Künstliche Intelligenz und der Mensch
Wer bleibt übrig?
- Die Künstliche Intelligenz verändert die Welt.
- Foto: Wall Art Galerie - generiert mit KI
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Leo XIV. warnt vor den Folgen der Digitalen Revolution, die besonders in der immer stärker werdenden Rolle von Künstlicher Intelligenz besteht. Was steht uns bevor und was kann die Kirche tun?
Die Zukunft entsteht in einem Großraumbüro, das sich als das Wohnzimmer einer hippen WG tarnt: Frauen und Männer in ihren Zwanzigern und Dreißigern, die Fairtradekaffee aus mattgrauen Tassen trinken, gemeinsam ihr Mittagessen kochen und auf ergonomischen Schreibtischsesseln sitzend an einer neuen Welt arbeiten, die weder sie selbst noch der Rest der Menschheit verstehen.
Sebastian Podesser, der mit seiner Firma „thirdmind“ den Mitarbeiter der Zukunft erschafft, zeigt auf bunte Zeilen unverständlicher Programmiersprache. „Das machen wir, aber damit wirst du wenig anfangen können“, antwortet er auf die Frage, an was genau sie gerade arbeiten. Er hat recht: Was er und grob geschätzt 1,2 Millionen KI-Ingenieure weltweit tun, ist für den normalen Menschen kaum verständlich. Zu abstrakt ist die tatsächliche Arbeit, die aus eben jenem Code besteht, zu unverständlich sind die Begriffe und Konzepte, mit denen sie arbeiten. Und doch kommt man nicht um jenes Thema herum, auf dem sich Podesser und seine Mitarbeiter eine Karriere errichtet haben: Künstliche Intelligenz (KI oder AI für das englische „Artificial Intelligence“) lautet dieser fast futuristisch klingende Begriff, der seit einigen Jahren durch die Welt schwirrt und
Erwartungen, Befürchtungen, Ängste und Hoffnungen weckt.
Mit ChatGPT, einem KI-Sprachmodell, ist KI auf die Computer und Smartphones der Menschen gezogen. Gibt man ChatGPT seine Hausübung, löst es diese. Fragt man es nach einer Restaurantempfehlung für den morgigen Abend, gibt es einem eine Liste mit Öffnungszeiten, Menüschwerpunkten und Anreisezeiten für alle Restaurants in der Umgebung. Sagt man ChatGPT, es möge einen Artikel über Künstliche Intelligenz und die Soziallehre schreiben, würde es das tun – sekundenschnell, einfach und ohne irgendwelche Kosten zu verursachen.
„Es gibt keinen Bürojob der Welt, den KI nicht jetzt und heute übernehmen könnte“, sagt Podesser. Gemeinsam mit einem überschaubaren Team nutzt er das Wissen textbasierter KI-Programme, wie es ChatGPT ist, um Mitarbeiter zu „erschaffen“, die für Unternehmen klar abgegrenzte und definierte Aufgaben übernehmen. Das kann alles mögliche sein: Datenbankverwaltung, Kundenservice, klassische Sekretariatsaufgaben jeglicher Branche. Aber es geht noch weit darüber hinaus. In einem Experiment ließ man eine Gruppe Anwälte gegen ChatGPT antreten, in einem umfangreichen Kaufvertrag absichtlich eingebaute Fehler zu finden. Die Anwälte fanden nach mehreren Stunden zwar einen großen Teil der Fehler, ihr künstlicher Gegner hingegen nahezu alle – in wenigen Sekunden.
Wenn es nur um Gewinn geht, warum sollte man auf den perfekten KI-Mitarbeiter verzichten?
Wie das geht? Podesser erklärt das so: Man stelle sich ChatGPT wie eine Person vor, die man in ein Zimmer sperrt. In das Zimmer legt man nun alle Bücher, die jemals geschrieben wurden, und lässt sie sie lesen. Indem KI neuronale Netzwerke, wie das unseres Gehirn, nachahmt, verarbeitet sie alle Informationen, die sie liest, erkennt Muster, ordnet, syntaktisiert. Gibt man der Person im Raum nun einen Computer mit Internetanschluss, wird ihr Zugriff auf Informationen natürlich noch besser; gewährt man ihr Einsicht in normalerweise verschlossene Datenbanken, hat sie noch mehr Informationen. Indem man ihr eine konkrete Anweisung gibt, nach der sie immer und immer wieder innerhalb einer Unternehmensstruktur handeln kann, wird sie zu einem Arbeiter – einem perfekten Arbeiter, denn er vergisst nichts, arbeitet schneller als jeder Mensch, macht weniger Fehler, kostet das Unternehmen nur seine Erstellung, macht keinen Urlaub, ist nicht krank.
