Jesuit Andreas Batlogg SJ
Leo XIV. - neue Themen, neue Richtung?
- Pater Andreas Batlogg SJ hat ein Buch über den neuen Papst geschrieben, das im Herder Verlag erschienen ist. Ein Exemplar konnte er Papst Leo XIV. persönlich überreichen.
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Eine synodale Kirche an der Seite der Armen – diese von Papst Franziskus verkörperte Vision liegt nun in den Händen des neuen Papstes, Leo XIV. Der Jesuit und Vatikan-Kenner Andreas Batlogg SJ beschreibt für
„Kirche bunt“, welche Themen sich im neuen Pontifikat abzeichnen.
Es wird alles beobachtet, gegeneinander aufgewogen und vor allem verglichen, was das Zeug hält, seit Monaten. Egal, was der am 8. Mai 2025 im vierten Wahlgang gewählte neue Bischof von Rom sagt oder tut – vieles wird in Verbindung gebracht mit dem Jesuitenpapst Franziskus, dessen Pontifikat unübersehbar in der Zielgeraden steckte, der dann aber doch, nachdem er am Ostersonntag (sichtlich geschwächt, aber scheinbar auf dem Weg der Besserung) noch den Segen „Urbi et orbi“ gespendet hatte, überraschend am Ostermontag verstorben ist.
In roter Mozetta und Pracht-Stola
Papst Leo XIV., US-Amerikaner des Jahrgangs 1955, aufgewachsen in Chicago, seit 1977 Augustiner, erschien mit roter Mozetta und Prachtstola auf der Benediktionsloggia, anders als Papst Franziskus. Er machte in der päpstlichen Sommerresidenz Castel Gandolfo Urlaub, die sein Vorgänger gemieden, in ein Museum umgewidmet und öffentlich zugänglich gemacht hatte. Das Appartement im Apostolischen Palast wird renoviert und adaptiert – Leo wird nicht, wie Franziskus, im Gästehaus Santa Marta wohnen.
Den vatikanischen Apparat, mit dem Franziskus bis zuletzt fremdelte und dem er in seiner legendären Weihnachtsansprache im Dezember 2014 einen Spiegel vorhielt, als er ihr fünfzehn „Krankheiten“ attestierte (u.a. „Planungswut und Funktionalismus“, „geistlichen Alzheimer“, „existenzielle Schizophrenie“), würdigte Leo noch im ersten Monat: „Die Kurie ist die Institution, die das historische Gedächtnis einer Kirche, des Dienstes ihrer Bischöfe bewahrt und weitergibt. Das ist sehr wichtig.“ Diese Streicheleinheiten taten den Angestellten des Heiligen Stuhles und des Staates der Vatikanstadt, die sich missverstanden oder abgekanzelt fühlten, gut. „Die Päpste kommen und gehen, aber die Kurie bleibt“, sagte der neue Papst.
Wie gesagt: Viel wurde in den ersten Wochen spekuliert. Oft ohne belastbare Argumente. Manche haben den Eindruck: Er will es allen recht machen. Sie fragen: Wann zeigt der Löwe Zähne? Ein neuer Papst: neuer Stil, neue Richtung, neue Themen? Wie Franziskus ist Leo schnell zu einer gigantischen Projektionsfläche geworden: Aus verschiedenen Richtungen und „Lagern“ wurden Forderungen erhoben. Unangemessen finde ich das: „Leo muss“, „Leo soll“ oder „Ich gebe Leo eine Chance“. Das Papstamt als Wunschkonzert? Sich positionieren und deklarieren, Stellung beziehen: Das wird Leo. Aber anders. Im Moment gilt: sortieren und priorisieren.
Wie Franziskus ist Leo schnell zu einer gigantischen Projektionsfläche geworden. Das Papstamt als Wunschkonzert?
