Interview mit Andrea Schwarz
Der Sehnsucht folgen

Autorin Andrea Schwarz war Anfang Oktober zu Gast in unserer Diözese.
  • Autorin Andrea Schwarz war Anfang Oktober zu Gast in unserer Diözese.
  • Foto: Ulrike Diekmann
  • hochgeladen von Patricia Harant-Schagerl

Ihr Buch „Ich mag Gänseblümchen“ gibt der Herder Verlag mittlerweile in 36. Auflage heraus: Andrea Schwarz zählt zu den meistgelesenen christlichen Schriftstellern deutscher Sprache. Im Interview mit „Kirche bunt“ spricht sie über ihre Texte, die Gottesmutter Maria, die Kraft einer Vision und warum es wichtig ist, auf die Sehnsucht im Herzen zu achten.

Ihr erster großer Erfolg war das 1985 erschienene Buch „Ich mag Gänseblümchen“. Können Sie heute mit den darin enthaltenen Gedanken noch etwas anfangen?

Andrea Schwarz (lacht): Das ist nun schon eine Weile her, aus den Gänseblümchen sind inzwischen Margeriten geworden. Was geblieben ist, ist die Liebe für das Kleine, Unscheinbare mitten im Alltag: ob das ein herumhüpfendes Eichhörnchen ist oder eine Rosenknospe im Oktober, die sich traut noch zu blühen. „Ich mag Gänseblümchen“ ist bis heute das Buch, auf das ich am häufigsten angesprochen werde.

Können Sie sich den Erfolg von über 260.000 verkauften Exemplaren im Nachhinein erklären?
Andrea Schwarz: Ich denke, was bei meinen Texten ankommt, ist die Authentizität. Sie sind echt, sie sind Ausdruck von Verarbeitung. Ich würde auch schreiben, wenn ich keinen einzigen Text veröffentlichte.

Wie sind Sie zum Schreiben gekommen?
Andrea Schwarz: Ich habe immer geschrieben. Als ich den Nachlass meines Vaters geordnet habe, fiel mir ein Text mit dem Titel „Koko, der Affenjunge“ in die Hände. Weil mein Vater Beamter war, hatte er ordentlich das Datum darunter notiert: Die Geschichte habe ich im Alter von sieben Jahren – auf seiner Schreibmaschine – geschrieben. Als Kind habe ich auch gerne Briefe und Tagebuch geschrieben, und aus den Tagebucheinträgen entstanden dann später kurze Texte und Gedichte. Der Herder Verlag wollte ein Nachfolge-Bändchen zu Pereiras „Jugend vor Gott“ machen und brachte Texte von Jugendreferenten und Jugendlichen unter dem Titel „Anstiftungen“ heraus. Darunter waren auch Texte von mir. Die „Anstiftungen“ wurden ein ziemlicher Erfolg, ich erhielt viele positive Leserzuschriften. Da habe ich mir gesagt: Wenn Gott mir ein Talent zum Schreiben gegeben hat, dann sollte ich damit auch etwas anfangen. Ein Lektor des Herder Verlags mochte die Gänseblümchen-Idee und setzte sich für meine Texte ein.

Sie haben auch ein Buch über Maria geschrieben. Inwiefern ist Maria „ganz anders“?
Andrea Schwarz: Es gibt Menschen mit einer großen Marienfrömmigkeit, während andere wenig oder gar nichts mit ihr anfangen können. Ich wollte beiden Gruppen einen etwas anderen Zugang zu Maria verschaffen – deshalb auch der Buchtitel „Eigentlich ist Maria ganz anders“. Ich glaube, es ist etwas ganz Radikales, dass eine junge Frau damals zu so einem Unterfangen Ja sagte. An drei Dingen wird diese Radikalität für mich deutlich. Die erste These lautet: Wäre Maria damals PGR-Vorsitzende gewesen, hätte der Engel gar keine Chance gehabt sie zu sprechen – sie wäre gar nicht zuhause gewesen. Also: Sind wir überhaupt innerlich da, wenn der „Engel“ kommt und etwas von uns will?
Die zweite These: Maria ließ sich unterbrechen. Der Engel hatte keinen Termin. Maria ist da für den Moment – und daran erinnert noch das Angelusgebet und das Angelusläuten. Unterbrich das, was du gerade tust, und konzent­riere dich auf das, was wirklich wesentlich ist!
Und drittens: Den Satz, den ich am häufigs­ten in Pfarrgemeinden zu hören bekomme, lautet: Das haben wir aber noch nie so gemacht! Das Christentum beginnt damit, dass eine junge Frau den Mut hat, etwas noch nie Dagewesenes zu tun. Den Mut würde ich mir für unsere Kirche heute wünschen. Außerdem ist das „Magnificat“ ein revolutionäres Adventlied, was so weit geht, dass in manchen südamerikanischen Diktaturen verboten war, es zu singen. „Die Mächtigen stürzt er vom Thron“ – wenn das von Leuten im Volk gesungen wird, dann kann einem Diktator schon Angst werden.

