Interview mit Dr. Johannes Kammerstätter
Ein Buch zum Matthäus-Jahr

Dr. Johannes Kammerstätter kam in Waidhofen an der Ybbs zur Welt, besuchte das Stiftsgymnasium Seitenstetten und studierte nach der Matura Theologie, Philosophie, Psychologie und Psychotherapie. Vor seiner Pension war er viele Jahre Pädagoge am Francisco-Josephinum in Wieselburg. Dr. Kammerstätter publizierte eine Reihe von Schriften und Büchern. Die Aufnahme machte der Fotograf Franz Weingartner, bekannt als Weinfranz. Er sorgte auch für die reichhaltige Bebilderung des Buches „Schönen Sonntag!”.
 | Foto: Weinfranz
  • Dr. Johannes Kammerstätter kam in Waidhofen an der Ybbs zur Welt, besuchte das Stiftsgymnasium Seitenstetten und studierte nach der Matura Theologie, Philosophie, Psychologie und Psychotherapie. Vor seiner Pension war er viele Jahre Pädagoge am Francisco-Josephinum in Wieselburg. Dr. Kammerstätter publizierte eine Reihe von Schriften und Büchern. Die Aufnahme machte der Fotograf Franz Weingartner, bekannt als Weinfranz. Er sorgte auch für die reichhaltige Bebilderung des Buches „Schönen Sonntag!”.
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Der Theologe Dr. Johannes Kammerstätter – vielen bekannt als langjähriger Pädagoge im Francisco-Josephinum in Wieselburg – veröffentlichte zum Matthäus-Jahr sein erstes von ingesamt drei Büchern zu den einzelnen Lesejahren. Im „Kirche bunt”-Interview erzählt er, warum er diese Bücher verfasst hat, wer das Zielpublikum der Werke ist und welche drei Hauptziele er damit verfolgt.

Sie haben zum Matthäus-Evangelium ein Buch unter dem Titel „Schönen Sonntag!“ verfasst. Warum haben Sie dieses Buch geschrieben?
Kammerstätter: Es ist das erste von insgesamt drei geplanten Büchern zu den verschiedenen Lesejahren. Dieses Buch ist dem heurigen Lesejahr, dem Matthäus-Evangelium gewidmet. Es ist ein Buch für Laien und nicht eine Predigtvorbereitung. Ich bin zwar Theologe und war bibelwissenschaftlich sehr gründlich unterwegs, habe aber keinen Anlass, mich in die Arbeit der Prediger einzumischen.

Was finden die Leserinnen und Leser in dem Buch?
Kammerstätter: In vielen Pfarren haben die Sonntage oft ihren ganz eigenen Charakter und in den Predigten stehen oft andere Dinge im Mittelpunkt, weil irgendein lokales oder aktuelles Thema im Vordergrund steht – zudem werden meist nicht alle drei Lesungen gelesen. Ich finde das schade und daher habe ich mir Folgendes gedacht: Es gibt so viele ehrenamtliche Frauen und Männer, die in den Kirchengemeinden mitarbeiten und dort viel tun. Diese engagierten Menschen sind die eigentliche Zielgruppe für mein Buch. Meine Idee war, dass dieses Buch bei diesen Menschen irgendwo zu Hause gut sichtbar und zugänglich liegt, und dass man sich dann einfach einmal hinsetzt, darin blättert und sich die Texte für den kommenden Sonntag oder Feiertag anschaut.

In „Kirche bunt“ haben wir auch die Lesungen auf Seite 8 und ein „Kurz erklärt“ dazu. Was ist in Ihrem Buch anders?
Kammerstätter: Mein Anspruch mit dem Buch ist es, die Texte jeweils dem gesamten Werk zuzuordnen, aus dem sie kommen, sich mit den Autoren zu beschäftigen und darüber zu berichten, wie in der aktuellen Bibelwissenschaft heute über die Werke und über die Autoren diskutiert wird. Mir war wichtig, dass man nicht nur Standardinformationen bekommt über alles, was völlig unstrittig ist, sondern, dass man den Dialog sieht. Dazu gehören für mich drei wichtige eigene Ziele: 1. Welche Rolle haben Frauen in den biblischen Texten und in den kirchlichen Gemeinden heute? 2. Welche antisemitischen Missverständnisse laufen mit diesen Texten mit, die man unbedingt besprechen und abarbeiten muss? 3. Die Ökologie. Da geht es für mich um Fragen wie: Warum ist nicht auf jedem Kirchendach eine Photovoltaik-Anlage? Warum zeigen die christlichen Gemeinden ihr Gewissen für die Schöpfung nicht öffentlich? Und ähnliche Fragen.

Was ist Ihr Ziel mit dem Buch?
Kammerstätter: Ich will die Ehrenamtlichen anregen, über diese Dinge nachzudenken, damit sie das in ihre Arbeit, in ihren Gremien und Sitzungen einbringen können.

Welche Erkenntnis haben Sie zur Rolle der Frauen in den biblischen Texten?