Franziskus hat oft zugespitzt und polarisiert: ein „agent provocateur“. Ich meine nach wie vor: Es brauchte die Provokationen! Im Moment wird einiges Schlechtes über ihn gesagt und geschrieben. Kurienkardinal Gerhard Ludwig Müller meinte, mit dem Tod von Franziskus sei „ein Kapitel der Kirchengeschichte abgeschlossen“, der Pontifikat sei „in einigen Momenten zweideutig“ gewesen, wohingegen unter Benedikt XVI. „vollkommene theologische Klarheit“ geherrscht habe. Der ehemalige päpstliche Privatsekretär Georg Gänswein, den Franziskus nach Freiburg „verbannt“ hatte, dann aber zum Nuntius im Baltikum ernannte, sagte in einem Interview: „Ich glaube, was es jetzt braucht, ist Klarheit in der Lehre. Die Verwirrung dieser Jahre muss überwunden werden.“ Hat er je verstanden, was Franziskus wollte? „Der Name und die Kleidung“ des neuen Papstes, so Gänswein weiter, zeigten, „dass es keine Kontinuität geben wird, sondern eine völlig neue Phase“. Er nahm eine „weit verbreitete Erleichterung“ wahr, auf eine „Zeit der Willkürlichkeit“ könne man nun darauf vertrauen, dass Leo „in der Lage ist, Stabilität zu garantieren und sich auf die existierenden Strukturen zu verlassen, ohne sie auf den Kopf zu stellen und zu erschüttern“.
Ein „Pontifikat der ruhigen Hand“?
Leo ist sicher ein anderer Typ: ruhiger, gelassener, ein ausgewiesener Zuhörer und Teamplayer. Viele setzen auf ein „Pontifikat der ruhigen Hand“. Andere sprechen von einem „Pontifikat der Langeweile“. Dass Robert Francis Prevost, der auch die peruanische (und natürlich die vatikanische) Staatsbürgerschaft besitzt, als Kurienkardinal zwei bis drei Mal pro Woche ein Fitnesscenter in Rom besuchte, ist ebenso bekannt geworden wie man jetzt den Friseur des Papstes kennt, der – wie seine Köchin und sein Privatsekretär Edgar Iván Rimaycuna Inga – Peruaner ist. Fotos machten die Runde: Prevost als Bischof von Chiclayo mit Gummistiefeln, auf Visitationsreisen auf einem Pferd oder einem Maultier reitend, in Schafställen übernachtend.
Seine breite Lebens- und Leitungserfahrung sind für seinen Dienst als Bischof von Rom vielversprechend. Es kam nicht von ungefähr, dass er Franziskus auffiel, der ihn 2023 an die Kurie holte und zum Präfekten des Dikasteriums für die Bischöfe machte, eine vatikanische Schlüsselposition: Prevost ist ein polyglotter, gut vernetzter Kosmopolit. Er war Ausbildungsleiter, Missionar und Seelsorger, Provinzial, Generalprior seines Ordens, Apostolischer Administrator und Bischof, er kennt den Norden wie den Süden. Den Ansichten des US-amerikanischen Vizepräsidenten hat er noch im Februar widersprochen: „J.D. Vance liegt falsch“.
Die Vision verankern
Wie er als Papst „tickt“, welche Themen er verfolgt, an welche Baustellen er sich macht, wird sich zeigen. Der Religionsjournalist Otto Friedrich sprach von einem „toxischen Erbe“ von Franziskus: Viel habe er angestoßen und inspiriert, aber „ohne es strukturell oder juristisch abzusichern“. Der promovierte Kirchenrechtler Leo kennt diese Problematik. Die Vision von Franziskus – eine synodal aufgestellte und verfasste Kirche – wird er fortführen (verstetigen). Da bin ich mir sicher. Es war ein eindeutiges Signal, als er bereits bei der Präsentation am 8. Mai in seiner ersten Ansprache das Programmwort seines Vorgängers aufnahm: „Wir wollen eine synodale Kirche sein, eine Kirche auf dem Weg, die an der Seite der Leidenden steht“. Die noch von Franziskus im März verfügte Verlängerung des weltweiten synodalen Prozesses, der im Oktober 2028 in eine Kirchenversammlung münden soll, hat er inzwischen mit der Billigung der vom Synodensekretariat veröffentlichten detaillierten „Skizzen für die Umsetzungsphase der Synode 2025–2028“ bestätigt.
