Auch die Seele braucht Pflege

Sabine Scharbert ist Psychotherapeutin i. A. und leitet die Einrichtung „Familienberatung & Psychotherapie“ der Caritas der Diözese St. Pölten.
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Wenn wir uns am Körper verletzen, lassen wir uns selbstverständlich verarzten. Wenn die Seele leidet, dann versuchen viele, selber damit klarzukommen. Warum das so ist und wie wir nach dem Corona-Stress der vergangenen Monate unserer Seele Gutes tun können, verrät die Leiterin der Caritas-Familienberatung & Psychotherapie, Mag. Sabine Scharbert.

Die Corona-Pandemie hat viele Menschen – auch psychisch – belastet. Konnte man in den Caritas-Beratungsstellen davon etwas bemerken?

Sabine Scharbert:
Im ersten Lockdown sind die Beratungszahlen zurückgegangen – was sicher mit der Umstellung auf digitale Beratung zu tun hatte, aber auch damit, dass wir uns alle in einer Art „Schockstarre“ befanden. Für uns alle war ja diese Pandemie etwas so Neues, dass wir erst einmal damit beschäftigt waren, uns in diese Situation hineinzufinden. Mit der Öffnung unserer Beratungsstellen stiegen die Zahlen deutlich an und seit dem Jahresende verzeichnen wir nochmals eine starke Zunahme.

Treten psychische Probleme zeitversetzt auf?

Scharbert: Ja, das konnten wir beobachten. Mitten in der Krise versucht man durchzukommen, da hört man nicht auf sich, bemerkt seine Anspannung vielleicht gar nicht. Wenn dann die Entspannung kommt, man ein Stück weit loslassen kann, dann tritt manches Prob­lem erst zutage. Man merkt beispielsweise: Eigentlich bin ich ausgelaugt.
Außerdem ist mit der Dauer der Pandemie die Belastung in den Familien gestiegen. Vor allem die Nachfrage nach Kinder- und Jugend-Psychotherapie hat sehr zugenommen. Kinder und Jugendliche haben unter dem Eingesperrt-Sein – mit zum Teil überforderten Eltern – besonders gelitten.

Welche Auswirkungen hatte Ihrer Erfahrung nach die Corona-Pandemie auf die Psyche?

Scharbert: Konflikte in der Familie, Angst vor der Zukunft, Angst vor einem Jobverlust, Einsamkeit – das waren Themen in unserer Beratungsgesprächen. Viel Überforderung kam zur Sprache, auch Frust, weil man nicht auskonnte, es manchmal zuhause keine Rückzugsmöglichkeit gab. Damit stieg das Konfliktpotential. Des Weiteren konnten wir einen Anstieg der psychischen Erkrankungen wie Depression, Ängs­te und Essstörungen bemerken, insbesondere bei Kindern und Jugendlichen.

Warum versuchen viele Menschen mit psychischen Problemen alleine klarzukommen – ohne Hilfe zu suchen?

Scharbert: Psychische Erkrankungen sind noch immer etwas, das man nicht gerne zugibt. Viele Betroffene denken, sie seien zu schwach, sie hätten selber etwas falsch gemacht, dass es ihnen jetzt so schlecht geht. Es gibt noch immer die Ansicht: Wenn du dich zusammenreißt, dann geht es schon! Das Verständnis, dass es sich bei Ängs­ten, Depression usw. ebenso um Krankheiten handelt, ist noch nicht bei allen angekommen.

Manche greifen zum Alkohol, um Stimmungstiefs, Ängste oder Stress zu kompensieren.

Scharbert: Ja, genau. Viele Menschen haben nicht gelernt, auf ihre eigenen Bedürfnisse, auf ihre Seele zu achten. Gesellschaftlich anerkannt ist, für andere da zu sein, dann ist man ein guter Mensch. Dass man bei sich selber anfängt, das ist gesellschaftlich nicht so anerkannt. Wenn man z. B. Nein sagt, gilt man schnell als egois­tisch. Dabei ist Nein-Sagen eine gesunde Verhaltensweise, weil man nur so viel geben kann, wie man zu geben hat. Wenn man keine Kraft mehr hat, muss man zusehen, dass man sie auftankt. Es ist ganz wichtig, auf sich selbst zu hören und ernst zu nehmen, wie es einem geht.

Was könnte man jetzt im Sommer für die eigene psychische Gesundheit tun?

Scharbert: Grundsätzlich gut für die Psyche ist Bewegung, vor allem in der Natur – das ist wissenschaftlich erwiesen. Depressiven Menschen fällt es zwar schwer sich zu Aktivität zu überwinden, doch Bewegung hilft, da genügt schon ein langsamer Spaziergang. Ich halte es für sehr wichtig, dass man sich selber etwas Gutes tut. Man kann jetzt auf schwierige Zeiten in der Pandemie zurückschauen und sich sagen: Das habe ich gemeis­tert, es ist jetzt Zeit, sich zu erholen, mir selbst etwas Gutes zu gönnen. Man sollte sich bei sich selbst bedanken, sich selbst gleichsam auf die Schulter klopfen. Auch die Kinder haben viel geschafft, die Familie könnte das auf einfache Weise feiern: einem gemeinsamen Picknick etwa oder mit einem Ausflug. Während der Pandemie haben manche ein altes Hobby neu entdeckt oder mit einem neuen begonnen – das kann große Freude machen. Aber auch eine Tasse Kaffee in Ruhe genießen, ein Buch lesen – das tut gut. Wir sollten uns jetzt wirklich fragen: Was tut mir gut – meinem Körper, meiner Seele? Welche Gedanken helfen mir, welche Gedanken ziehen mich eher runter?

Ist Freude wie Medizin für die Seele?

Scharbert: Auf jeden Fall! Eine gute Übung ist es auch, immer wieder dankbar zu sein, vielleicht sogar ein Dankbarkeits-Tagebuch zu führen. Dankbar für die Gesundheit, für den Partner, für die Kinder… dankbar für eine schöne Blume. Wir sind oft sehr mangelorientiert. Vielleicht weil wir so erzogen wurden: Schon in der Schule wird geschaut, was nicht funktioniert, wo noch etwas fehlt. Darum ist es wichtig, bewusst zu schauen: Was habe ich denn? Wofür kann ich dankbar sein? Sich freuen, das kann man auch üben bis zu einem gewissen Grad. Dankbar zu sein, kann man üben.

Beratung: www.caritas-stpoelten.at/familienberatung und Tel. 02742/353510 (täglich von 9 bis 12 Uhr, Montag zusätzlich von 14 bis 16 Uhr)

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Kirche bunt Redaktion aus Niederösterreich | Kirche bunt

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