Welttag der Armen
"Armut ist kräftezehrend und bedeutet Dauerstress"

Daniela Brodesser | Foto: Verlag Kremayr & Scheriau
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Das Thema Armut ist leider wieder aktueller geworden“, mit diesen Worten begrüßte Angelika Beroun-Linhart, Obfrau des „Katholischen Akademiker/innenverbandes“, die Zuhörerinnen und Zuhörer im Hiphaus in St. Pölten. Christoph Riedl, Generalsekretär der Caritas, der als Moderator durch den Abend führte, sagte: „Wir in der Caritas haben geglaubt, dass uns Corona hart getroffen hat, aber wir müssen feststellen, dass jetzt die Auswirkungen von Teuerungen und Inflation auf die Menschen massiv sind und dass viele in die Armut gerutscht sind bzw. drohen zu rutschen.“

Krankheitsfälle ließen Familie in Armut rutschen

Armut, dass ist ein Thema, das die Referentin des Abends am eigenen Leib bitter erfahren musste. Die Oberösterreicherin Daniela Brodesser (48) ist verheiratet und Mutter von vier Kindern, die heute im Alter zwischen 13 und 25 Jahren sind. Brodesser hat sich österreichweit als Aktivistin und Kolumnistin einen Namen gemacht. Die Armut kam in ihr Leben mit der Geburt ihres vierten Kindes, das mit einer Lungenkrankheit zur Welt kam, erzählt Brodesser an diesem Abend. Bis dahin sei ihre Familie eine typische Durchschnittsfamilie gewesen. Daniela Brodesser konnte nicht mehr als Bürokauffrau arbeiten, sondern pflegte ihr Kind. Dafür arbeitete ihr Mann mehr – bis zum Burnout. Die Folge: Ein Einkommen, das kaum das Überleben ermöglichte. Die Folgen waren fehlende Teilhabe, Rückzug und Beschämung.

„Ich war total fertig, weil ich meinen Kindern eine solche Situation gerne erspart hätte.“

Im August 2017 kam es zu einem Vorfall, der das Leben der Frau dann grundlegend veränderte. Sie habe damals mit ihrer Familie in einer Wohnung gelebt und habe zu diesem Zeitpunkt dem Vermieter noch 300 Euro Miete geschuldet. „An diesem heißen Augusttag sind wir mit den Kindern zum ersten Mal in diesem Sommer ins Freibad gegangen. Der Familieneintritt hat 4,20 Euro gekostet“, erinnert sich die Mutter. Und weiter: „Wir hatten einen wunderschönen Tag und als wir nach Hause kamen, saßen Nachbarn, unter ihnen war auch unser Vermieter, draußen und fragten uns, wo wir gewesen waren. Als meine Kinder voll Freude erzählten, dass wir im Freibad waren, sagte der Vermieter: ,Kein Wunder, dass ihr nicht die Miete zahlen könnt, wenn ihr das Geld beim Fenster rauswerft.‘“

Als „Graue Maus“ alles von der Seele geschrieben

Daniela Brodesser hat die Situation vor den Kindern als tief beschämend erlebt. „Ich bin später stundenlang in einer Ecke gesessen. Ich war total fertig, weil ich meinen Kindern eine solche Situation gerne erspart hätte“, so die vierfache Mutter. „Ich hatte damals keine Freunde mehr, wusste nicht, mit wem ich darüber reden sollte.“ Schließlich habe sie sich an diesem Abend auf dem Kurznachrichtendienst Twitter anonym als ,,Graue Maus“ alles von der Seele geschrieben: ihr Leben in Armut, die ständigen Sorgen, das Ausgeschlossensein und auch jene beschämende Situation an diesem Tag.

Niemals hätte sie erwartet, was dann eingetreten ist: Unzählige Menschen haben ihren Beitrag gelesen, geliked und Kommentare dazu geschrieben. Die Mutter: „Viele haben geschrieben, dass es ihnen ebenso geht, dass sie in Armut leben, dass sie das nicht zeigen und sich dafür schämen.“ Das Posting bedeutete für Daniela Brodesser einen Wendepunkt im Leben. Österreichweit wurde sie zur gefragten Vortragenden und Interviewpartnerin. Über ihre Armutserfahrungen hat sie auch das Buch „Armut“ geschrieben, das im Kremayr & Scheriau-Verlag erschienen ist.

