Interview mit Felix Klieser
Es geht nicht, und einer tut es doch
- Felix Klieser betätigt die Ventile mit dem linken Fuß.
- Foto: Maike Helbig
- hochgeladen von Patricia Harant-Schagerl
Felix Klieser wurde ohne Arme geboren. Als vierjähriges Kind bestand er darauf, das Hornspielen zu erlernen. Heute ist er Profi-Musiker, der von einem Orchester begleitet auf den großen Bühnen der Welt spielt. Über die Kraft von Zielen und die Verantwortung für das eigene Leben sprach er mit „Kirche bunt“.
Mit vier Jahren beschlossen Sie, Horn spielen zu wollen? Wie kam es dazu?
Felix Klieser: Ich wollte einfach ein Hobby haben, das Spaß macht. Wie gut oder wie schlecht das klappt, war eher zweitrangig. Mit 8 oder 9 Jahren habe ich eine CD mit den Horn-Konzerten von Mozart bekommen. Was man mit diesem Instrument machen kann, das hat mich begeistert und fasziniert, und ich wollte dann die Fähigkeit haben, solche Musik spielen zu können.
Wie lange brauchten Sie als Kind, um das Horn spielen zu können?
Felix Klieser: Beim Musik-Machen ist ganz wesentlich – wie im Leben überhaupt –, Geduld aufzubringen, denn wir reden hier über Jahre. Bis ich „Alle meine Entchen“ spielen konnte, vergingen eineinhalb bis zwei Jahre. Man lernt als Kind eine wichtige Lektion, nämlich dass Erfolge Zeit brauchen. In der heutigen Zeit soll alles schnell gehen, und es soll bitte einfach sein. Wenn ich ein Instrument lerne, gibt es aber immer wieder Rückschritte oder schwierige Situationen. Man muss langfristig perspektivisch an die Sache herangehen und eine Frust-Toleranz entwickeln. Außerdem lernt man beim Musik-Machen, mit anderen Meinungen umzugehen.
Wie schwierig war es zu lernen, mit dem Fuß die Ventile zu bedienen?
Felix Klieser: Die meisten Menschen empfinden immer das als gewichtig und schwierig, was sie gerade sehen. Es geht aber bei der so genannten „Fingervirtuosität“ nicht nur darum, die Ventile zu benutzen, sondern Atem, Lippen, Zunge und Ventile zu synchronisieren. Schnell zu sein mit den Fingern, reicht nicht aus, man muss exakt die gleiche Geschwindigkeit haben, wie z. B. die Luft strömt oder wie die Zunge sich bewegt. Das Horn mit den Füßen zu spielen, ist nicht die Schwierigkeit, das hat von Beginn an recht einfach funktioniert.
Ihr Musiklehrer sagte, dass Sie das Horn nie professionell spielen werden können, weil Hornisten normalerweise die rechte Hand im Schalltrichter haben. Wie gingen Sie damit um?
Felix Klieser: Mit der Hand kann man die Klangfarben und die Artikulation steuern. Ich habe Verschiedenes ausprobiert, sammelte Erfahrungen und wurde Schritt für Schritt zu einem Experten auf diesem Gebiet. Ich habe einen Weg gefunden, mit den Lippen und mit der Luftführung diesen Klang zu kopieren. Das war ein Prozess, der viele Jahre gedauert hat.
Warum ich nicht aufgegeben habe, ist meine Begeisterung, für die ich ja auch Verantwortung trage. Da läuft man nicht so schnell weg. Mein Eindruck ist, dass heutzutage viele Menschen Verantwortung abschieben: an die Umstände, den Staat oder an andere Menschen. Das ist einerseits sehr bequem, andererseits problematisch, weil man ja selber die einzige Person ist, die etwas tun kann.
Ich habe die Meinung des Musiklehrers ernst genommen. Aber ich wollte dran bleiben und es versuchen. Das sind die Faktoren, ob etwas funktioniert oder nicht.
Als Sie mit 13 Jahren an die Musikhochschule Hannover kamen, funktionierte das Spielen dort nicht so gut wie zuhause. Sie haben sich dann intensiv mit sich selbst auseinandergesetzt, um herauszufinden, woran das lag.
Felix Klieser: Die wenigsten Menschen tun das. Ich finde es sehr spannend zu wissen, wie man tickt, wie man funktioniert, was man braucht, was einem gut tut. Wir rennen vielen Dingen blind hinterher und erfüllen Erwartungen.
Ich habe herausgefunden, dass ich das Üben auf einem Teppichboden gewohnt war, was ich auf der Hochschule nicht tun konnte. Wenn ich diese Geschichte erzähle, sagen Menschen ganz oft: „Und nachdem Sie herausgefunden haben, dass Sie nur auf einem Teppich richtig gut spielen können, sind Sie ab dann sicher immer mit dem eigenen Teppich gereist.“ Diese einfachste aller Lösungen hätte mich jedoch von einem Teppich abhängig gemacht. Ich habe hingegen mit verschiedenen Bodenbelägen so lange experimentiert, bis ich mich damit wohl fühlte.
Für Probleme gibt es Lösungen, schreiben Sie in Ihrem Buch. Hat Ihre Behinderung dazu geführt, dass Sie besonders gut im Probleme-Lösen wurden?
Klieser: Probleme waren für mich ganz normal. Das Schwierige an einem Problem ist, dass man nicht weiß, ob es lösbar ist. Problem-Lösen beim Sudoku oder anderen Rätseln macht ja Spaß. Was ich als Kind gelernt habe: Wenn ich mich mit einer Schwierigkeit beschäftige, dann finde ich dafür irgendwann immer eine Lösung. Je öfter ich das erlebte, desto fester wurde die Überzeugung, dass es für alles eine Lösung gibt, und desto spannender wurde das Problem-Lösen. In jedem Menschen steckt diese Fähigkeit!
Welches Projekt verfolgen Sie zurzeit?
Klieser: Als Hornist bin ich an einem Punkt, wo ich sage, ich habe alles gemacht, was man mit dem Horn machen kann. Ich kann natürlich manches wiederholen, z. B. nochmals in der Royal Albert Hall spielen oder mit großen Orchestern auftreten. Das Hornspielen macht mir sehr viel Freude. Nebenbei möchte ich Menschen unterstützen, mehr an sich zu glauben, mit Vorurteilen aufzuräumen, etwas, was sie fasziniert, umzusetzen. Das Leben zu führen, das sie begeistert. Deshalb trete ich vermehrt als Keynote-Speaker auf und halte Vorträge.
Viele Menschen glauben, dass, wenn man etwas Großes machen möchte, man dazu in erster Linie Talent braucht. Doch darum geht es nicht in erster Linie. Es geht viel mehr darum, was wir aus unserem Leben machen. Das eröffnet den Blick auf die eigene Freiheit und macht Mut, etwas auszuprobieren.
Interview: Patricia Harant-Schagerl
Felix Klieser: Stell dir vor, es geht nicht, und einer tut es doch. Wie wir lernen, mehr zu können, als wir denken, Econ Verlag 2024, Hardcover, Preis € 24,50.
Autor:Patricia Harant-Schagerl aus Niederösterreich | Kirche bunt |
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