Kammerstätter: Ich denke, es muss sich die Sprache ändern, damit die Frauen überhaupt angemessen vorkommen und es muss sich die bisher übliche patriarchale Deutung ändern – so wie es die Grazer Theologin Irmtraud Fischer sagt: Die biblischen Erzmütter waren eigentlich bestimmend für die wichtigen Entscheidungen in diesen Familiengeschichten. Das ist nicht ein Trick der Rebecca, welcher der Söhne vorgezogen wird, sondern es ist ihre Führungsqualität. Denken Sie auch an die Frauen beim Kreuz oder beim leeren Grab. Von den Männern war da keiner dabei, das ist eine durchgängige Überzeugungsgeschichte. Auch rein sprachlich. Ich schaue die Texte immer auch auf Griechisch an und da steht etwa: ,Ein Mann steht im Acker und findet einen Schatz …‘ Im griechischen Text steht aber: ,Ein Mensch steht im Acker…‘ Warum soll das nicht eine Frau gewesen sein?

Und wie sehen Sie die Rolle der Frauen in der Kirche heute?
Kammerstätter: Ich habe alle Fragen gestellt und ich habe für mich Antworten gefunden. Ich meine, dass es in unseren Pfarrgemeinden keinen Rassismus, keinen Sexismus und kein Klassendenken geben kann. Das alles ist passé. Und alles, was nur danach ausschaut, muss man ansprechen und man muss die Begründungen für ungleiches Recht hinterfragen.

Also sind Sie nicht zufrieden, wie es derzeit in der Kirche läuft?

Kammerstätter: Schauen Sie: Mein Anliegen ist ja nicht, jemanden zu belasten. Mein Anliegen ist: Ich will motivieren, dass wir uns mit den vielen guten Dingen, die es in der Kirche gibt, so viele gute Traditionen, Lebensmuster – dass man sich damit beschäftigt. Ich finde, Frauen haben ein Mitspracherecht verdient. In der Kirche braucht es unbedingt einen demokratischen Ansatz – und ich denke, Papst Franziskus will mit seinem Synodalen Prozess genau das erreichen: dass die Gläubigen mitsprechen dürfen und sollen. Es braucht meiner Meinung nach Mitsprache-Plattformen. Die Pfarrgemeinderäte z. B. haben keine eigene Dachorganisation und kein ,Gesicht‘, das alle PGRs nach außen repräsentiert. Es muss Mandate geben, d. h. man ist dann gegenüber jemandem verpflichtet.

Sind Sie in den Texten auf viele antijudaistische Wurzeln gestoßen?
Kammerstätter: Im Buch schaue ich immer darauf: Was ist das Hauptmotiv des Autors? Für welche Gemeinde schreibt er? In welcher Situation sind die? Man muss wissen: Sprachlich waren die damals nicht zimperlich und die Polemik damals war wesentlich schärfer als heute. Ich glaube, mit diesen historischen Erklärungen kommt man gut über die Runden und kann alles abarbeiten. Ein Beispiel: Es ist immer ein Satz im Prozess ,Sein Blut komme über uns und unsere Kinder‘. Wenn man aber weiß, dass das eine Gerichtsformel ist, die bedeutet, dass es gegen dieses Urteil keine Berufung und keine weitere Instanz gibt, wenn man dieses Wissen in den historischen Kontext stellt, dann sind alle Verdachtsmomente weg.

Und was haben Sie im Bezug auf die Ökologie gefunden?
Kammerstätter: Die Ökologie ist ein absolut wichtiges Thema und es drängt. In der Bibel kommt ganz deutlich heraus, dass wir für diese Welt Sorge tragen müssen. Da gibt es eine ganze Reihe von Textbeispielen. Im dritten Band – da ist der Lukas dran – geht es um die Aussage ,Gott wohnt mit uns in einer bewohnbaren Welt.‘ Was aber ist, wenn diese Welt nicht mehr bewohnbar ist? Da stellen sich schon Fragen wie: Wie kann das rückgängig gemacht werden? Wie viel Zeit bleibt uns?… Und da kommt es in der Emmaus-Geschichte bei Lukas ganz wunderbar zum Ausdruck, wenn es zum Schluss heißt: ,Bleib bei uns …‘

Was war für Sie die große Überraschung bei der Arbeit zu diesem Buch?
Kammerstätter: Die überraschendste Erkenntnis für mich war, dass sich heute viele jüdische Theologinnen und Theologen mit dem Neuen Testament beschäftigen, weil sie über diese frühe Zeit keine andere historische Literatur haben. Das heißt für Studenten des Judentums, das betrifft allerdings nicht die orthodoxen Juden, ist das Neue Testament heute Pflichtlektüre. Für mich stellte sich die Frage: Ist das eine Art Heimholung Jesu ins Judentum und welche Konsequenzen hat das? Da tut sich glaube ich, jetzt vieles. Und beim Arbeiten an dem Buch habe ich mir schon immer wieder gedacht: Wie schön ist unser Glaube. Ich bin da wo dabei, was mir gut tut. Und das möchte ich mit dem Buch auch vermitteln.

Autor:

Sonja Planitzer aus Niederösterreich | Kirche bunt

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