Und was ist dann mit dem Menschen? Wenn KI schon jetzt jeden Bürojob der Welt machen kann und es in Wahrheit nur noch am Willen des Gesetzgebers mangelt, auch den rechtlichen Rahmen dafür zu schaffen, wo bleibt dann der Mensch? Wenn das bestimmende Ziel eines Unternehmens die Maximierung von Gewinn ist, aus welchem Grund sollte er auf einen perfekten KI-Mitarbeiter verzichten? Circa 1,5 Mio. Menschen sind in Österreich in Bürojobs tätig. Die Befürchtungen, die sich mit KI in der Arbeitswelt verknüpfen, sind im Hinblick darauf sehr konkret und durchaus dystopisch: Massenarbeitslosigkeit, Massenverwahrlosung, Massenarmut.
Doch so weit muss es nicht kommen, sagt Podesser. „Es kommt darauf an, wie wir als Gesellschaft mit dieser Entwicklung umgehen. Aufhalten können wir sie nänlich nicht.“ Natürlich könne die KI-Revolution schreckliche Folgen haben, doch in ihr lägen auch unglaubliche Chancen – je nachdem, wie man mit ihr umgehe. Der Sozialethiker und Bundesseelsorger der Katholischen Arbeitnehmerbewegung Österreich Karl Immervoll, schlägt in eine ähnlich Kerbe: „An eine drohende Massenarbeitslosigkeit glaube ich nicht – das hat man auch in der industriellen Revolution angekündigt und sie ist nicht eingetreten. Es wird immer Bereiche geben, in denen es den Menschen braucht. Selbst wenn mir KI einen Kaufvertrag schreiben kann, vor Gericht will ich mich von einem Menschen vertreten lassen.“ Und doch hat auch er konkrete Befürchtungen: Wahrscheinlich werden es sich nur große Firmen leisten können, in KI zu investieren. „Es braucht hier seitens des Gesetzgebers Regelungen, die auch kleinen Betrieben eine Überlebenschance in der KI-Revolution ermöglichen“, sagt Immervoll.
Dass der Staat eingreifen kann und soll, wenn die Gefahr großer sozialer Ungerechtigkeit besteht, ist spätestens seit dem 15. Mai 1891 Teil der katholischen Soziallehre. An diesem Tag erschien nämlich unter dem Titel „Rerum Novarum“ die erste Sozialenzyklika der katholischen Kirche, also das erste päpstliche Lehrschreiben, das sich dezidiert mit Fragen der sozialen Gerechtigkeit auseinandersetzt. Geschrieben hat es Papst Leo XIII. und ihn trieb die Frage um, wie eine christliche Antwort auf die soziale Frage aussehen könnte; wie ein Plan der Kirche für mehr Gerechtigkeit in der völlig veränderten Welt der Industriellen Revolution aussehen könnte.
Seine Antwort hat vier Schlagworte: Personalität, Gemeinwohl, Solidarität und Subsidiarität. Der Mensch muss aus katholischer Sicht also immer, als Arbeiter wie als Fabrikbesitzer, in seiner individuellen Geschöpflichkeit wahr- und ernstgenommen werden. Er muss sich aber gemäß der von Christus gebotenen Nächstenliebe der Gemeinschaft solidarisch zuwenden und so zum Gemeinwohl beitragen. Außerdem haben die kleinen Strukturen menschlichen Zusammenlebens, allen voran die Familie, immer den Vorrang vor den größeren. Damit erteilte der Pontifex eine Absage sowohl an Kapitalismus wie Kommunismus, die beide im Grunde an der selben Krankheit leiden: Der einzelne Mensch ist nicht mehr Selbstzweck, sondern wird anderen Dingen geopfert – entweder der Gewinnmaximierung oder dem Kollektiv.
Papst Leo XIV. und die KI
Der aktuelle Papst, Leo XIV., wählte seinen Namen bewusst in Anspielung auf Leo XIII. Seine Begründung: „Leo XIII. stellte sich den Herausforderungen der ersten Industriellen Revolution – heute stehen wir vor einer neuen: der Revolution der Künstlichen Intelligenz und ihrer Auswirkungen auf Gerechtigkeit, Arbeit und Menschenwürde“, sagte Leo XIV. im Mai seinen Kardinälen. Im September warnte er vor der Gefahr, „dass die digitale Welt ihren eigenen Weg geht und wir nur noch die Bauern auf dem Schachbrett sind“. Und weiter: „Wenn wir den Wert der Menschlichkeit aus dem Blick verlieren und meinen, dass die digitale Welt Alles und das Ziel von Allem ist, dann muss die Kirche ihre Stimme erheben.“ Leos Zukunftsvision ist also deutlich düsterer: Die Dynamik scheint eine ähnliche wie damals im 19. Jahrhundert zu sein, als die Industrie aufrüstete und der einzelne Mensch zum austauschbaren Zahnrad wurde – zum Bauern im Schachspiel.