Mit seiner Namenswahl knüpft er an Leo XIII. (1878–1903) an, der 1891 die erste Sozialenzyklika „Rerum novarum“ veröffentlichte. Wie Franziskus oft Ignatius von Loyola zitierte, bezieht sich Leo oft auf Augustinus. Sein an eine Psalmenauslegung von Augustinus angelehntes Wappen greift ein ihm wichtiges Motiv auf: „In illo unum uno – mit Blick auf Christus eins sein. Das gilt sowohl für innerkirchliche Polarisierungen, die es zu überwinden gilt, als auch für das Engagement Leos als oberster Repräsentant des ältesten Global Players der Welt.
Leo fand deutlichere Worte als Franziskus zum Ukraine-Krieg oder zum Drama in Gaza.
„Seine Worte klingen pastoral, aber nie unverbindlich: ein Appell für globale Solidarität, das Ende der militärischen Gewalt, die Förderung gerechter Friedenslösungen“, so Andreas G. Weiß, Direktor des Salzburger Katholischen Bildungswerk und USA-Kenner. Leo fand deutlichere Worte als Franziskus zum Ukraine-Krieg oder zum Drama in Gaza. Weiß analysiert: „Einerseits entzieht sich der neue Papst jeder einfach zu lokalisierenden religionspolitischen Kategorie. Er ist Amerikaner – und doch kein Nationalist. Er ist katholisch – aber kein Bündnispartner in der republikanischen Kulturkampfrhetorik. Andererseits repräsentiert Leo XIV. ein Ethos, das den selbsternannten ,Erneuerern‘ des amerikanischen Kapitalismus fremd, ja bedrohlich erscheinen muss: Solidarität statt Individualismus, Verantwortung statt Marktgläubigkeit, global-solidarisches Denken statt technokratischer Selbstüberschätzung. Der neue Papst stört nicht durch Polemik, sondern durch seine Agenda.“ Aus dem Trump-Lager wurde er bereits als „marxistische Marionette“ beschimpft, der „Löwe mit der Kraft der Unaufgeregtheit“.
Wir werden sehen, wie Leo XIV. mit den drängelnden Befürwortern des Alten Ritus umgeht, mit Kardinälen, die Franziskus sabotierten, was er auf seiner ersten Reise nach Nizäa/İznik (Türkei) sagt, wann er nach Peru und in die USA fliegt. Ein Papst ist keiner, der „Schonfrist“ beanspruchen oder nach ein paar Monaten „Bilanz ziehen“ muss. Dieser Papst wird uns überraschen, aber auch enttäuschen: Denn er arbeitet nicht „unsere“ Reformagenda ab.
Rohdiamant und Juwelier
Für den Wiener Pastoraltheologen Paul M. Zulehner war Franziskus „so etwas wie ein Rohdiamant, ungeschliffen, manchmal geradezu ungehobelt“. Nun brauche es einen „Kirchenjuwelier“: „Wenn es Leo XIV. gelingt, gleich wie Franziskus eine visionäre Gestalt zu sein, sich für den Frieden und die Schöpfung stark zu machen, dann hat er die Chance, eine ähnliche Glaubwürdigkeit zu gewinnen.“
Zulehner hat völlig recht: Es kommt vor allem auf die Ergebnissicherung des weltweiten synodalen Prozesses an. Effiziente Dezentralisierung und gelebte Kollegialität sind Herausforderungen: „Wie hält der Papst das durch eine kompetente, neue Form der synodalen Amtsausführung zusammen?“ Wir werden es sehen – auch mit der anstehenden Ernennung eines neuen Wiener Erzbischofs.
Von Andreas R. Batlogg SJ, Wien
Vortrag und Begegnung
Über „Leo XIV. – neue Themen, neue Richtung“ spricht Pater Andreas Batlogg in der Akademie am Dom in Wien, Stephansplatz 3/3, am 22. 10. um 16 Uhr; im Bildungshaus St. Hippolyt in St. Pölten über „Jesus glauben: Wie alte Formeln lebendig werden“ am 23. 10. um 19.30 Uhr.
Autor:Kirche bunt Redaktion aus Niederösterreich | Kirche bunt |
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