Mit 77 Jungtieren auf der Alm
Auch Kühe brauchen Streicheleinheiten

„Zu manchen Tieren entsteht auf der Alm eine ganz besondere Beziehung“, erzählt Elisabeth Klauser. Dennoch sei immer auch Respekt angesagt.
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  • „Zu manchen Tieren entsteht auf der Alm eine ganz besondere Beziehung“, erzählt Elisabeth Klauser. Dennoch sei immer auch Respekt angesagt.
  • Foto: Dieter Höller
  • hochgeladen von Marlene Groihofer

Elisabeth Klauser ist Halterin auf der Geißenbergalm in Schwarzenbach im niederösterreichischen Pielachtal. 77 Jungtiere sind auf 1.000 Meter Seehöhe in diesem Jahr in ihrer Obhut. Über ihre Faszination für die Psychologie der Kühe, über das meditative Gehen und das Freiheitsgefühl beim Blick über die Gipfel erzählt Elisabeth Klauser im Gespräch mit dem SONNTAG.

Seit dem Frühjahr trifft man Elisabeth Klauser fast ausschließlich in kariertem Hemd und mit Hut an. „Körperlich ist die Arbeit nicht zu unterschätzen“, sagt sie, während sie ihre Bergschuhe schnürt. Täglich ist Elisabeth Klauser auf den Weiden unterwegs, um ihre Schützlinge zu begutachten. Es ist der sechste Sommer, den die Mutter dreier erwachsener Kinder auf der Alm verbringt. Und die erste Saison, in der Elisabeth Klauser alleine als Halterin tätig ist: „Ich beginne jeden Tag zufrieden und in Dankbarkeit. Es gibt für mich keinen schöneren Arbeitsplatz.“

  • Sie sind bereits seit dem Frühling auf der Alm. Nun neigt sich die Saison dem Ende zu. Wie fühlt sich ein halbes Jahr Almleben an?

Elisabeth Klauser: Ich liebe es, eine ganze Saison lang die Bäume auf den Weiden zu beobachten, die Natur so nah zu erleben. Das Licht ist im Frühling ganz anders als im Herbst, es spannt sich ein Bogen, der etwas sehr Beruhigendes hat. Andere zieht es ans Meer. Mich auf die Alm. Es wäre stets spannend zu Beginn der Almsaison ein Interview zu führen, in der Mitte und am Ende der Saison. Am Schluss ist man schon sehr müde, muss sehr mit seinen eigenen Ressourcen haushalten. Das lernt man auf der Alm: Wie gehe ich mit mir selbst um.

  • Wo haben Sie gelernt, was es braucht, um als Halterin selbstständig eine Alm zu übernehmen?

Auf der Wildalm am Lahnsattel an der niederösterreichisch-steirischen Grenze. Dort habe ich mehrere Sommer und eine ganze Saison verbracht. Es ist eine sehr große Alm mit etwa 360 Hektar und 240 Tieren. Zwischen 20 und 30 Kälber pro Saison sind dort zur Welt gekommen. Für mich war es sehr spannend, die Mutterkuhhaltung kennenzulernen. Stiere sind Teil der Herde, die Besamung findet auf der Weide statt und Kühe bringen ihre Kälber direkt auf der Alm zur Welt. So sieht für mich artgerechte Tierhaltung aus. Es ist wunderbar zu beobachten, wie liebevoll ein Stier vor der Besamung mit einer Kuh umgeht und wie sanft er zu den Kälbern ist.

  • Sie selbst haben in diesem Jahr 77 Jungkühe von 21 Bauern in Ihrer Obhut, betreuen vier Weiden und sind täglich auf 160 Hektar Land unterwegs. Wie sieht Ihr Tag aus?

Wenn die Sonne aufgeht, bin ich munter. Erst versorge ich nach dem Frühstück die sieben Hühner und einen Hahn. Dann geht es zu den Kühen. Zweieinhalb Stunden nimmt es etwa in Anspruch, bis ich alle Kühe gesehen und gezählt habe, bis ich festgestellt habe, ob sie gesund sind. Ich habe eine „Kuh-Fahndungsliste“, samt der Nummer der Ohrmarken und eines Fotos von jeder Kuh. So kann ich abhaken, welchem Tier ich schon begegnet bin. Außerdem kontrolliere ich die Wasserstellen und sehe nach, ob die Zäune in Ordnung sind. Danach beginne ich, auf der Hütte die Jause für die Wanderer vorzubereiten. Oft habe ich Unterstützung durch ein sehr gutes Team. Das gibt mir sehr viel Ruhe und Rückhalt und ich genieße die Gemeinschaft.

