Neues aus dem Vatikan
Was Papst Franziskus 2020 vorhat

Als Papst Franziskus vor bald sieben Jahren mit einem „Brüder und Schwestern, guten Abend!“ auf dem Balkon von Sankt Peter das Papstamt antrat, waren die Erwartungen an ihn hoch. Heute hat er viele Baustellen zugleich offen. Das Jahr 2020 könnte eine Prüfbank für den Papst aus Argentinien werden.

Dabei stehen bis dato auffallend wenige Termine für Franziskus in den nächsten zwölf Monaten fest, namentlich Auslandsreisen. Er selbst hat erklärt, den Südsudan besuchen zu wollen, und zwar gemeinsam mit dem Anglikanerprimas Justin Welby – eine ökumenische Reise. Noch behindern allerdings schwere Sicherheitsbedenken eine solche Visite in dem bettelarmen und politisch instabilen Land, dem jüngsten Afrikas. Auch ein Besuch im Irak wäre Papst Franziskus ein Anliegen, um die wenigen verbliebenen oder zurückgekehrten Christen zu bestärken, die unter schwierigen Umständen in der zutiefst zerrissenen Region leben. Die Irankrise lässt eine solche Visite noch unwahrscheinlicher werden.

Einladungen nach Russland und China würde der Papst wohl sofort annehmen, doch auch 2020 sieht es nicht danach aus, als würden die Gastgeber in einem dieser beiden Länder eine solche Einladung aussprechen wollen: Zu heikel sind die politischen und insbesondere die religionspolitischen Gegebenheiten. In Russland verhält sich weniger Präsident Putin als die orthodoxe Kirche skeptisch-abwartend, auch nach der historischen Begegnung zwischen Franziskus und dem russisch-orthodoxen Patriarchen Kyrill 2016 auf Kuba. Mit China ist zwar das vorläufige Abkommen zur gemeinsamen Ernennung von Bischöfen in Kraft getreten, als nach wie vor schwierig muss aber die Lage der Christen in Asiens erster Supermacht gelten. In Russland wie auch in China war noch nie ein Papst zu Gast. Ebensowenig wie übrigens im Irak und im Südsudan. Doch mit Peking unterhält der Heilige Stuhl nicht einmal diplomatische Kontakte.

Und so ist vorerst nicht eine einzige päpstliche Auslandsreise für 2020 bestätigt. Zwar hat sich in diesem Pontifikat die Gepflogenheit durchgesetzt, Papstreisen teils recht knapp, auch zwei Monate vor Reiseantritt, offiziell bekanntzugeben, doch dass über die Zeitspanne eines ganzen Jahres keine Visite auch nur halboffiziell durch die betreffenden Ortskirchen bestätigt ist, kann als ungewöhnlich gelten.
Einige Vatikan-Beobachter fühlen sich bereits an den Jahresbeginn 2013 erinnert, als für Papst Benedikt XVI. keine Auslandsreisen feststanden. Am 11. Februar 2013 gab der Pontifex aus Bayern dann seinen Amtsverzicht bekannt. Dass sein Nachfolger Franziskus demnächst einen ähnlichen Schritt plant, glauben im Vatikan allerdings nur wenige. Auch wenn zwei eher unscheinbare Personal- entscheidungen durch den 83-jährigen Franziskus darauf hindeuten, dass er sehr wohl die Eventualität eines Papstwechsels – in der einen oder anderen Form – im Auge behält. Im Dezember schickte er Angelo Sodano als Kardinaldekan in Pension, ein Amt mit wichtigen Funktionen bei einer Papstwahl, und er holte den philippinischen Kardinal Luis Antonio Tagle als Präfekt der Missionskongregation nach Rom. Der charismatische Erzbischof von Manila gilt als asiatisches Gesicht von Papst Franziskus und als sehr „papabile“.

