Vom Hals abwärts gelähmt
"Ich denke, ich kann vermitteln, wie wertvoll das Leben ist"
- Franz Kößl wohnt mit seiner Frau in Waidhofen an der Ybbs, hat drei erwachsene Kinder und zwei Enkelkinder im Kleinkindalter.
- Foto: Patricia Harant-Schagerl
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Seit seinem Mountainbike-Unfall vor fast 12 Jahren ist der Waidhofner Franz Kößl vom Hals abwärts gelähmt (Tetraplegie). Im Jugendhaus Schacherhof wird er über sein Leben als beeinträchtigter Mensch sprechen.
Hat ein solches Leben überhaupt einen Sinn? Diese Frage wurde Franz Kößl, der seit einem Mountainbike-Unfall im Jahr 2014 vom Hals abwärts gelähmt ist, schon einige Male von Schülerinnen und Schülern bei seinen Besuchen in Schulen gestellt. Vor seinem Unfall war der Waidhofner bis 2001 als Religionslehrer, von 2001 bis 2014 als Ausbildungsleiter beim Roten Kreuz tätig. Nach dem Unfall musste er sogar das Atmen wieder lernen. Doch die Frage beantwortet er trotz allem mit einem klaren Ja. „Ich denke, ich kann vermitteln, wie wertvoll das Leben an sich ist und wie schön es trotzdem sein kann“, erzählt Franz Kößl. „Ich kann – außer mich bewegen – sehr viel“, sagt der Tetraplegiker. „Ich kann Gott sei Dank atmen, ich kann reden, denken und fühlen wie jeder andere auch. Man kann mit mir lachen, man kann mit mir streiten, wenn es sein muss“, ergänzt er schmunzelnd.
Zunächst ist der Unfall ein riesiger Schock
Es sei natürlich ein Prozess gewesen, dorthin zu kommen, dass er wieder in die Zukunft habe schauen können. Am Anfang sei der Unfall ein Schock gewesen: Mit dem Fahrrad auf einer offiziellen Radstrecke kopfüber über einen Weidezaun gestürzt, blieb Franz Kößl eineinhalb Stunden auf einer Wiese liegen, bis er gefunden wurde. Er konnte sich nicht bewegen und nur schwer atmen. Im UKH Linz wurde er am gebrochenen dritten und vierten Halswirbel operiert, zwei Monate lang behandelt und beatmet. Es folgte eine sechsmonatige Reha in Bayreuth, weil es in Österreich damals noch keine Reha mit Beatmung gab. In dieser Zeit wurde eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung organisiert und das Haus der Familie in Waidhofen für ihn umgebaut – auch mit Unterstützung des Waidhofner Radclubs und des Fahrradgeschäfts Ginner. Die Rückkehr ins eigene Zuhause sei für ihn mit großer Freude und Unsicherheit, ob alles klappen würde, gleichermaßen verbunden gewesen. „Ohne meine super, super Familie wäre das nicht möglich gewesen“, sagt Franz Kößl und erwähnt u. a., dass seine Frau bis heute zwei Mal in der Nacht aufstehen muss, um ihn umzulagern. Immer muss jemand bei ihm sein, weil er z. B. „keine Fliege verscheuchen kann“, so Frau Kößl. Professionell betreut wird er von drei persönlichen Assistentinnen insgesamt 148 Stunden pro Monat sowie von Caritas-Mitarbeitenden, die sich um die Körperpflege kümmern. Probleme bereiten ihm vor allem Blasenentzündungen und manche Spasmen. In seiner Freizeit, die am Nachmittag und Abend gestaltet wird, liest er gerne, löst Sudoku-Rätsel, fährt zu Konzerten. Auch an Gottesdiensten und pfarrlichen Veranstaltungen nimmt er hin und wieder teil. „Ich habe gelernt, den einzelnen Tag zu genießen.“
Der Glaube ist eine große Stütze.
Der Glaube war ihm eine große Stütze, erzählt Franz Kößl, vor allem in der ersten Zeit. Aufgewachsen auf einem Bauernhof in Windhag, erlebte er ein tiefes, ursprüngliches Gottvertrauen. Glauben bedeute für ihn vor allem Vertrauen in das Leben und in Gott. Ein Spruch aus der Bibel hat ihn in der schweren Zeit begleitet: „Hab Vertrauen, fürchte dich nicht, ich bin bei dir!“
In den Schacherhof, wo Sohn Raphael als Hausleiter und pädagogischer Mitarbeiter arbeitet, lädt Franz Kößl Menschen ein, die sich für sein Schicksal und generell das Leben beeinträchtigter Menschen interessieren. Er möchte erzählen, was das Leben für ihn wertvoll macht, wie wichtig ein tragfähiger Grund im Leben, Hilfsbereitschaft, die Schöpfung sowie gute und echte Freundschaften abseits der Sozialen Medien sind.
Patricia Harant-Schagerl
Autor:Patricia Harant-Schagerl aus Niederösterreich | Kirche bunt |
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