  • Wussten Sie schon früh, dass es Sie einmal auf die Alm ziehen wird?

Ich bin ursprünglich diplomierte medizinisch-technische Fachkraft. „Das Menschliche“ ist für mich bei meiner Arbeit stets im Vordergrund gestanden. Ruhe und Verbindung ausstrahlen, Sicherheit geben. Später habe ich neben meinem Beruf im Röntgen begonnen, energetisch zu arbeiten und mich eines Tages für die Selbstständigkeit entschieden, da ich in der Energiearbeit sehr viel Sinn sehe. Die Verbindung zur Schulmedizin ist mir dabei sehr wichtig. Mit der Selbstständigkeit kam die Chance, mir die Zeit flexibler einzuteilen – so habe ich mir mit dem Almleben einen Lebens­traum erfüllt.

Heute betreiben Sie im Winter Ihre Energetische Praxis in St. Pölten, im Sommer trifft man Sie auf der Alm. Gibt es Gemeinsamkeiten zwischen Ihren beiden Arbeitsfeldern?

Es fügt sich zusammen. Zum Beispiel werden beim meditativen Gehen auf der Weide die Gedanken sehr frei. Man kann Ruhe und Klarheit finden, so sein, wie man ist. Wir sind gesegnet, denke ich jedes Mal, wenn ich mich auf der Weide umdrehe und über die Gipfel schauen kann. Aus diesem Blick von oben kann ich unheimlich viel Kraft schöpfen. Alles ist da. In diesen Momenten besitze ich so viel, ohne es zu besitzen. Das macht mich frei und glücklich.

  • Sie haben eine besondere Faszination für die Psychologie der Kühe entwickelt. Was ist für Sie das Spannende daran?

Das Berührendste war für mich zu erleben, als eine Mutterkuh nach dem Tod ihres Kalbes Trauer gezeigt hat. Ich würde sagen, sie hat geweint. Nachdem das Kälbchen vom Bauern abgeholt worden war, hat die Mutterkuh die gesamte Herde zusammengerufen. Alle haben sich um den Sterbeplatz des Kalbes versammelt und sind dort eine Minute in völliger Ruhe verblieben. Es war wie eine Verabschiedung, ein Begräbnis. Danach haben sich die Tiere gegenseitig abgeschleckt, sind herumgesprungen und die Trauer war weg. Es gibt so viele Parallelen vom Mensch zum Tier, die ich hautnah erlebe. Einmal hat eine Mutter­kuh so lange nach uns gerufen, bis wir ihr krankes Kalb im Wald gefunden haben. Genauso wie wir, wollen auch die Tiere, dass es ihrem Nachwuchs gut geht.

  • Kann man von Kühen etwas lernen?

Ruhe. Man kann im Leben sehr wohl etwas wollen, in eine Richtung gehen. Aber wenn ich zielgerichtet auf etwas zugehe und es unbedingt sofort erledigt haben will, wird es stressig. Möchte ich Kühe schnell von einer Weide auf die nächste bekommen, werde ich ein Problem haben. Je ruhiger ich bin, desto besser gelingt diese Arbeit. Das kann man sich auch fürs Leben mitnehmen.

  • Stimmt es, dass Sie Kühe auch massieren?

Kühe lieben es, am Nacken massiert zu werden! Auf der Wildalm hatten wir eine Kuh namens Rosi, die täglich zum Zaun kam und nicht wegging, bevor sie nicht ihre Streicheleinheiten bekommen hatte. Es ist sehr schön, zu beobachten, wie die Kühe im Nacken entspannen und einen langen Hals bekommen. Sie machen dann die Augen zu und genießen es.

Autor:

Marlene Groihofer aus Wien & NÖ-Ost | Der SONNTAG

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