Sollten die Pfarren mehr Mut haben, Althergebrachtes zu hinterfragen und Neues zu wagen?
Andrea Schwarz: Es gibt eine interessante Theorie dazu, wie Organisationen entstehen und wie sie „sterben“. Sie entstehen durch eine Vision. Um die Vision und um den Visionär finden sich Menschen, eine Gemeinschaft, die sich ein Programm gibt und eine Verwaltung einsetzt. Zuallererst stirbt die Vision. Man weiß eigentlich nicht mehr so genau, was man eigentlich wollte. Aber die Gemeinschaft funktioniert noch, es gibt immer noch ein Programm und auch die Verwaltung. Aber selbst wenn alles andere weggebrochen ist: Die Verwaltung funktioniert immer noch. Deshalb frage ich viele Pfarren: Schaut euch einmal die Tagesordnungspunkte eurer Sitzungen an! Welche haben mit Vision zu tun, welche mit Gemeinschaft oder Programm und welche mit Verwaltung?

Warum bleibt in vielen Pfarren die Jugend weg?
Andrea Schwarz: Was in vielen Kirchen passiert, hat nichts mit dem Alltag der Jugendlichen zu tun. Dabei haben auch heutige junge Menschen Sehnsucht, genau wie alle Menschen, zum Beispiel nach Gemeinschaft. Aber unsere Antworten auf ihre Fragen sind nicht mehr verständlich; sie suchen anderswo.

Ihre Texte scheinen diese Sehnsucht anzusprechen und zu erreichen …
Andrea Schwarz: Unsere Frauen im Emsland sind tolle Frauen, die mit viel Energie versuchen, ihren Alltag zu managen: Kinder groß ziehen mit all den Schwierigkeiten, die damit verbunden sind, die Eltern pflegen, sich um den kranken Nachbarn kümmern. Das sind geerdete Leute vom Land, die verstehen meine Texte. Die verstehen das Gebet in der Küche – zwischen dem unaufgeräumten Geschirr, mit der ganzen To-do-Liste im Kopf und wenn das Kind gerade eine Unterschrift braucht für den Aufsatz mit der schlechten Note.

Ihr eigenes Leben ist geprägt von Neuanfängen…
Andrea Schwarz: Alle zehn Jahre kommt im Prinzip etwas Neues in meinem Leben. 2012 bin ich ins Emsland gezogen für eine Anstellung im Bistum Osnabrück. Dort bin ich in ein Pfarrhaus gezogen, das direkt an der schiffbaren Ems liegt; in der Kirche steht eine Madonna der Fahrensleute. Da dachte ich mir: Die Madonna hat auch für eine „Zigeunerin“ wie mich Platz (lacht). Im Moment wohne ich noch da.

Welche Themen liegen Ihnen momentan am Herzen?
Andrea Schwarz: Es gibt in meinem Leben zwei Grundlinien: Das eine ist eine Bibelstelle, die mich geprägt hat, nämlich die Antrittsrede Jesu „Ich bin gekommen, den Armen eine gute Nachricht zu bringen, die Gefangenen zu befreien und den Blinden das Augenlicht zu verkünden.“ Die zweite Grundlinie heißt: lebendig sein. Nicht immer glücklich sein, sondern alle Facetten, alle Dimensionen des Lebens intensiv leben. Besonders der Weg des Exodus, der Weg aus der Sklaverei in die Freiheit, ist für mich wichtig. Glaube macht frei, als Christen sind wir zur Freiheit berufen! Und Christus hat von sich gesagt: „Ich bin das Leben.“ Wo Christen sind, sollte es lebendig zugehen.

Wo liegen ihre spirituellen Kraftquellen?
Andrea Schwarz: Das eine ist wie gesagt die Bibel. Als Ort fällt mir das Kloster Dinklage ein, eine Benediktinerinnenabtei: sehr geerdet, Geburtsort des Grafen von Galen. Und wenn ich Gottesdienste selbst gestalten kann, schenkt mir das Kraft und Freude. Im Moment ist mir das Beziehungsnetz aus Freunden sehr wichtig – und die Natur, das Meer und die Weite.
Interview: Patricia Harant-Schagerl

Autor:

Patricia Harant-Schagerl aus Niederösterreich | Kirche bunt

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