Das Buch habe sie geschrieben, „weil unsere Gesellschaft nur dann aufmerksam zuhört, wenn sie Geschichten und Schicksale vorgeführt bekommt“, so Brodesser. Viele Menschen, die in Armut leben, sprechen nicht davon, verstecken ihre Armut. „Man sieht den Menschen die Armut nicht an, weil diese nicht in Lumpen herumlaufen“, so die vierfache Mutter. Manchmal habe sie auch gehört: „Du bist gut gekleidet, so arm kannst Du gar nicht sein.“

„Menschen, die zuhören“

Überhaupt gebe es über Armutsbetroffene viele Vorurteile, etwa, dass sie faul und selber schuld an ihrer Situation seien, dass sie nicht haushalten könnten oder nicht kochen würden. Daniela Brodesser: „Ich wusste nicht, wie das Geld bis zum Monatsende reichen sollte. Man muss immer schauen, wie man die nächste Rechnung zahlt oder die Miete. Wenn ich einkaufen gegangen bin, habe ich gewusst, was zu zahlen ist, hatte aber große Angst, dass es sich nicht ausgeht. Es war ein wahnsinniger Druck und Stress. Auch wenn es uns heute besser geht, weiß ich an der Kassa bis auf den Cent genau, was ich zahlen muss.“

Auf die Frage, was sie sich in schwierigen Zeiten gewünscht hätte, meint Brodesser: „Ich hätte mir Menschen gewünscht, die mir zugehört hätten, ohne Ratschläge zu geben. Armut ist kräftezehrend und bedeutet Dauerstress. Irgendwann hat man keine Kraft mehr, sich zu rechtfertigen. Daher verstehe ich alle Menschen, die nicht öffentlich über ihre Armut sprechen wollen, weil sie ihre Kraft für den Alltag brauchen.“

„Man sieht den Menschen die Armut nicht an, weil diese nicht in Lumpen herumlaufen.“

Ein besonderer Stress sei die Armut für die Kinder gewesen. „Sie lernen, dass es keine Perspektiven gibt. Sie sehen von Anfang an, wo ihre Grenzen sind.“ Armutsbetroffene Kinder tun sich schwer damit, Wünsche zu formulieren, weil sie wissen, dass die Wünsche nicht erfüllbar sind. Sie selbst, schreibt Brodesser in ihrem Buch, habe jahrelang keine Träume mehr gehabt, „weil diese nie in Erfüllung gegangen sind“. Die vierfache Mutter: „Mein größter Wunsch ist, dass ich nie wieder solche Ängste auszustehen habe. Dann bin ich schon zufrieden.“
In der anschließenden Diskussionsrunde erzählte auch die Sängerin und Schauspielerin Anita Hofmann von ihren Armutserfahrungen während der Coronazeit. „Ich habe damals wie viele andere erlebt, wie es ist, wenn man keine Perspektive mehr hat und nicht mehr weiß, wie es weitergeht.“

Caritasdirektor Hannes Ziselsberger und Barbara Bühler, Obfrau vom NÖ Armutsnetzwerk komplettierten die Diskussionsrunde. Dabei verwies Caritasdirektor Hannes Ziselsberger u. a. auf eine Umfrage im heurigen März in Wien und Niederösterreich unter Klientinnen und Klienten von Sozialberatungsstellen. Demnach können sich 94 Prozent der Befragten keine regelmäßigen Freizeitaktivitäten leisten, 76 Prozent müssen jeden Tag auf vollwertige Mahlzeiten verzichten, rund die Hälfte hat kein zweites Paar Alltagsschuhe, ...

Es sei eine schwierige Frage, welche Hilfe wem zusteht, so Ziselsberger. Die Sozialberatung müsse immer wieder Hilfestellungen auch verwehren (weil sich etwa jemand mit Haus und Grundbesitz verschuldet hat, Anm. der Red.). Man sei, so Ziselsberger, dem Spender verpflichtet, die Gelder korrekt einzusetzen. Als Caritas könne man nur dort helfen, wo die gesellschaftliche Absicherung auslässt. Diese Absicherung wiederum ist eine Frage der Gesamtgesellschaft. Einer der aktuellen Wünsche der Caritas ist, dass die Ausgleichszulage für Mindestpensionen etwas erhöht werden sollte. „Wenn man da ein bisschen was drauflegen würde, wären ganz viele Menschen besser abgesichert, die permanent im finanziellen Engpass leben und oft Hilfe von der Caritas und anderen Stellen brauchen“, so Ziselsberger.

Spenden
Am Sonntag, 19. November, begeht die Kirche den „Welttag der Armen“. In unseren Pfarren wird dafür gesammelt.

Daniela Brodesser | Foto: Verlag Kremayr & Scheriau
Diskussionsabend über Armut mit Caritas-Generalsekretär Christoph Riedl, der Künstlerin Anita Hofmann, Barbara Bühler, Obfrau NÖ Armutsnetzwerk, Daniela Brodesser, Angelika Beroun-Linhart, Obfrau des Katholischen AkademikerInnenverbandes, und Caritasdirektor Hannes Ziselsberger.    | Foto: Planitzer
Autor:

Sonja Planitzer aus Niederösterreich | Kirche bunt

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