Klar ist allerdings auch, dass ein Pontifikatswechsel in den kommenden Monaten die Ära Franziskus hochgradig unvollendet lassen würde. Knapp sieben Jahre nach Amtsantritt ist keines seiner Reformvorhaben abgeschlossen, weder die eng umrissenen wie die Kurienreform und der Kampf gegen Missbrauch in der Kirche, noch die großen, eher grundsätzlichen; zu nennen sind hier die breite Verankerung der Schöpfungsverantwortung und der göttlichen Barmherzigkeit in der Weltkirche oder die neue Stufe des Dialogs mit dem Islam seit dem Dokument der Geschwisterlichkeit, das Franziskus – der erste Papst auf der arabischen Halbinsel – 2019 in Abu Dhabi unterzeichnet hat.

Zwei wichtige Dokumente von Franziskus stehen allerdings schon Anfang 2020 ins Haus. Das erste betrifft die Kurienreform. Die Apostolische Konstitution, die die Arbeit des Heiligen Stuhles auf eine neue Grundlage stellen soll, ist derzeit in einer Phase der Begutachtung durch die Ortskirchen, die sich länger hinzieht als gedacht.
Offiziell bekannt ist bisher nur der Name des Grundlagendokuments, „Praedicate Evangelium“. Das ist programmatisch zu verstehen: Die Arbeit der Kurie hat im Dienst der Verkündigung der Frohen Botschaft zu stehen, und alle Vorgänge sind an diesem Ziel auszurichten. Es geht dem Papst nicht vorrangig um neue Strukturen, sondern um neue Haltungen und Perspektiven an der Kurie. Macht ist Dienst, Dienst an der Weltkirche: Das hat Franziskus mehrfach variiert über die Jahre seinen höchstrangigen Mitarbeitern in den Weihnachtsansprachen eingeschärft. Ein weiteres Ziel der Kurienreform ist es, Priester und Laien, Männer und Frauen am Heiligen Stuhl zu einer besseren Zusammenarbeit anzuleiten und Modelle geteilter Verantwortung zu finden – Modelle, die dann in den Bistümern der Welt Schule machen könnten.

Ebenfalls schon bald soll das Schreiben von Franziskus im Nachgang zur Amazoniensynode erscheinen. Die Bischofsversammlung vom Oktober 2019 hatte zwei Schwerpunkte, zum einen ganzheitliche Ökologie, zum anderen eine bessere Seelsorge in den Gemeinden des riesigen Amazonasbeckens. Die Synodenväter billigten einige innovative Vorschläge wie die Weihe Ständiger Diakone zu – verheirateten – Priestern für besonders entlegene Gemeinden, in denen die Getauften nur ganz selten die Eucharistie feiern können. Eine Aufweichung der priesterlichen Ehelosigkeit, wie Kritiker sie befürchten, sehen Befürworter einer solchen Lösung nicht gegeben, weil in der katholischen Kirche auch heute schon verheiratete Priester wirken, etwa in den mit Rom unierten Ostkirchen. Franziskus hatte den Zölibat stets verteidigt, einmal aber auch angedeutet, er könne sich eine solche Ausnahmelösung für Amazonien vorstellen. Was er dazu in seinem Dokument anordnet, werden Gläubige jedenfalls nicht nur in Amazonien mit höchster Aufmerksamkeit wahrnehmen.

Eines lässt sich über das Papstjahr 2020 schon jetzt mit Gewissheit sagen: Was immer Franziskus schreibt, sagt, tut oder unterlässt, er wird weiterhin aus einigen Ecken der Kirche geharnischte und nicht immer faire Kritik ernten. Zugleich aber wird ein Gutteil der katholischen Kirche selbstverständlich hinter diesem Papst stehen und seine Mahnungen zur Umkehr zu beherzigen versuchen. Und weit über die Kirche hinaus wird Franziskus mehr denn je als globales Weltgewissen gelten.

Autor:

Gudrun Sailer aus Wien & NÖ-Ost | Der SONNTAG

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