Gastkommentar von Otto Kargl
Gedanken zu Musica Sacra

Domkapellmeister Otto Kargl

2021 findet das letzte von Domkapellmeister Otto Kargl kuratierte Festival Musica Sacra statt, bevor er in dieser Funktion in Pension geht. In diesem Kommentar schreibt er über sein Grundverständnis von und Grundanliegen an die Musik und ihre Wirkung und darüber, was seine Programme in den letzten Jahren den Zuhörinnen und Zu­hörern vermitteln wollten.

Die Beschäftigung mit Musik und Kunst (aktiv oder hörend) ist Nahrung für Seele und Geist und ein wirksames Gegenmittel zur Verrohung des Gemüts.

Vielerorts wird Musik missbraucht zu wirtschaftlichen und touristischen Zwecken. Musik ist kein UMWEG und soll auch nicht von RENTABILITÄT abhängig sein. Lassen wir sie auch nicht zu kulinarischen Leckerbissen und billigen chlorhältigen Wellness­momenten verkommen.
Kirchenmusik ist keine Behübschung und kein Hochglanzschmuck. Sie kann helfen, im Hörer Emotionen wiederzubeleben oder sogar neu zu entdecken. Emotionen, zu denen er vorher vielleicht gar nicht fähig war.

Wir sind beschenkt mit einem mehr als tausend Jahre alten musikalischen Schatz. Große Literatur in mittelalterlicher oder barocker Architektur, atmosphärisch umgeben von bildender Kunst aus allen Epochen: ein Gesamtkunstwerk mit einer visionären Ahnung vom himmlischen Paradies.

Das beschwichtigende, einlullende und Wellness-getränkte Getue im Musik-Betrieb war mir immer schon sehr suspekt. Theologische Inhalte großartiger Texte aus dem Alten und Neuen Tes­tament vermitteln stets auch eine politische Botschaft, mit der ja der hochpolitisch agierende Jesus von Nazaret in der Gesellschaft, bei den Mächtigen und politischen Führern seiner Zeit ständig Anstoß erregt hat:

– Ich kann Mendelssohns „Elias“ nicht hören, ohne an eine von politischen Führern aufgehetzte Masse zu denken, die über Angst und durch Spaltung der Gesellschaft gewaltbereit und zum Töten verleitet wird. Gesellschaften brechen auseinander, werden gefühllos und verrohen.

–Ich kann den Choral „O Mensch, bewein dein Sünde groß“ in Bachs Matthäuspassion nicht hören, ohne neben dem leidenden Jesus die nach wie vor zu hunderten im Mittelmeer Ertrinkenden oder die unmenschlichen Bedingungen in Flüchtlingslagern zu beweinen. Denn „der Fremde soll euch wie ein Einheimischer gelten ... ihr seid selbst Fremde in Ägypten gewesen.“ (Buch Leviticus 19,34)

- Ich kann Bachs „Magnificat“ nicht hören, ohne von der ersten revolutionären Frauengestalt betroffen und beeindruckt zu sein. Zwei Frauen (Maria und Elisabet) sprechen von hochpolitischen Dingen: „Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen. Er lässt die Reichen leer ausgehen und gibt den Hungernden.“

Leonardo Boff kommentiert das so: „Diese Aussage dürfte ein Stachel im Fleisch derer sein, die mit Gott und der Welt zufrieden sind, so lange es ihnen gut geht.“

Vor rund 3.000 Jahren gab es die ers­te große Fluchtbewegung eines ganzen Volkes. Die Israeliten mussten vor Unterdrückung, Gewalt und Naturkatastrophen flüchten in das „Gelobte Land, wo Milch und Honig fließen“.

So kann ich Händels Oratorium „Israel in Egypt“ nicht hören, ohne unseren sogenannten christlichen Politiker/innen zuzurufen: „Jeder Mensch, der verfolgt, unterdrückt, missbraucht wird, hungert und dessen Lebensbedingungen entmenschlicht sind, hat Anspruch auf ein ,Gelobtes Land‘!“

So soll diese sehr oft schon fast „grausam schöne“ Musik bewusst machen, aufrütteln, verwirren und verstören. Vielleicht kann sie dadurch heilen, sensibilisieren, Geist, Herz und Seele hell machen. Denn entgegen der Meinung höchster Parlamentsrepräsentanten darf die Wahrheit nicht verhandelbar sein. So bleibt der Wunsch und die Hoffnung, dass Musik den Menschen wenn nicht besser, so doch menschlicher machen kann.

Autor:

Kirche bunt Redaktion aus Niederösterreich | Kirche bunt

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