Zurück zu Karl Immervoll: Als er angeregt über „Rerum Novarum“ spricht, sitzt er im Wintergarten seines Reihenhauses im nordwestlichen Waldviertel, nahe der tschechischen Grenze. Das Haus strahlt jene Gemütlichkeit und Geborgenheit aus, die nur das Zuhause einer Familie hervorbringen kann. Die Tassen sind nicht designer-grau, sondern ein buntes Sammelsurium, zum Mittagessen gibt es Zucchini und Tomaten aus dem eigenen Garten und auf der hölzernen, nicht nach ergonomischen Maßstäben gefertigten Eckbank haben auch die drei Kinder der Familie Immervoll gesessen, die heute bereits selbst Partner und Familien haben, arbeiten und ihr eigenes Leben leben. Und auch hier, fernab der bunten Codes auf schwarzen Bildschirmen, ist KI präsent, fast wie ein Damoklesschwert.
Seine Familie und seine Arbeit haben Immervoll immer mit Sinn erfüllt: als Schuhmacher wie als Seelsorger und vor allem in seiner Arbeit mit jenen, die keine Arbeit haben. In verschiedensten Projekten versuchte Immervoll, Langzeitarbeitslosen eine neue Perspektive im Arbeitsmarkt und im Leben zu eröffnen. „Es zerstört die Menschen, lange arbeitslos zu sein. Wenn du nicht mehr arbeitest, bist du draußen“, sagt er. Dabei zeigt seine Erfahrung, dass es nicht nur die klassische Lohnarbeit ist, die sinnstiftend sein kann: „Eine Frau, mit der ich zusammengearbeitet habe, hat sich, nachdem sie nach gesundheitlichen Problemen mit 57 aus dem Berufsleben ausgeschieden ist, um ihren Garten gekümmert, ehrenamtlich Tätigkeiten in einem gemeinnützigen Verein übernommen und ihre Angehörigen gepflegt. Aber davon kann sie nicht leben, auch wenn es ihr Sinn gegeben hat.“
Eine Welt der bunten Blumenwiesen? Oder die KI übernimmt und der Mensch geht unter?
Wichtig in seinen Projekten mit Arbeitslosen war immer die Frage: Was sind deine Fähigkeiten? „Wenn wir es als Gesellschaft schaffen, Menschen nach ihren ureigenen, individuellen Fähigkeiten zu beschäftigen und dafür eine finanzielle Anerkennung zu schaffen, bekommen wir eine bunte Blumenwiese!“ Doch hier stehen wir vor einem neuen Problem, sagt auch Podesser: „Unser Bildungsystem versucht, uns auf einen Beruf vorzubereiten. Aber die Arbeitswelt wird sich so drastisch verändern, dass dieser Weg der Realität einfach nicht mehr gerecht wird.“ Er hat selbst einen kleinen Sohn, der in den nächsten Jahren eingeschult wird. Nach Österreichischem Schulgesetz muss die Schule beitragen zu einer Bildung „nach den Werten des Wahren, Guten und Schönen“. Geht das nur in der Vorbereitung auf Lohnarbeit? „Das ist sicherlich ein Weg“, sagt Immervoll. „Aber eben nicht einzige.“
Lernen wird sich vollkommen verändern müssen, sagt auch die Wiener Pastoraltheologin Regina Polak: „Kompetenzen wie selbständiges und differenziertes Urteilen, Argumentieren, Schreiben, Lesen uvm. werden wichtiger werden denn je und müssen auf neue Weise gelernt und geübt werden – sonst droht die KI, den menschlichen Geist zu ersetzen.“
„Wir müssen auch wieder lernen, müßig zu sein“, sagt Immervoll. Viele sinnlose Tätigkeiten wird uns die KI sicher abnehmen können und so kann – hoffentlich – mehr freie Zeit für Sinnvolles entstehen. Das könnte die Utopie sein: Eine Welt der bunten Blumenwiese, in der KI das tut, was wir nicht mehr tun wollen, und wir uns um das Wahre, Gute und Schöne kümmern können. Oder die Dystopie wird wahr: Die KI übernimmt und der Mensch geht unter. Um die Dystopie nicht wahr werden zu lassen, wird es viele Mühen und viel Fantasie brauchen. Welche Antworten die Soziallehre auf die Anfragen durch die KI-Revolution finden wird, bleibt noch offen. Aber sie wird Antworten finden müssen, damit auch nach diesem Umbruch noch immer Gemeinwohl, Subsidiarität, Solidarität, Personalität vorhanden sind und nicht einzig die Gewinnmaximierung übrigbleibt, die den Menschen zur Schachfigur, zum Zahnrad degradiert. Matthias Wunder
Autor:Kirche bunt Redaktion aus Niederösterreich | Kirche bunt |
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