsam, aber das Entscheidende ist, dass ich dann jemanden habe, mit dem ich mich austauschen und reden kann. Damit ich einfach nicht in mir abgeschieden dasitze! Der Rückzug ist das größte Problem.

Heute gibt es Soziale Medien wie Facebook oder Instagram. Ist das nicht ein gutes Mittel gegen Einsamkeit gerade bei jüngeren Menschen?
Notker Wolf: Ach, die Sozialen Medien – da weiß ich nicht, ob dieser Begriff „sozial“ hier nicht ein Widerspruch ist, weil diese Medien nicht wirklich verbinden. Mit diesen Medien kann man sich abschotten, sich verstecken. Natürlich ist es großartig, wenn man mit Leuten immer wieder in Verbindung treten kann, aber wozu ist es z. B. notwendig, dass ich im Urlaub jeden Moment anderen ein Bild oder eine Nachricht schicke? Bin ich so wichtig? Die viele Zeit, die die Menschen oft in den Sozialen Medien verbringen, geht doch auch zu Lasten der Zeit, die ich in echt mit den Menschen zusammen sein könnte.

Welchen Tipp können Sie geben, damit man später im Alter nicht einsam ist?
Notker Wolf: Ich glaube, man muss sich rechtzeitig in das Alter einüben, zum Beispiel einen Freundeskreis aufbauen. Natürlich werden einige davon vor uns sterben, aber einige bleiben auch. Insgesamt ist es ratsam, in jedem Alter auf andere Menschen zuzugehen und aus sich selber herauszugehen und nicht einem Selbstmitleid zu verfallen. Das Kontakte-Suchen gilt doch für das ganze Leben. Kinder bringen das großartig zustande. Ich habe bei meinen Reisen auf den Flughäfen immer mit Freude gesehen, wie kleine Kinder unbefangen aufeinander zulaufen, obwohl sie oftmals gar nicht die gleiche Sprache sprechen. Wir müssen uns ein Stück dieser kindlichen Unbefangenheit bewahren. Oder kreativ werden, mit anderen singen, musizieren, malen, lesen, schreiben ...

In Ihrem Buch „Ich denke an Sie: Die Kunst, einfach da zu sein“ schreiben Sie, dass ein wirksames Mittel gegen Einsamkeit Geborgenheit ist. Wo kann der Mensch Geborgenheit finden?
Notker Wolf: Zunächst einmal in der Familie! Das Urbild der Geborgenheit sind Mütter und Väter. Ein Kind ist geborgen bei seinen Eltern, vorausgesetzt, dass es noch eine normale Familie ist. Es gibt natürlich auch die Negativ-Beispiele, wo Eltern sich nicht um ihr Kind kümmern. Aber normalerweise ist es die erste Geborgenheit, die ein Kind kennenlernt, wenn es zur Welt kommt. Das Schöne ist heute, dass sich auch die Väter um die Kinder kümmern – das war früher so nicht üblich.

Diese elterliche Geborgenheit hört ja irgendwann im Leben auf. Was dann?
Notker Wolf: Ein älterer Herr hat mir einmal geschrieben: „Ich verstehe mich bestens mit meiner Frau und trotzdem bleibt mir ein Stück Einsamkeit zurück.“ Es ist schon so, dass jeder von uns letzten Endes ein Einzelner ist und mit sich selber zurande kommen muss. Diese letzte Einsamkeit kann uns niemand abnehmen und da gilt dann das Wort des heiligen Augustinus: „Unser Herz ruht nicht eher, als bis es ruht in Dir, mein Gott.“

Was tut jemand, der nicht diesen Glauben hat?
Notker Wolf: Man muss es nüchtern sehen: Man kann nicht so tun, als ob Nicht-Glaube und Glaube auf dasselbe hinauskämen! Für mich ist das Jenseits nicht abstrakt, sondern da ist der liebende Gott. Da kommt das Urbild des liebenden Vaters, der liebenden Mutter zur Vollendung. Und da finde ich einen Halt, auch wenn ich alles andere verliere.

Was kann die Kirche gegen die Einsamkeit tun?
Notker Wolf: Das erste ist die Gemeinschaft und die Zusicherung von Jesus ,,Wo zwei oder drei in meinem Namen beisammen sind, da bin ich mitten unter ihnen“ – da ist bereits diese Geborgenheit ausgedrückt. Das ist für mich ein Stück des Kerns von einem Sonntagsgottesdienst, dabei kommt es nicht auf den Pfarrer und die schönen Worte an, sondern auf die Gemeinschaft im Miteinander-Feiern. Und das stärkt uns. Die Botschaft ist: Wer glaubt, ist nicht allein, und das sollte über den Gottesdienst hinaus gelten.

Was ist wichtig im Leben?
Notker Wolf: Gar nichts! Vor allem bin ich selber nicht wichtig. Ich habe einmal meinen damals über 80-jährigen Prior gefragt, was die Quintessenz seines Lebens sei, und was er mir mitgeben möchte. Dann sagte er: „Nimm ja nichts ernst auf dieser Welt, vor allen Dingen dich selber nicht.“ Und damit lebe ich sehr gut, damit habe ich den nötigen Abstand.

Und mit Humor?
Notker Wolf: Der Humor sowieso – der ist die Schwester des Glaubens. Der zählt im Alter und in der Jugend. Wenn man jung ist, dann ist einem noch vieles sehr wichtig, aber wenn man älter wird, fragt man sich doch immer wieder: Muss das sein? Ist das notwendig? Brauch’ ich das? Wir werden im Alter freier! Wir sind nicht mehr so abhängig von äußeren Dingen. „Altwerden beginnt im Kopf und Jungbleiben auch“ lautet der Titel eines meiner Bücher.

Zur Person

Notker Wolf OSB wurde als Werner Wolf am 21. Juni 1940 geboren. Nach der Matura trat er 1961 in das Benediktinerkloster Sankt Ottilien ein, wo er den Ordensnamen Notker annahm. Er studierte in Rom und München Theologie, Philosophie sowie Zoologie, Anorganische Chemie und Astronomiegeschichte. Die Pries­terweihe empfing Wolf 1968. 1977 wurde er dann zum fünften Erzabt der Erzabtei Sankt Ottilien gewählt, und im Jahr 2000 wurde er zum neunten Abtprimas und damit zum obersten Repräsentanten des weltweiten Benediktinerordens berufen. Nach seiner Emeritierung im Jahr 2016 kehrte er in die Erzabtei Sankt Ottilien zurück, wo er heute lebt.

Notker Wolf ist Autor zahlreicher geistlicher Bücher und Musiker. So tritt er regelmäßig im Querflötenduett oder als E-Gitarrist und Flötist der Rockband „Feedback“ auf.

Symposion

Wenn Alter einsam macht – unter diesem Titel lädt die ARGE Altenpastoral am 9. November in der Zeit von 9.30 bis 17 Uhr zum Symposion ins Bildungshaus St. Hippolyt in St. Pölten ein. Referenten sind Altabt Notker Wolf OSB und die evangelische Alten- und Pflegeheimseelsorgerin Elisabeth Pilz, Diakoniebeauftragte in der evangelischen Kirche Steiermark. Das Symposion kann auch online besucht werden. Den Link dazu erhalten Sie nach Einzahlung des Teilnahmebeitrags in Höhe von 50 Euro.

Anmeldung bis 29. Oktober bei Heike Haumer unter Tel. 01/51-552-3335; E-Mail: h.haumer@edw.or.at oder seniorenpastoral@edw.or.at.

Autor:

Sonja Planitzer aus Niederösterreich | Kirche bunt

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